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Fuckup Nights: Wenn Scheitern zum Motivator wird

Erfolgsgeschichten gibt es zuhauf – über ihr Scheitern reden aber nur wenige Gründer. Außer bei den Fuckup Nights.

27.02.2017

Wie ein internationales Event alte Denkmuster auf den Kopf stellt

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Aus Fehlern lernen: Auf den Fuckup Nights erzählen Gründer von ihren Misserfolgen. (Foto: Fuckup Nights Vilnius, Lithuania)

Fast drei Viertel aller deutschen Startups hält nicht länger durch als 2,8 Jahre. Fehlschläge gehören also zur Normalität. Während der deutsche Mainstream verurteilt, sehen die Fuckup Nights darin ein Erfolgsrezept. Denn es gibt viele Gründe, warum Startups scheitern: Die Marktgröße wird falsch eingeschätzt, das Produkt besetzt eine Randnische oder die "innovative" Idee gibt es bereits. Die Tretminen, in die Entrepreneure stapfen und damit ihren geschäftlichen Untergang einleiten können, sind zahlreich. Die Unternehmer zu verurteilen und ihnen Naivität vorzuwerfen ist leicht, aber auch falsch.

Bei den Fuckup Nights berichten Gründer auf professionelle Weise, aber immer mit einer Prise Humor, über ihr Scheitern. Zum einen, damit anderen Gründern nicht dieselben Fehler passieren. Zum anderen, damit die Gesellschaft das Image einer gescheiterten Gründerpersönlichkeit als "Versager" überdenkt.

Als Versager abgestempelt

Im Rahmen einer Studie der Universität Leipzig haben Gründer, Investoren und Forscher die deutsche Gründungskultur charakterisiert. 79 % gaben an, dass die Gesellschaft ein Scheitern nur mangelhaft akzeptiert. Unternehmer, deren Geschäftsidee nicht aufgeht, werden stigmatisiert. Das kritisiert auch Christian Lindner, Bundesvorsitzender der FDP. Vor seiner Politkarriere gründete er ein Startup, das scheiterte. "Wenn man einmal ein Projekt in den Sand gesetzt hat, dann ist man schnell der Versager – oder sogar der Kriminelle."

Dieses Klima ist schädlich für die Wirtschaft, weil es Innovationen behindert. Seit Jahren ist die Zahl der Neugründungen in der Bundesrepublik rückläufig . Im Vorwort des Deutschen Startup Monitors betont Finanzminister Wolfang Schäuble: "Wir brauchen eine innovative Gründerszene, um unsere Wettbewerbsfähigkeit und damit unseren Wohlstand erhalten zu können." Die Deutschen täten gut daran, erfolglose Unternehmer nicht gesellschaftlich zu brandmarken.

Die Fuckup Nights – ein positiver Blick auf Rückschläge

Scheitern sollte nicht als Schande, sondern als Chance verstanden werden. Die sogenannten Fuckup Nights tun genau das. Erfunden 2012 in Mexiko City, dient das Event heute weltweit als Plattform für fehlgeschlagene Jungunternehmer. Vor einem Publikum berichten sie von ihren Erfahrungen. In Deutschland wird die Veranstaltung, die in verschiedenen Städten stattfindet, immer beliebter. Denn sie kann helfen, den gesellschaftlichen Blick auf misslungene Projekte zu verändern. Und sie kann der Gründerszene vermitteln, welche Fehler vermieden werden sollen.

Obwohl jeder Redner über einen schweren Rückschlag in seinem Leben berichtet, ist die Stimmung auf den Fuckup Nights – kurz FUN – sehr humorvoll. Ganz so, als ob die Teilnehmer vorleben, wie die Gesellschaft mit dem Thema umgehen kann. Sie bilden eine Gemeinschaft, denn Misserfolg wird hier anders interpretiert. So erklärt Daniel Putsche, Veranstalter der Fuckup Nights in Frankfurt: "Scheitern ist ein wichtiger Bestandteil, mit dem man am Ende Erfolg generieren kann. Weil es Teil des Innovationsprozesses ist."

"Ich möchte euch vom größten Abfuck meines Lebens erzählen"

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Die Redner erzählen offen von ihren Fehlern. Das Grundprinzip des Events: aus Rückschlägen anderer lernen. (Foto: Claudia Burger, Berlin)

Die Referenten machten eine ganze Menge Fehler, wie sie kritisch bemerkten. Der Entrepreneur Justus Nagel rät beispielsweise davon ab, Netzwerksysteme hochzuziehen. Sein Plan, private Vielfahrer für einen billigeren Paketversand zu nutzen, ging nicht auf. Auch eine gute Idee scheitere schnell. Axel Hesse empfiehlt generell, sich selber stärker zu reflektieren – denn der Startup-Geist verleite dazu, "immer nur nach vorne zu marschieren und weder links noch rechts zu gucken."

Wie nah Erfolg und Niederlage in der Szene beieinanderliegen, erzählt Florian Hofmann. Mit seiner Bezahl-Software "paji" war er auf dem Höhenflug: "Wir haben gedacht, wir sind unantastbar!". Innerhalb von nur sechs Wochen generierte das Startup eine Millionen Euro an Finanzierungsgeldern. Die User-Zahlen waren zwölf Mal höher als bei Vergleichsprodukten. Doch kurz darauf folgte der tiefe Fall. Hofmann wollte unabhängig bleiben und wehrte sich deshalb gegen weitere Investoren. Er und sein Team konnten die Firma daraufhin nicht erfolgreich weiterfinanzieren. Für das Publikum hat er die Lehre seines Unternehmerlebens dabei: "Wenn ein Investor übergriffig wird auf deine Position oder die Produktstrategie, dann bleib ganz cool. Handle Konditionen aus, nimm was du kriegen kannst und dann lauf!"

FUN auf der SCALE11

Erfahrungsberichte wie diese sind eine wertvolle Ressource für die Startup-Szene. Trotz Gegenwind aus der Gesellschaft wagen knapp 50 % einen Neuanfang, nachdem sie schon einmal gescheitert sind. Auch die Startup-Area der CeBIT SCALE11 bringt 2017 das Thema Scheitern zur Sprache. Im Rahmen des Gründer-Events finden dieses Jahr gleich zwei Fuckup Nights statt. Interessierte können die Veranstaltung am 20. März 2017 in der Halle 11 und am 21. März 2017 in der Halle 9 auf der Salesforce-Bühne besuchen.

Mehr zur SCALE11 und zu den Fuckup Nights

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