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"Wir wollen dem Wandel immer einen Schritt voraus sein"

Janina Kugel ist eine der wenigen Frauen im Vorstand eines Dax-Konzerns. Als Arbeitsdirektorin und Mitglied des Vorstands der Siemens AG mit weltweit rund 380.000 Mitarbeitern ist sie zuständig für Human Resources, darunter Diversity, Social Innovation und Environmental Protection, Health Management and Safety. Am CEBIT-Montag wird sie in ihrer Keynote über "Digital transformation and the importance of humans" sprechen.

31.05.2018
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Janina Kugel, Arbeitsdirektorin und Mitglied des Vorstands der Siemens AG

In diesem Interview erzählt Janina Kugel nicht nur, wie Siemens die Herausforderungen der Digitalisierung angeht, sondern auch, wie sie selbst in Zeiten der Digitalisierung Arbeit und Privatleben unter einen Hut bringt.

Frau Kugel, Sie sind seit 2001 im Siemens-Konzern. Gibt es den Job, den Sie damals hatten, eigentlich noch in der gleichen Form?

Damals habe ich in der Strategie des Telekommunikationsbereichs von Siemens gearbeitet. Von diesem Geschäft hat sich Siemens bereits vor über zehn Jahren getrennt.

Das war kein rühmliches Kapitel unserer Firmengeschichte. Siemens war im Telekommunikationsbereich Weltmarktführer, hat aber den Wandel zu Telefonie übers Internet ignoriert. Das ist uns eine Mahnung, dem Wandel gegenüber aufgeschlossen zu sein. Wir wollen dem Wandel möglichst immer einen Schritt voraus sein, damit wir ihn selbst mit gestalten können und nicht von ihm überrollt werden.

Siemens selbst ist mehr als 170 Jahre alt, hat weltweit rund 380.000 Mitarbeiter. Wie geht ein solcher Konzern aus Personalsicht mit den Themen Digitaler Wandel und Digitale Transformation um?

Die Digitalisierung ist ein wesentlicher Treiber des Wandels, den wir gerade erleben. Einerseits hat das Auswirkungen auf das Arbeiten an sich. Neue digitale Kommunikationstechnologien ermöglichen in vielen Bereichen eine flexiblere und kostengünstigere Arbeitsweise. Dafür müssen wir die nötigen Tools bereitstellen. Andererseits müssen wir uns die nötigen Qualifikationen aneignen, beispielsweise in den Bereichen Data Analytics, Künstliche Intelligenz oder Virtual Reality.

Fakt ist: Bestimmte Märkte und Arbeitsplätze werden infolge des Strukturwandels dauerhaft entfallen. An anderer Stelle wird die Digitalisierung aber auch neue Arbeitsplätze schaffen. Deshalb müssen wir die künftigen Qualifikationsanforderungen erkennen und unsere Aus- und Weiterbildungsprogramme entsprechend gestalten.

Das ist übrigens auch ein ganz wesentlicher Punkt des Zukunftspakts, den Siemens zusammen mit dem Gesamtbetriebsrat und der IG Metall kürzlich geschlossen hat. Jedes Jahr gibt Siemens schon heute rund 500 Millionen Euro für Aus- und Weiterbildung aus. Um den Strukturwandel zu gestalten, werden wir über die kommenden vier Jahre zusätzlich bis zu 100 Millionen Euro in einem Zukunftsfonds bereitstellen.

Was sehen Sie in diesem Zusammenhang als Ihre größte Herausforderung als Personalvorstand an?

Wir erleben gerade einen Strukturwandel, wie wir ihn in puncto Ausmaß und Geschwindigkeit in den vergangenen Jahrzehnten nicht erlebt haben. Das führt zu einem Kulturwandel, der in einigen Bereichen mehr, in anderen weniger ausgeprägt ist. Ein Beispiel: Deutschland ist noch sehr geprägt von der Präsenz-Kultur und Büro-Arbeit. Das ändert sich zunehmend durch die Digitalisierung und neue Kommunikationstechnologien.

Letztlich ist es nachrangig, wann, wo und wie Aufgaben erledigt werden – die Ergebnisse zählen. Aber das bedeutet auch, den Führungsstil dahingehend anzupassen. Das fällt vielen noch schwer. Das Interessante dabei: Im privaten Bereich sind wir teilweise schon viel weiter. Viele Dinge erledigen wir heute mit einer App – egal wo wir gerade sind.

Die größte Herausforderung ist, dass wir alle – Unternehmen, Sozialpartner, Politik und Gesellschaft – den Wandel aktiv gestalten müssen, sonst wird der Wandel uns gestalten. Unser Wohlstand ist nicht in Stein gemeißelt, er wird sich global umverteilen. Deshalb dürfen wir nicht an dem festhalten, was uns in der Vergangenheit erfolgreich gemacht hat, sondern wir müssen das tun, was uns auch in Zukunft erfolgreich sein lässt. Das fällt vielen schwer, aber wichtig ist, dass jeder selbst die Verantwortung dafür übernehmen muss, sich stetig weiterzuentwickeln und Neues zu lernen.

Einerseits ist das meine Aufgabe, den Mitarbeitern dafür die nötigen Freiräume zu schaffen. Andererseits ist das auch eine politische und gesellschaftliche Aufgabe, vor allem für diejenigen, die bereits im Berufsleben stehen, denn nicht jeder Arbeitgeber hat die gleichen Möglichkeiten, Weiterbildung anzubieten wie wir es können.

In einem Interview haben wir gelesen, dass Sie regelmäßig um 18 Uhr nach Hause gehen, um sich um Ihre Kinder zu kümmern und dann später weiter arbeiten. Vermutlich wäre so etwas noch vor wenigen Jahren undenkbar für ein Vorstandsmitglied eines Dax-Konzerns gewesen. Welcher Wandel in der Unternehmenskultur war dafür nötig?

Ja, wenn ich nicht reise, dann kann ich das einrichten. Auch ich will meine Kinder natürlich so oft es geht sehen und mich um sie kümmern. Das tut allen gut und vieles an meiner Arbeit lässt sich genauso gut später erledigen. Glücklicherweise ist dies dank digitaler Kommunikationstechnologien heutzutage möglich.

Das ist Teil des Kulturwandels und den lebe ich vor, aber ich bin da nicht die Einzige. Damit will ich unseren Mitarbeitern und Führungskräften Mut machen, alte Denkmuster aufzubrechen und Neues auszuprobieren – ihnen mehr Freiheiten geben. Die Gesellschaft verändert sich und darauf müssen wir uns einlassen. Und im Übrigen kann sich ein Unternehmen immer über motivierte Mitarbeiter freuen.

Wie gehen Sie das Thema Recruiting in Zeiten von Fachkräftemangel und Digitalisierung an?

Das Thema Fachkräftemangel ist allgegenwärtig, besonders in den MINT-Bereichen. Aber auch Schweißer werden händeringend gesucht. Bei den Facharbeitern fehlen nach Berechnungen des Instituts der deutschen Wirtschaft aktuell knapp 315.000 Arbeitskräfte. Noch können wir bei Siemens unseren Bedarf an Fachkräften weitestgehend decken. Mittel- und langfristig steuern wir jedoch auf eine Lücke zu. Darauf bereiten wir uns vor.

Unser bereits seit mehr als 125 Jahren bestehendes duales System für Aus- und Weiterbildung passen wir fortlaufend an die Bedürfnisse des Marktes und des Unternehmens an. So erfordert die Digitalisierung zum Teil gänzlich neue Qualifizierungsprofile. Es geht aber auch darum, wie wir potenzielle Fachkräfte ansprechen und wie wir sie gewinnen. Hier gehen wir neue Wege – digitale Wege.

Ein Beispiel ist unsere in den sozialen Medien sehr erfolgreich laufende Kampagne #FutureMakers. Hier erzählen Siemens-Mitarbeiter aus der ganzen Welt ihre persönlichen Geschichten. Das war keine Arbeitsanweisung an die Mitarbeiter, das sind alles freiwillig entstandene Blog- und 360-Grad-Video-Beiträge. Damit geben wir Bewerbern einen authentischen Einblick in die Welt von Siemens und zeigen, wie vielfältig die Menschen sind, die bei uns arbeiten.

Wenn Sie mal die nächsten fünf bis zehn Jahre vorausblicken, welche Unternehmenskultur wird dann in den großen Dax-Konzernen vorherrschen?

Ich möchte das nicht auf große Konzerne beschränken. Ich fände es toll, wenn in allen Unternehmen über alle Hierarchieebenen hinweg eine Kultur gelebt wird, die die jeweiligen Bedürfnisse und Werte der Gesellschaft widerspiegelt. Konkreter kann ich es nicht sagen, weil sich die Gesellschaft ständig verändert. Deshalb müssen sich auch Unternehmen und mit ihnen ihre Kultur ständig auf diesen Wandel einlassen.

Ideal wäre es, wenn wir diesen Wandel selbst mitgestalten. Siemens ist hier in der Tat Vorreiter. Wenn Sie das Geschäft und die Arbeitsweise von Siemens heute mit dem Geschäft und der Arbeitsweise von vor 10, 20 oder noch mehr Jahren vergleichen, stellen Sie kaum Gemeinsamkeiten fest, es ist kaum ein Stein auf dem anderen geblieben. Warum? Weil Siemens dem Wandel gegenüber immer aufschlossen war und sich immer wieder verändert hat. Nur eines hat sich bei Siemens nie verändert: der Wille, die Zukunft zu gestalten.

Kaum zu glauben, aber noch immer gibt es nur wenige Frauen in den Dax-Vorständen. Was würden Sie heute einer jungen Frau raten, die sich zum Ziel gesetzt hat, in diese Riege aufzusteigen?

Ich rate jedem Mitarbeiter das Gleiche, egal ob Mann oder Frau und unabhängig von kulturellem Hintergrund, Ethnie, Herkunft oder sexueller Orientierung. Verantwortung übernehmen, bestehende Denkmuster und Prozesse immer wieder hinterfragen und Neues ausprobieren – nur so können wir den Wandel gestalten und in der Zukunft wettbewerbsfähig bleiben.

Aber bis wir auf der Welt wirklich Gleichberechtigung erreicht haben, wird es leider noch etwas dauern. Es sorgt mich auch, dass das, was wir als schon „erreicht und damit normal“ empfinden, teilweise wieder neu verteidigt werden muss. Da liegt noch viel Weg vor uns allen.

Sprecherprofil Siemens auf der CEBIT

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