Unternehmen

Zu Besuch im Adobe-Hauptquartier

Der Umzug in die Cloud hat vielen Kunden vor den Kopf gestoßen. Dahinter steckt neben Gewinnmaximierung aber auch ein grüner Gedanke.

15.04.2015 Daniel Hüfner

Das PDF als Umweltkiller

"Das ist doch verblüffend", sagt Vince Digneo und lächelt, als habe er gerade einen Zauberwürfel geknackt. "Damit könnten wir eine Stadt wie Cambridge ein ganzes Jahr lang mit Energie versorgen." Vier Milliarden PDFs, so hat es Digneo berechnet, wurden im vergangenen Jahr auf PCs geöffnet. Und: In der großen Mehrzahl auch gleich ausgedruckt. "98 Prozent aller geschlossenen Verträge in den USA sind immer noch aus Papier". Das, sagt er, habe "enorme Auswirkungen" auf unsere Umwelt. Man müsse als Unternehmen einfach mehr Verantwortung übernehmen.

Adobe: Radikaler Umzug in die Cloud

adobe 1
Stylische Boxen – seit Adobe wegen mehr Umsatz und der Umwelt radikal auf Cloud setzt, ist das Geschichte. (Foto: non-format)

Digneo macht genau das. Er ist "Sustainability Strategist" bei Adobe und sorgt quasi dafür, dass der Photoshop-Konzern in Sachen Nachhaltigkeit alles richtig macht. Mit der kürzlich lancierten Adobe Document Cloud soll das Papier deshalb bald der Vergangenheit angehören. Aber das ist nicht alles.

Als Adobe vor zwei Jahren beschloss, seine beliebte Creative Suite statt in hübschen Kartons nur noch virtuell per Cloud anzubieten und sich damit auch das Geschäftsmodell radikal änderte, war die Aufregung bei den Kunden zunächst groß. Einzelkäufe der Softwarepalette waren plötzlich nicht mehr vorgesehen, die Nutzung nur noch mit temporärem Internetzwang möglich und kritisiert wurde außerdem das auf lange Sicht vergleichsweise teurere Abomodell.

Zwar verkauft Adobe derzeit weniger Abos als erwartet , von dem Umbruch aber hat zumindest die Umwelt profitiert: "Mit dem Umzug in die Cloud haben wir unseren ökologischen Fußabdruck um 91 Prozent reduziert", erklärt Digneo. "Wir liefern heute schon 78 Prozent unserer Software ausschließlich virtuell aus, so konnten wir unseren Bedarf an Verpackungen um 96 Prozent senken."

"Corporate Sustainability wird unterschätzt"

adobe 2
Das Hauptquartier von Adobe in San José. (Foto: t3n)

Diese Zahlen kommuniziert man bei Adobe gerne. Das Unternehmen aus dem kalifornischen San José zählt inzwischen zu den Vorzeige-Beispielen für "Corporate Sustainability", also die nachhaltige Unternehmensführung. Dabei werden strategische Entscheidungen so getroffen, dass sie im Einklang mit der ökologischen, sozialen und kulturellen Verantwortung der handelnden Akteure gegenüber Umwelt und Mitarbeitern stehen.

Im Silicon Valley ist das nicht selbstverständlich: "Corporate Sustainability wird hier oft noch unterschätzt", sagt Digneo. Noch immer stehen radikale Wachstumsstrategien und millionenschwere Exits im Zentrum des Unternehmertums. Platz für umweltbewusstes Handeln bleibt da kaum. "Das ist ein großes Problem", sagt Digneo. Viele Firmen, sagt er, wüssten gar nicht, wie sehr sie sich und ihren Mitarbeitern damit langfristig schaden. Dabei könne man doch jede Menge tun.

Adobe: Smarte Flure für die "grüne Null"

In San José, wo Adobe sein von circa 6.000 Mitarbeitern bevölkertes Hauptquartier unterhält, bekommt man einen Eindruck davon. Mülleimer gibt es kaum, in den lichtdurchfluteten Großraumbüros stehen gefühlt mehr Topfpflanzen als Monitore und vor allem die Luft ist für ein Gebäude, das äußerlich das Antlitz eines stickigen Bankenturms trägt, ungewöhnlich frisch. Kein Zufall: "Die Luftqualität ist hier nachweislich zehn Mal besser als draußen", versichert Digneo.

adobe 3
Im Adobe-Hauptquartier hat man Ruhe- und Arbeitsbereiche vor einigen Jahren aufwändig restauriert – für mehr Energieeffizienz. (Foto: t3n)

Zur Klimatisierung seiner "Smart Floors" – wie Adobe seine bunten und auf Energieeffizienz getrimmten Bürolandschaften nennt – setzt man seit vier Jahren auf das Internet of Things. Eine Software und Dutzende Sensoren auf allen Etagen überwachen die Luftzufuhr und den Energieverbrauch rund um die Uhr. Der Bedarf wird situationsbedingt und auch abhängig lokaler Wetterprognosen angepasst. Goldene Regel: Bleibt ein Arbeitsbereich für länger als 15 Minuten ungenutzt, werden alle Lampen, Heizungen und Steckdosen ausgeschaltet. Um mehr als die Hälfte, sagt Digneo, sei der Stromverbrauch seitdem zurückgegangen.

Stolz ist er auch auf die 20 Windturbinen und kühlschrankgroßen Brennstoffzellen, die Adobe dem Dach des Hauptquartiers installiert hat. Mit ihnen deckt der Konzern bereits einen Teil seines Strombedarfs selbst. Schon jetzt liegt Adobe an der Spitze der umweltfreundlichsten Tech-Unternehmen , obwohl entsprechende Standards noch nicht an allen Standorten in den USA erfüllt werden. Noch in diesem Jahr aber will Digneo die "grüne Null" packen: "Dann sind alle unsere Gebäude absolut klimaneutral", verspricht er.

Mit Fitness-Trackern zu besseren Mitarbeitern

Corporate Sustainability aber sei mehr als nur "bloßes Energiesparen", das stellt Digneo klar. Es gehe auch darum, die Mitarbeiter für mehr Nachhaltigkeit zu sensibilisieren. "Wir animieren mit unterschiedlichen Maßnahmen dazu, den eigenen ökologischen Fußabdruck zu reduzieren", sagt er. Neben kostenlosen ÖPNV-Tickets biete Adobe etwa Subventionen für Radfahrer an. Und: Setzen sich Mitarbeiter für ein lokales Umweltprojekt ein, winken Gratifikationen.

Doch nicht alles wirkt so altruistisch, wie man es auf den ersten Blick vielleicht vermuten könnte. So stellt Adobe seinen circa 6.000 Mitarbeitern in San José kostenlose Fitness-Tracker zur Verfügung. Man kooperiert dazu mit dem Hersteller FitBit. Mitarbeiter sollen so dazu animiert werden, sich regelmäßig im Büro zu bewegen beziehungsweise Sport zu treiben, heißt es. Durch ein spezielles Widget mit dem Namen "Up your steps, Down your footprint" erhält das Ganze sogar eine spielerische Komponente zum Wohle der Umwelt.

adobe 4
Über das „Corporate Wellness“-Programm von FitBit stellt Adobe seinen Mitarbeitern kostenlose Fitness-Tracker zur Verfügung. (Foto: FitBit)

Eine super Sache, resümiert Digneo. "Die Leute sind zufriedener, fühlen sich besser, und müssen seltener zum Arzt", sagt er. Einwänden, Adobe würde seine Belegschaft so indirekt überwachen, begegnet Digneo routiniert. Er höre sie nicht zum ersten Mal. Niemand sei ja zum Tragen der Armbänder verpflichtet. "Adobe geht es darum, Mitarbeitern zu zeigen, dass auch sie mit einfachen Mitteln einen Teil zur nachhaltigen Unternehmensführung beisteuern können."

Unternehmen RSS Feed abonnieren