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Digitale Transformation

Angst vor Veränderung birgt Gefahr einer Rückwärtsbewegung

Christiane Benner, die zweite Vorsitzende der IG Metal, über Gewerkschaften in Zeiten der Digitalisierung, Herausforderungen für Arbeitgeber und Politik und geänderte Arbeitsmodelle.

01.02.2018
Christiane Benner IG Metall

Die zweite Vorsitzende der IG Metall Christiane Benner möchte zeigen, wie alle gesellschaftlichen Gruppen den digitalen Wandeln meistern können. In diesem Interview beweist sie bereits, dass manche von vielen Digitale Native vielleicht gehegten Vorurteile gegenüber Gewerkschaften vielleicht doch gar nicht zutreffend sind.

Frau Benner, sind die deutschen Gewerkschaften vorbereitet auf die Digitalisierung des Arbeitsmarktes – oder ist das noch unentdecktes Neuland?

Nun, den Begriff "Neuland" für die Digitalisierung habe nicht ich geprägt… Wir setzen uns schließlich schon lange mit der Digitalisierung auseinander, denn über unsere Betriebsräte erfahren wir die aktuellen Entwicklungen in den Betrieben nicht nur, sondern müssen auch schnell Antworten geben. Unsere Devise ist: Wir gestalten die Digitalisierung mit.

Das reicht von Betriebsvereinbarungen etwa zu agilem Arbeiten bis hin zu digitalen Strategien von Großunternehmen, die wir über die Aufsichtsräte einbringen.

Braucht die digitale Welt eigentlich noch Gewerkschaften? Die digitalen Arbeiter sind doch meist jung, wechseln oft den Job, arbeiten international...

Aber Hallo! Gerade junge Menschen formulieren hohe Ansprüche an die Qualität ihres Arbeitsplatzes selbst wie auch an die Vereinbarkeit zwischen Arbeit und Privatleben. Wenn wir Regelungen abschließen, die ihren Lebensvorstellungen entgegenkommen, dann bekommen wir von jungen Beschäftigten sehr hohen Zuspruch.

Das zeigen die positiven Reaktionen etwa auf die Vereinbarungen, die wir zu mobiler Arbeit abgeschlossen haben. Junge Menschen, immer mehr Höherqualifizierte, treten zahlreich in die IG Metall ein.

Was sind für Sie die größten Herausforderungen der Digitalisierung in der Arbeitswelt?

Erstens: Die Arbeitsorganisation ändert sich. Neue Formen wie agiles Arbeiten können nur erfolgreich sein, wenn sie mit den Beschäftigten entwickelt werden. Zweitens: Durch Prozesse wir Shared Services werden klassische Verwaltungsaufgaben auf die Beschäftigten verlagert. Wir müssen sicherstellen, dass die Arbeitszeiten von Projektmitarbeitern nicht durch Reisekostenabrechnungen und standardisierte Projektdokumentationen ins Uferlose wachsen.

Drittens und zentral: die Geschäftsmodelle ändern sich, z.B. werden anstelle von Automobilen künftig Mobilitätskonzepte verkauft. Dafür brauchen Unternehmen digitale Strategien – aber nur ein Drittel hat sie laut aktueller Studien.

Digitale Transformation ist aktuell das Buzzword in vielen Unternehmen. Welchen Beitrag wollen Sie als IG Metall dabei leisten?

Ich halte es für dringend notwendig, dass die Arbeitgeber eine Vorstellung für die digitale Transformation formulieren. Welche Konsequenzen hat die die Digitalisierung für ein Unternehmen – bis hin zu jeder und jedem einzelnen Beschäftigten!

Die IG Metall hat dazu verschiedene Modellprojekte initiiert. In Nordrhein-Westfalen etwa sehen wir ganz praktisch mit einer Betriebslandkarte darauf, welches Qualifikationsniveau die jeweiligen Beschäftigten haben und wo Weiterqualifizierung nötig ist. Damit beteiligen wir gleichzeitig die Beschäftigten an der Diskussion, was sich durch die Digitalisierung an den Arbeitsplätzen verändern wird. Das schafft auch Vertrauen.

Wie sieht die digitale Transformation bei der IG Metall selbst aus?

Wir haben flächendeckend ein Customer-Relationship-Management eingeführt, um unsere Mitglieder noch gezielter unterstützen zu können. Auch unsere Massenkommunikation wird immer mehr digitalisiert. Für die Zukunft hoffe ich, dass in einigen Bereichen auch die Arbeit in der IG Metall agiler wird. Gerade dort, wo wir neue Bereiche erschließen wollen, stoßen wir mit einer auf klassischer Verbandshierarchie aufgebauten Arbeitsorganisation an Grenzen. Da engagiere ich mich für einen Kulturwandel.

Auf der CEBIT werden Sie im Rahmen des Future Work Forums sprechen. Welche Botschaft haben Sie für die dort versammelte IT-Elite?

Wir dürfen nicht zulassen, dass die Angst vor Veränderung zu einer gesellschaftlichen Rückwärtsbewegung führt. Es ist die gemeinsame Aufgabe von Politik, Arbeitgebern und Gewerkschaften, den Menschen auch Zuversicht für die Zukunft zu geben. Das gelingt, wenn wir die Digitalisierung vorausschauend begleiten, die Beschäftigten beteiligen und negative wirtschaftliche Folgen der Digitalisierung gemeinsam abfangen.

Kalte Rationalisierungsmaßnahmen führen dagegen zu persönlichen Schicksalen und bedrohen den gesellschaftlichen Zusammenhalt.

Eine letzte Frage: Ist die Digitalisierung für Sie mehr Gefahr oder Chance?

Es kommt darauf an, was wir daraus machen. Nutzen wir Digitalisierung, um z.B. gesundheitsgefährdende, schwere Tätigkeiten durch Maschinen zu ersetzen, ist das positiv. Auch eine Lebensbegleitung durch digitale Apps gefällt mir, ich nutzte z.B. eine Fitness App.

Was ich dagegen ablehne, ist eine totale Kontrolle bis hinein in die Kapillaren der persönlichen Lebensführung. Also: Fitness Apps für den persönlichen Gebrauch gerne. Als vorgeschriebenes Instrument, um überhaupt eine Krankenversicherung zu erhalten, lehne ich sie ab.