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CeBIT 2017, 20. - 24. März

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Big Data

Das Datamobil

Big Data ist dabei, die Automobilindustrie zu verändern. Neue Geschäftsmodelle entstehen, das selbstfahrende Auto rückt in greifbare Nähe. Und bald will vielleicht Apple einsteigen.

Während Verkehrsministerium und Mobilfunkanbieter den Netzausbau vorantreiben, zögern noch viele Unternehmen, Big-Data-Strategien zu entwickeln – obwohl ihnen das Potenzial bewusst ist.

In deutschen Chefetagen sorgt Big Data für eine paradoxe Situation. Die meisten Topmanager haben das Potenzial erkannt, das der Zugriff auf die ständig wachsenden Datenmengen bietet. Doch die wenigsten machen Gebrauch davon: Nur sechs Prozent haben bisher entsprechende Konzepte im Unternehmen eingeführt. Das ist das Resultat einer Studie der Porsche-Tochter MHP aus dem Herbst 2014.

58 Prozent der Befragten sehen in Big-Data-Analysen die Chance, Kunden besser zu verstehen und gezielter anzusprechen. Vor allem für Automobilhersteller könnte sich hier einiges ändern. Bisher war der direkte Kundenkontakt Sache der Händler und Importeure – meist unabhängige Unternehmen. Sie sammelten Feedback und Kundendaten. Künftig sollen die Hersteller selbst über mehr Möglichkeiten verfügen, an Kunden- und Fahrzeugdaten zu kommen. "In der Folge entstehen optimierte Produkt- und After-Sales-Angebote sowie personalisierte Onlineservices. Der Kunde wird individueller angesprochen und bedient", prophezeit die Unternehmensberatung Bain in einer Untersuchung.

Maßgeschneiderter Service dank Big Data

An Kundenwünsche angepasste Produkte sind allerdings nur ein möglicher Verwendungszweck für Big Data in der Automobilbranche. Bereits jetzt nutzen Hersteller wie BMW die mobile Datenübertragung für spezielle Premiumdienste – etwa für einen persönlichen Auskunftsservice. Der Fahrer kann sich von einem Callcenter-Mitarbeiter beispielsweise den Weg zu einem Geldautomaten, der auf dem Weg zu seinem Geschäftsessen liegt, heraussuchen lassen. Nachdem die Daten recherchiert sind, werden sie vom Callcenter-Mitarbeiter direkt in das Navigationssystem eingespeist.

Künftig wird das Angebot von Automobilherstellern noch mehr Services umfassen. Denkbar wäre die automatische Vereinbarung eines Werkstatttermins, sobald das Fahrzeug ein Problem feststellt. Oder der Bordcomputer könnte die Benzinpreise in der Umgebung abgleichen und den Weg zur günstigsten Tankstelle berechnen.

Auch eine Kombination mit Wearables ist möglich. So hat BMW gezeigt, dass sich beispielsweise mithilfe einer Samsung Gear das Fahrzeug aus der Ferne abschließen lässt, die Klimaanlage kontrolliert oder der Standort abgerufen werden kann.

Netzausbau als Grundvoraussetzung

Um oben beschriebene Services nutzen zu können, müssen Autos in der Lage sein, größere Datenmengen zu senden und zu empfangen. Dafür benötigen sie entsprechende Übertragungsmodule, die bisher meist Teil eines aufpreispflichtigen Multimediasystems waren. Das soll sich bis spätestens 2018 ändern. Die EU plant bis dahin, die Ausstattung aller Neuwagen mit eCall verpflichtend zu machen. eCall ist ein automatisches Alarmsystem, das im Falle eines Unfalls Standortdaten an die Notrufzentrale übermittelt. Somit gehören gewisse Übertragungsmodule in Zukunft zur Standardausstattung.

Damit die großen Datenmengen auch transportiert werden können, ist jedoch vor allem ein Ausbau der Datennetze nötig. Ein erster Schritt: die Freigabe der 700-Mhz-Frequenzen für den Mobilfunk. Sie sollen den schnelleren und vor allem flächendeckenden Versand von Daten garantieren "Die Versteigerung der 700-Megahertz-Frequenzen wird bald beginnen", kündigte Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt kürzlich in einem Interview mit der FAZ an.

5G-Mobilfunkttechnologie soll 2020 kommen

Für besonders kritische Funktionen reichen die aktuellen Übertragungsstandards jedoch noch nicht aus. Dies betrifft vor allem sicherheitsrelevante Entwicklungen wie automatisierte Fahrmanöver. Im hochautomatisierten Verkehr wäre folgendes Szenario denkbar: Wenn ein Lkw auf der Autobahn eine Vollbremsung macht, sendet er ein Signal an alle umliegenden Fahrzeuge, die daraufhin von allein reagieren, indem sie ausweichen oder ebenfalls bremsen. Hierbei darf es jedoch nicht zu Verzögerungen kommen: "Geringe Latenzzeiten unter einer Millisekunde sind Voraussetzung für automatische kooperative Fahrmanöver", heißt es im Strategiepapier der Arbeitsgruppe 8 des nationalen IT-Gipfels. "Mit Einführung der 5G-Mobilfunktechnologie werden Latenzzeiten von weniger als einer Millisekunde technische Realität und taktiles Internet wird auch in der Mobilität Anwendung finden", steht in dem Dokument weiter. Bis 5G flächendeckend verfügbar ist, dürfte es noch ein wenig dauern: Während der chinesische Konzern Huawei in München bereits ein innerstädtisches 5G-Netz testet , rechnen Experten nicht vor 2020 mit der Marktreife des neuen Übertragungsstandards.

Teststrecke für automatisierte Fahrzeuge auf der A9

Ein erstes Projekt für automatisierte Pkw hat Verkehrsminister Dobrindt für dieses Jahr angekündigt: "Wir werden eine Teststrecke einrichten. Auf der Autobahn A9 starten wir das Pilotprojekt 'Digitales Testfeld Autobahn'. Die Teststrecke soll so digitalisiert und technisch ausgerüstet werden, dass es dort zusätzliche Angebote der Kommunikation zwischen Straße und Fahrzeug wie auch von Fahrzeug zu Fahrzeug geben wird." Doch bis das selbstfahrende Auto überall durch Deutschland rollt, werden noch ein paar Jahre vergehen: Laut Stefan Lüke , verantwortlich für Automationsthemen beim Autozulieferer Continental, sind autonome Fahrzeuge frühestens 2020 straßentauglich. Viel Zeit für die Automobilhersteller, um die Verschmelzung von IT und Fahrzeug in den übrigen Bereichen voranzutreiben.

Doch nicht bei allen Unternehmen ist die Euphorie ungetrübt. So gibt es noch einige technische Fragen mit Blick auf die Sicherheit gegen Hacker in den Fahrzeugen zu klären. Hinzu kommen Fragen rund um die Haftung im Falle von Unfällen. Für Furore sorgten auch die Ankündigungen von Apple, möglicherweise auch ein Auto zu bauen. Schon einmal hatte ein junges Unternehmen aus dem Silocon Valley die etablierte Automobilindustrie aufgeschreckt. Tesla - der amerikanische Elektroauto-Pionier stellt übrigens auch in diesem Jahr auf der CeBIT aus (Halle 12).

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