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Research & Innovation

Plädoyer für einen reflektierten Fortschritt

Ranga Yogeshwar ist der wohl bekannteste deutsche Wissenschaftsjournalist. Der Diplomphysiker entwickelte, produzierte und moderierte zahlreiche TV-Sendungen wie "Quarks", "Die Große Show der Naturwunder" und "W wie Wissen". Doch er ist mehr als nur ein Erklärer von Wissenschaft und Technologie.

09.02.2018
Ranga Yogeshwar
Ranga Yogeshwar

In unserem Interview im Vorfeld seines Auftritts auf der CEBIT 2018 spricht er darüber, wie der technologische Fortschritt mit Algorithmen und künstlicher Intelligenz unsere Gesellschaft verändert – und auf welche Art und Weise wir damit umgehen sollten.

Herr Yogeshwar, in einem Artikel in der FAZ schrieben Sie vor kurzem über die Digitalisierung: "Die Leute nutzen immer Geräte, die sie immer weniger verstehen." Was muss sich ändern?

Immer mehr Menschen umgeben sich mit Apparaten wir Amazon Echo oder Google home und wissen nicht was alles dahinter passiert. Wir nutzen soziale Netzwerke, doch niemand kennt die Algorithmen. Auch bei der Suchmaschine Google ist den Außenstehenden nicht klar, nach welchen Kriterien die Priorisierung der Inhalte erfolgt. Etwas tiefer offenbart sich sogar ein prinzipielles Problem: Digitale neuronale Netze werden bereits angewendet, doch selbst Fachleute verstehen nicht, wie diese komplexen Systeme wirklich funktionieren.

Der Ruf wird daher immer lauter nach "explainable AI", also KI-Systemen, die trotz ihrer Leistungsfähigkeit in ihrem Verhalten verstanden werden. Wenn Sie heute zum Beispiel eine künstliche Intelligenz nicht verstehen, die über die Vergabe von Bankkrediten entscheiden kann, werden Sie niemals erklären können, warum eine Kreditentscheidung negativ ausgefallen ist.

Was soll falsch daran sein, bei Kreditentscheidungen einem Algorithmus zu vertrauen? Ist der nicht objektiver als ein Mensch?

Sie haben immer Fehlermomente, auch wenn sie noch so klein sind. Und die müssen Sie erklären. Stellen Sie sich doch mal vor, ein Algorithmus erkennt, dass Sie ein Verbrecher sind. Dann finde ich es gesellschaftlich wichtig und legitim, verstehen zu müssen, woher diese Erkenntnis kommt.

Der Technikerklärer Ranga Yogeshwar warnt also vor der Technik?

Nein, ich plädiere für einen reflektierten Fortschritt. Insbesondere in Deutschland haben wir in Sachen des technologischen Fortschritts immer eine sonderbare Schwarzweißmalerei. Das müssen wir auflösen durch einen reflektierten Umgang mit Technologie.

Sie haben Alexa und Google Home genannt. Warum ist hier Reflektion nötig?

Aktuell werden unsere Kinder darauf konditioniert, bedingungsloses Vertrauen in Apparate aufzubauen. Doch diese Apparate sind keine neutralen Butler, sondern wollen uns etwas verkaufen. Wenn die Kinder nicht lernen zu reflektieren, wie sollen sie dann noch zu mündigen und aufgeklärten Bürgern werden?

Also wieder raus mit den Sprach-Assistenten aus den Wohnungen?

Es geht nicht darum, die Technik zu verdammen. Aber aus Vertrauen muss wieder Verständnis werden. Wir bewegen uns in einer Welt der Black Boxes, die einen immer größeren Stellenwert in unserem Leben einnehmen und wir als Gesellschaft müssen uns die Frage stellen, wie wir dort Transparenz herstellen.

Stehen wir also am Scheideweg der Digitalisierung – zwischen einem aufgeklärten Umgang mit Technologie und blindem Vertrauen?

Unsere Gesellschaften werden bereits jetzt immer stärker durch Algorithmen gebildet. So bestimmt zum Beispiel der Facebook-Algorithmus, wer mit wem in Kontakt gerät. Gesellschaftliche Gruppen bilden sich im Netz allein aufgrund der Entscheidungen eines Unternehmens.

Während traditionelle Medien und insbesondere der öffentlich-rechtliche Rundfunk eine Pflicht zur Ausgewogenheit haben, setzen Algorithmen ganz andere Kriterien an.

Sie kommen an einen Punkt, an dem Algorithmen darüber entscheiden, welche gesellschaftliche Gruppe im demokratischen Diskurs überhaupt noch gehört wird. Dadurch wird das Denken und die Rezeption der Wirklichkeit beeinflusst. Man kann sich ausmalen, welche Art von Bewusstsein dadurch entsteht.

Facebook-Gründer Mark Zuckerberg hat vor kurzem angekündigt, auf Facebook stärker "Meaningful Conversations" fördern zu wollen. Ein Schritt zurück aus dieser Falle?

"Meaningful" mag sich sehr gut anhören, aber das kann man auch anders interpretieren. Denn wer entscheidet denn künftig, welchen Diskurs eine Gesellschaft zu führen hat? Darf ein System, das außerhalb der Gesellschaft steht, entscheiden, wer mit wem spricht?

Was wäre denn ein Schritt in eine aufgeklärte und reflektierte Zukunft?

Wir müssen jetzt die Betriebsanleitung des Fortschritts schreiben. Aktuell sind wir wie Kinder, die ein Geschenk auspacken und sofort loslegen. Die Plattformen von Google oder Facebook sind inzwischen so groß, dass sie systemrelevant werden. Wenn ein Netzwerk einen derartig großen Einfluss auf das Miteinander in einer Gesellschaft hat, sollte man auf die Offenlegung der Algorithmen pochen.

Wie meinen Sie das?

Aus den Massenmedien sind die Medien der Massen geworden, denn jeder kann publizieren und Millionen damit erreichen. Das ist eine großartige Chance. Doch wer hunderttausende Follower hat, der beeinflusst unsere Gesellschaft und trägt somit eine andere Verantwortung. Hierfür braucht es, wie ich finde, andere Spielregeln.

Schon heute merken wir wie soziale Netzwerke zum verstärkenden Nährboden für alternativen Wahrheiten werden und das in einer zersplitternden Parteienlandschaft und einem von Algorithmen befeuerten gesellschaftlichen Diskurs.

Brauchen wir also einen Digital-Führerschein?

Die digitale Kultur bietet uns eine neue Art des Miteinanders, die wir vor Jahren noch nicht kannten, deren Regeln wir erst lernen und deren Chancen wir aktiv angehen müssen. Es wäre sehr bedauerlich, wenn uns die Digitalisierung um die Ohren fliegt, weil wir unsere Hausaufgaben nicht gemacht haben.

Wagen wir also zum Schluss einen positiven Blick in die Zukunft. Wie sieht eine Welt aus, in der wir unsere digitalen Hausaufgaben gemacht haben?

Vielleicht erleben wir ja eine Zukunft, in der wir digitale Diener haben, die sich um die niederen Dinge des Lebens kümmern – und wir Menschen uns um die Dinge, die für unsere Gesellschaft wichtig sind. Überspitzt heißt das: Wenn Maschinen Maschinen programmieren können, macht es für den Menschen wenig Sinn, eine Programmiersprache zu lernen. Ist es dann nicht klüger, unseren Kindern einen Sinn für Gedichte und Malerei zu vermitteln?

Die digitale Revolution öffnet uns neue ungeahnte Möglichkeiten, doch sie verändert auch unsere Gesellschaft. Wir stehen also vor einer unglaublich spannenden Zeit, die das Potential hat, unsere Welt lebenswerter zu machen. In der jetzigen Scharnierphase stellen sind dabei viele Fragen: Welche Bedeutung hat die Arbeit? Was ist unser gemeinsames Ziel? Was sind die Werte einer neuen Gesellschaft und wie gelingt uns ein stabiler Übergang aus dem Heute in das Morgen? Der Weg dorthin ist ein steiniger, der geprägt sein wird von viel gesellschaftlichem Diskurs und nicht nur von Business-Modellen.