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Research & Innovation

Internet ohne Überwachung: Orchid will das Web 3 zur Realität machen

Die Vision vom Web 3 als Nachfolger des Web 2.0 findet derzeit ganz unterschiedliche Ausprägungen. Orchid will zum Beispiel Überwachung und Zensur aus dem Internet verbannen. Wir haben mit CEO Steven Waterhouse gesprochen.

04.04.2018 Quelle: t3n Sébastien Bonset
Quelle: Shutterstock / Stocklifemax
Quelle: Shutterstock / Stocklifemax

Diverse Startups arbeiten daran, das Internet dezentraler zu machen. Viele unterschiedliche Ansätze setzen dabei auf die Blockchain-Technologie. Was genau hinter dem sogenannten Web 3 steckt und warum die Entwicklung so wichtig ist, erklärt der t3n-Artikel Web 3: Der Anfang vom Ende der Plattformökonomie ist dezentral .

Internet ohne Überwachung: Orchid arbeitet am Web 3

Orchid gehört zu den Startups, die das Internet neu erfinden wollen. Dabei handelt es sich um ein Protokoll, das überschüssige Bandbreite nutzbar machen will, um eine verschlüsselte und dezentrale Infrastruktur aufzubauen. Auf diese Weise sollen Nutzer Zugang zum Internet bekommen – und das völlig ohne Überwachung und Zensur. Vereinfacht gesagt, handeln Orchid-Nutzer untereinander Bandbreite für Orchid-Tokens. Das funktioniert auf Peer-to-Peer-Basis mit Hilfe der Ethereum-Blockchain.

Orchid hat das Interesse von Investoren wie Sequoia, Andreessen Horowitz, DJF, Polychain Capital und anderen geweckt, die das Projekt unterstützen. Zum Team gehören unter anderem Jay Freeman, der vom alternativen App-Store für das iPhone – Cydia –, kommt. Ebenfalls mit an Bord sind Brian Fox, der Autor der Bash Shell und erster Angestellter der Free Software Foundation sowie Gustav Simonsson, der das Core-Security-Framework mit einem Team von Ethereum geschrieben hat. Wir haben mit Steven Waterhouse, dem CEO und Mitgründer von Orchid Protocol und Orchid Labs, gesprochen. Der gebürtige Engländer hat seine Doktorarbeit zum Thema Deep Learning und Spracherkennung in Cambridge verfasst und lebt seit 21 Jahren in San Francisco.

t3n.de: Steven, es gab eine Zeit, in der viele Menschen keine Kreditkarten nutzen wollten, um ihre Privatsphäre zu schützen. Mittlerweile gehen wir viel leichtsinniger mit unseren Daten um. Wie kam es dazu und was hat sich verändert?

Steven Waterhouse: Nehmen wir mal Facebook als Beispiel. Da besteht eine Art unausgesprochene Übereinkunft, dass wir für den Komfort und die Bequemlichkeit mit unserer Privatsphäre und dem Zugang zu Informationen bezahlen. Dieser implizite Handel ist vielen Leuten bekannt, aber sie wollen nicht darüber nachdenken und finden auch nicht, dass es eine große Sache ist.

Mit Kreditkarten ist es ein bisschen anders, da geht es um sichere Übertragung und ähnliche Aspekte. Ich habe die Theorie, dass die Welt immer nerdiger wird. Sie wird nicht einfacher, wir werden nur besser darin, Dinge zu benutzen. Das sieht man daran, wie die Nerds die SSL-Verschlüsselung verbreitet haben – wenn ein Formular SSL-verschlüsselt ist, dann weißt du, dass es sicher ist. Und je weiter sich das verbreitet hat, umso weniger hatte ich ein Problem damit, meine Daten irgendwo einzugeben.

Aber daraus ist dieser implizite Handel geworden, und das ist mit jeder Generation schlimmer geworden. Mit Orchid wollen wir den Leuten die Wahl geben, mit wem genau sie welche ihrer Daten teilen. Man sollte eine Website ganz selbstverständlich besuchen können und sagen: "Ich möchte dir diese Information nicht geben". Oder man gibt sie. Aber man hat die Wahl.

t3n.de: Aktuell bezahlen Nutzer im Internet scheinbar kostenlose Dienste mit ihren Daten. Glaubst du, den meisten Leuten ist das einfach egal oder wissen sie es einfach nicht besser?

Steven Waterhouse: Ich glaube, vielen fehlt hier das Bewusstsein. In den USA hatten wir kürzlich ein paar Fälle – beispielsweise wurde ein Gesetz verabschiedet, das es Breitbandanbietern im Grunde erlaubt, deine Daten zu verkaufen. Was auch immer du machst, sie können es an Dritte weiterverkaufen. Stell dir mal vor, deine Krankenversicherung findet heraus, dass du eine bestimmte Krankheit recherchiert hast – und plötzlich werden deine Beiträge erhöht oder du verlierst deinen Versicherungsschutz komplett. Das klingt vielleicht etwas weit hergeholt, aber es könnte passieren. Plötzlich musst du dir nicht nur um die Regierung Gedanken machen, sondern um alle Unternehmen – und die sind sehr, sehr mächtig und haben Einfluss auf viele Regierungen.

Das andere war die Netzneutralität. Also die Idee, dass aller Traffic gleichwertig ist und nicht unterschiedlichen Tarifen unterliegt und das wurde abgeschafft von der FCC und so langsam wird den Leuten klar, was das bedeutet. Es gibt eine App, die kannst du dir auf dein Telefon laden und sie zeigt dir an, ob dein Traffic beschränkt wird. Langsam aber sicher begreifen die Leute, dass das eine versteckte Form der Zensur ist. Zensur kann viele Formen annehmen, vielleicht kannst du bestimmten Content nicht aufrufen – vielleicht musst du aber auch viel dafür bezahlen, um ihn zu sehen.

Quelle: Michael Candelori / Shutterstock
Quelle: Michael Candelori / Shutterstock

Netzneutralität war schon lange ein großes Thema unter den Techies, aber es breitet sich weiter aus. Von San Francisco aus habe ich die Olympischen Winterspiele verfolgt, aber auf BBC, weil ich deren Berichterstattung besser finde. Und nach ein paar Tagen hat der BBC-Server mein VPN erkannt und mich rausgeschmissen. Ich konnte nicht mehr gucken, ich musste ein anderes VPN nutzen. Mit Orchid würde das nicht mehr passieren, weil es dezentral ist.

t3n.de: Ihr wollt ja ein dezentrales Peer-to-Peer-Netzwerk auf die Beine stellen. In eurem Whitepaper erwähnt ihr Bandbreiten-Mining. Was bedeutet das?

Steven Waterhouse: Das Konzept beruht auf einem ähnlichen Prinzip wie Bitcoin-Mining oder Ethereum oder anderes, es ist dasselbe Konzept. Auf einer komplett technischen Ebene ist es das aber nicht ganz, weil man beim Schürfen von Bitcoin ein Arbeitsergebnis vorweisen kann. Bandbreite vorzuweisen ist aber schwieriger. Man kann natürlich das Netzwerk flooden, aber das ist keine wirklich gute Idee.

Die grundlegende Idee ist, dass jeder einem Netzwerk Ressourcen zur Verfügung stellt, in diesem Fall verschlüsselte Bandbreite. Dafür gibt es dann eine Art Aufwandsentschädigung in Form von Orchid-Token. Stell dir die Token wie einen neuen Internetprovider vor. Du bezahlst, damit du diesen verschlüsselten, überwachungs- und zensurfreien Zugang zum Internet erhältst. Und die Anbieter im Netzwerk sind entweder professionelle Bandbreitenanbieter, Datencenter oder einzelne Nutzer. Je breiter das Netzwerk aufgestellt ist, umso besser skaliert es und desto besser kann es Angriffen widerstehen.

t3n.de: Was unterscheidet Orchid im Detail von Tor oder VPN?

Steven Waterhouse: Zunächst mal die Hintergrundphilosophie: Die meisten Leute in der westlichen Welt nutzen VPN, um ihren Standort zu verschieben. Auch in China ist das natürlich bei vielen Nutzern sehr beliebt. Du verschiebst deinen Standort, damit der Betreiber eines Dienstes denkt, du sitzt in Berlin und nicht in Chicago und schaust Netflix. Du brichst dabei keine Regeln – naja, doch, aber du bezahlst ja trotzdem für die Inhalte. Du verletzt die Lizenzbestimmungen für diese Inhalte. Und was Tor angeht, Tor soll im Grunde komplette Anonymität bieten.

Quelle: Shutterstock
Quelle: Shutterstock

t3n.de: Ist Orchid denn eher für Menschen in Ländern wie China gedacht, weil hierzulande kaum jemand ein VPN nutzt – nicht mal im offenen WLAN, oder nur, um Netflix zu gucken?

Steven Waterhouse: Wenn man sich mal ansieht, wie sich die Nutzung von VPN-Clients seit dem Gesetz zur Netzneutralität entwickelt hat, stellt man fest, dass sie rasant zugenommen hat. Hättest du mich das also gefragt, bevor das passierte, dann hätte ich gesagt, du musst Mittel und Wege finden, Orchid in Zusammenhang mit Spaß zu vermarkten. Dass man es zum Beispiel im Zusammenhang mit der Fußballweltmeisterschaft im Sommer bewirbt, weil die BBC-Berichterstattung besser ist oder die spanische, und dass man sich dann fragt: "Warum geht das nicht, warum kann ich das nicht machen?!"

Ich erinnere mich noch gut, als ich frisch in den Staaten angekommen war, wollte ich unbedingt Radio 1 hören – Pete Tongs "Essential Selection" am Freitagabend – und es war nicht möglich. Ich habe mich bei meinem Bruder beschwert und wir hatten die Idee, in London einen Server aufzustellen und mit einer kleinen Zeitverzögerung konnte ich dann Radio hören. Heutzutage haben wir natürlich Webradio und Apps wie TuneIn, aber dieser Gedanke, dieses "Warum kann ich das nicht?!", der beschäftigte mich.

Worauf ich hinaus will: Konsumenten und Nutzer wollen Spaß haben, also muss man Wege finden, die Leute zum Spaß Haben zu motivieren und ihnen gleichzeitig sagen: "Übrigens, wir schützen euch hier auf vielfältige Art und Weise." Es ist Spaß, aber sicherer Spaß.

Aber auch wir hier haben noch einen weiten Weg vor uns. Klar mache ich mir Sorgen darüber, wie aggressiv alles getrackt wird: Daten, Informationen et cetera. Denk nicht, uns wäre nicht bewusst, dass das nur ein kleines Teil vom Puzzle ist. Es gibt genug andere Teile, auf die man ein Auge haben muss, aber es braucht etwas, mit dem den Leuten das Werkzeug an die Hand gegeben wird, um eine Wahl zu treffen.

t3n.de: Über dezentrales Internet wird viel diskutiert. Kannst du dir vorstellen, dass die Blockchain-Technologie irgendwann mal ein wirklich dezentrales Internet schaffen kann?

Steven Waterhouse: Ich glaube, dass manche Dinge zentralisiert besser funktionieren, auch wenn ich ein Verfechter dezentraler Strukturen bin. Ein gutes Beispiel, um diese Aussage zu erklären, ist ein Ranking-System wie zum Beispiel bei Ebay.

Ebay hat ein wirklich gutes System geschaffen, um sicherzugehen, dass die Käufer und Verkäufer bewertet werden. Ich kann leicht herausfinden, ob du ein guter Käufer und Verkäufer bist, ich kann deine bisherigen Transaktionen einsehen und Ebays Leute kümmern sich um Betrugsfälle und regeln Dinge. Natürlich kann man das bestimmt noch dezentraler aufstellen, aber am Ende stellt sich die Frage nach dem Autor, danach, wer bestimmen darf, was richtig und falsch ist. Man kann viele Aspekte rund um die Auktionen dezentralisieren, aber die Bewertung der Nutzer ist nicht nur durch andere Nutzer, sondern auch durch Ebay selbst wichtig, um Betrugsfälle auszuschließen.

Diese Dinge werden vermutlich weniger dezentral werden, als die Träumer es gerne hätten, aber es gibt bereits Lösungen, und die beinhalten alle eine Art von halbwegs dezentraler Struktur.

t3n.de: Um deine Visionen und auch weiterführende der – wie du sie nennst – Träumer umzusetzen, braucht es die Technologie. Aber man muss auch die Nutzer von dieser Idee überzeugen. Wie stellt man das am besten an?

Steven Waterhouse: Wenn ich mich an meine Zeit in Cambridge zurückerinnere, denke ich an E-Mails, die damals direkt an eine große Maschine in der Fakultät gingen. Das war der schnellste Weg und überhaupt nicht dezentral. Das war eine Direktverbindung. Es gibt da ja auch diesen Witz, dass die Cloud eigentlich nur der Rechner von jemand anderem ist.

Google weiß im Grunde ja auch nicht, auf welcher Maschine deine Mails liegen. Wahrscheinlich ist es sogar eher so, dass eine Menge Maschinen deine Mails lagern, und sie sind vermutlich in viele kleine Einzeldateien zerlegt. Das ist im Prinzip ja schon eine dezentrale Architektur. In Zukunft werden viele Technologien wie Virtualisierung oder auch Peer-to-Peer einfach von den Datencentern in das Wide-Area-Network dezentraler Technologien überführt. Kryptowährungen und Blockchains ermöglichen einfach sehr spannende Ansätze, wenn es um Wide-Area-Networks und eine darauf basierende Skalierung geht.

Eigentlich nehmen wir einfach unsere alten Technologien und erfinden sie neu. Die Antwort auf deine Frage ergibt sich eigentlich schon aus bestehenden Diensten. Skype, Napster und andere sind alles dezentrale Peer-to-Peer-Technologien. Was noch fehlt, ist, dass derartige dezentrale Dienste auch ohne einen einzelnen Provider funktionieren.

Betrachtet man das Ganze aus der Perspektive eines Investors, muss man sich natürlich fragen, worin genau der Vorteil liegt, bereits funktionierende Dienste dezentral neu aufzusetzen. Die einfachste Antwort ist natürlich, dass sich so Geld sparen lässt. Allerdings lässt sich billiger nicht immer auch besser verkaufen. Damit sich dezentrale Alternativen beim Nutzer durchsetzen, müssen sie sich neue Tricks ausdenken und nicht nur die Geschäftsmodelle rund um etablierte Technologien kopieren.

Google Maps ist hier wirklich interessant, weil es im Grunde die erste Anwendung war, die GPS-Smartphones richtig nutzte. Plötzlich wusste das Telefon, wo du bist. Plötzlich ergab es einen Sinn, dass da ein GPS-Chip eingebaut war. Google ist es also damals gelungen, eine existierende Technologie zu nehmen und darauf ein brandneues Geschäftsmodell aufzusetzen.

Meiner Meinung nach ist es im Bereich dezentraler Technologien viel interessanter, darüber nachzudenken, welche neuen Ideen sich damit realisieren lassen.

t3n.de: Also muss man Geduld haben und abwarten, bis es ein paar wirklich neue Anwendungsmöglichkeiten in der realen Welt gibt, und dann verkauft man es den Leuten im Nachhinein?

Steven Waterhouse: So verkauft man doch eigentlich alles besser, oder? Wenn ich jetzt den Leuten auf der Straße sagen würde, "Das ist faszinierend, dass ihr Uber benutzt, wisst ihr, das ist ein GPS-Ortungsdienst in eurem Telefon" – die würden mich angucken, als wäre ich verrückt und würden sagen: "Wovon redest du, das ist doch bloß die Uber-App, ich hab keine Ahnung, wie die funktioniert".

Ich bin davon überzeugt, dass sich immer die Dinge durchsetzen, bei denen es egal ist, wie sie funktionieren; Hauptsache, sie funktionieren.