Anzeige
CEBIT 2018
Wechseln zu:
Big Data & Business Intelligence

Michal Kosinski: Haben seine Methoden Donald Trump zum Sieg verholfen?

Seit Donald Trumps Wahl zum neuen US-Präsidenten fragen sich viele Menschen, ob sich mit personalisierten Werbebotschaften, die im großen Stil über soziale Netzwerke verbreitet werden, Wahlen gewinnen lassen. Einer der Wenigen, der diese Frage beantworten kann, ist Michal Kosinski: Der Stanford-Professor hat eine Aufsehen erregende Methode entwickelt, mit deren Hilfe sich die Persönlichkeit von Menschen anhand ihrer Aktivitäten bei Facebook & Co. analysieren lässt.

18.01.2017

Michal Kosinski bei den CeBIT Global Conferences 2017

Michael Kosinski
Michal Kosinski

Können intelligente Big-Data-Technologien Wahlen entscheiden?
Wird der Verbraucher zum "gläsernen Kunden"?
Wie bewege ich mich im Netz und schütze trotzdem meine Privatsphäre?

Antworten auf diese Fragen gibt der renommierte Sozialforscher Dr. Michal Kosinski von der Graduate School of Business der Stanford University am 23. März im Rahmen der CeBIT Global Conferences in Halle 8.

Kosinski gilt als weltweit anerkannter Experte für Psychometrik – einen stark an Bedeutung zunehmenden Bereich der Psychologie, der sich mit dem Einfluss von Big Data und anderen digitalen Technologien befasst. Als Student an der Cambridge University ersann der gebürtige Pole ein mathematisches Verfahren, mit dem sich anhand von Facebook-Likes und öffentlich zugänglichen Daten der Charakter eines Menschen bestimmen und sein Verhalten voraussagen lassen.

Die von Kosinski entwickelten Verfahren verwendete Trumps Team vor der US-Wahl, um personalisierte Postings über verschiedene Social-Media-Kanäle zu verbreiten.

Psycho-Tools für den Verkauf von Konsumartikeln – aber auch von politischen Botschaften

Auf einzelne Konsumenten zugeschnittene Werbung gibt es im Web schon lange. Psychometrisches Targeting eröffnet Unternehmen aber völlig neue Möglichkeiten – besonders bei der Vermarktung von Dienstleistungen und Konsumgütern. Im Zeitalter von Big Data, Wearables, Car Connectivity und dem Internet of Things erzeugt der Nutzer eine große Masse an Daten – vom Fahrzeug bis zum Fitnesstracker.

Unternehmen können im Rahmen der gesetzlichen Vorgaben aus dem Vollen schöpfen und ihre Marketingansprache auf verschiedene Kundengruppen abstimmen.

"Ein zunehmender Teil unserer Aktivitäten wie soziale Interaktionen, Unterhaltung, Einkaufen und die Aufnahme von Informationen erfolgen heutzutage über digitale Geräte und Dienstleistungen. Unsere Forschung zeigt, dass die Aufzeichnung digitaler Verhaltensmuster wie zum Beispiel Tweets, Facebook-Likes oder Webbrowser-Protokolle genügt, um ein detailliertes Bild der Persönlichkeit, Intelligenz oder politischen Einstellung zu erlangen. Solche Big-Data-Analysen erfordern keine aktive Beteiligung der Beteiligten. Sie sind auf große Populationen anwendbar, kostengünstig und könnten viele Bereiche revolutionieren. In den falschen Händen stellen diese Methoden jedoch erhebliche Risiken für die Privatsphäre dar."

Michal Kosinski

Deshalb rät Kosinski zur Unterstützung von Persönlichkeiten, Organisationen und Unternehmen, die sich zur Wahrung der Privatsphäre verpflichten – unabhängig davon, ob es um Kaufentscheidungen, Klicks in sozialen Netzwerken oder politische Wahlen geht.

Letzteres birgt in diesem Jahr zweifellos eine besondere Gefahr: So könnten beispielsweise intelligente Big-Data-Technologien die französische Präsidentschaft im Frühjahr oder die Bundestagswahl im Herbst mitentscheiden.

Interview mit Michal Kosinski

Michael Kosinski
Michal Kosinski

Herr Kosinski, sind Sie zum ersten Mal hier auf der CeBIT und den CeBIT Global Conferences?

Jedenfalls als Redner! Ich war früher schon auf der CeBIT und fand das jedes Mal außerordentlich spannend.

Was ist das zentrale Thema Ihres Vortrags?

Ich werde darüber sprechen, wie Algorithmen eingesetzt werden können, um anhand der digitalen Spuren, die wir überall im Internet hinterlassen, unsere Persönlicheitsmerkmale zu durchleuchten und unser künftiges Netzverhalten vorherzusagen.

Dieser Artikel über Ihre Arbeit war unter den Zeitungsartikeln, die 2016 im deutschsprachigen Raum die größte Resonanz fanden. Im Anschluss kam es zu einer hitzigen Diskussion, ob die von Ihnen beschriebenen Methoden tatsächlich den Ausgang der US-Präsidentschaftswahlen beeinflusst haben. Zu welchem Schluss kommen Sie jetzt – ein paar Monate später – selbst? Inwieweit haben diese Methoden zum Brexit und zur Wahl von Donald Trump geführt?

Das wissen wir nicht. Eines wissen wir jedoch mit Sicherheit: Computer wählen nicht, jedenfalls noch nicht. Es sind also nicht die Algorithmen, die Wahlen gewinnen, sondern die Kandidaten. Hinzu kommt, dass die Kandidaten ihre Message auf die jeweiligen Empfänger individuell zuschneiden können. Dadurch hat die Message die nötige Relevanz. Das ist großartig – und davon brauchen wir mehr!

Man kann vom einzelnen Bürger nicht erwarten, dass er sich durch die gesamten Wahlprogramme der politischen Parteien arbeitet. Ein Großteil ist für die meisten Wähler ohnehin nur von geringem Interesse. Die Algorithmen wählen die Aspekte aus, die für den Einzelnen von größter Relevanz sind und die er am besten beurteilen kann, und leiten die entsprechenden Informationen an den Einzelnen weiter. Im Ergebnis bedeutet dies besser informierte und stärker engagierte Bürger. Mehr Menschen nehmen am politischen Prozess teil.

2017 ist Wahljahr in Deutschland und einigen anderen europäischen Ländern. Was würden Sie den Parteien in Deutschland raten? Sollten sie Ihre Forschungsergebnisse nutzen? Und wie?

Die Personalisierung politischer Botschaften als solches ist nicht bedenklich – im Gegenteil. Meiner Ansicht nach grundsätzlich nicht vertretbar ist die Nutzung von Algorithmen, um die intimsten Persönlichkeitsmerkmale von Menschen sozusagen hinter ihrem Rücken – und oft gegen ihren Willen – zu durchleuchten. Das dürfen weder politische Parteien noch sonst jemand. Ich hoffe, dass die Wähler diejenigen Parteien, die ihre Privatsphäre nicht respektieren und sie manipulieren wollen, abstrafen werden.

Sie sagen, dass Ihre Methode, sofern sie ethisch einwandfrei eingesetzt wird, psychologische Einschätzungen, Marketing, Personalbeschaffung, die Versicherungswirtschaft und viele andere Branchen revolutionieren könnte. Welche ethischen Normen sollten bei der Nutzung Ihrer Erkenntnisse vor allem beachtet werden?

Zunächst einmal informierte Einwilligung. Liegt die vor, muss sichergestellt sein, dass das jeweilige Produkt oder der jeweilige Service völlig anonym genutzt werden kann. Prädiktive Algorithmen könnten das Leben vieler Menschen radikal verbessern. Daher werden viele User ihrer Nutzung zustimmen. Dabei müssen sie aber stets die Kontrolle über ihre Daten und deren Nutzung behalten. Ohne klare Regeln verliert der Verbraucher das Vertrauen in die Technologie. Das wäre für alle schlecht – für uns, die Verbraucher und die Wirtschaft.

Welche technologischen Entwicklungen stehen für Sie heute besonders im Vordergrund? Welches Potenzial sehen Sie darin?

Wichtige Bereiche sind das Matchmaking zwischen Arbeitnehmern und –gebern, Fortschritte bei der psychischen Gesundheit, Verbesserungen im Bildungswesen und sogar das Retten von Leben. Das meine ich ernst. Darüber werde ich auf der CeBIT sprechen.

Dr. Michal Kosinski auf der CEBIT

Dr. Michal Kosinski teilte neben vielen weiteren Sprechern neueste Ideen zu aktuellen Trends und Themen auf der CEBIT 2017. mehr

Anzeige