Virtual Reality

Was an der Playstation VR wirklich bahnbrechend ist

Seit einer Woche taucht Print-Chefredakteur Luca Caracciolo in virtuelle Welten mit der Playstation VR ab. Wie sozial ist die VR?

23.11.2016 Luca Caracciolo
Playstation_VR
Until Dawn: Rush of Blood – ein Horrorspiel für die Playstation VR, das mit jeder Menge Schockmomente aufwartet. (Bild: Sony)

Eigentlich sitze ich im Wohnzimmer. Mein Bewusstsein weiß das auch. Aber meine Augen sehen eine dunkle Winterlandschaft. Meine Hände halten zwei Pistolen, mein Körper sitzt in einem Karussellwagen, die Beine angewinkelt. Ich fahre auf Schienen durch die Nacht.

Ich spiele "Until Dawn: Rush of Blood" – ein Horrorspiel für die Playstation VR. Meine Frau sitzt auf dem Sofa neben mir und schaut zu – und lacht in jedem Moment, bei dem ich mich erschrecke.

Playstation VR: Virtual Reality auf dem Weg in sozial Gefilde

Es wurde unfassbar viel geschrieben über das VR-Headset von Sony – im Vorfeld und dann noch mehr, als es kürzlich am 13. Oktober auf den Markt gekommen ist. Ich habe wirklich gute Reviews in den US-amerikanischen Tech-Medien gelesen und etliche ausführliche Tests, die sich vor allem mit der Technik des Headsets beschäftigt haben. Jetzt könnte ich auch meinen technischen Blick auf das Sony-Headset werfen, über das deutlich schlechtere Tracking der Playstation VR schreiben oder über die geringere Auflösung. Aber das ist nicht wichtig.

Denn wichtiger als technische Feinheiten ist bei Playstation VR etwas ganz anderes: Das Headset ist an meine Playstation 4 angeschlossen – und die Konsole steht nicht in meinem Büro, in einer kleinen Ecke im Schlafzimmer oder im Keller. Sie steht im Zentrum des häuslichen Alltags: im Wohnzimmer.

Alysha Naples hat im September auf der Digility in Köln einen Vortrag über die größte Schwäche der aktuellen Virtual-Reality-Lösungen gesprochen: Sie sind zu unsozial. Sie berücksichtigen nicht, dass Technologie immer dann von Menschen im großen Maße adaptiert wird, wenn sie sozial ist und einen praktischen alltäglichen Nutzen bietet. Smartphones hatten in den vergangenen Jahren einen solchen unfassbaren Erfolg, nicht weil die Technik cool und besonders innovativ oder Touch die bessere Bedienung als Maus und Tastatur ist. Fast jeder Mensch der westlichen Welt hat heute ein Smartphone, weil er damit mit anderen Menschen kommunizieren kann und zwar jederzeit und von fast jedem Ort der Welt aus – instant und sogar per Video-Chat. Dieser durchs Netz induzierte USP von Smartphones macht sie für unseren Alltag so wertvoll – denn wir Menschen sind soziale Wesen und sehnen uns nach sozialem Miteinander.

Virtual Reality war bisher ziemlich weit entfernt davor, sozial eingebettet zu sein. Die Mehrzahl der Menschen sind bis vor Kurzem einfach nicht in Berührung gekommen mit "echter" Virtual Reality mittels HMD (Head Mounted Display). Das Höchste der Gefühle war vielleicht ein kurzer Ausflug mit der Gear VR, die zwar ordentlich funktioniert, aber aufgrund des fehlenden Postional Tracking und ohne Handcontroller einfach zu wenig VR-Potenzial aufzeigt. Und eine Gear VR oder generell Mobile-VR erlaubt es Außenstehenden nicht, zu sehen, was der Headset-Träger sieht. Wer Glück hatte, kannte einen Freund, der eine HTC Vive im Keller hat oder eine Oculus Rift im Büro – und durfte kurz mal in die faszinierende Welt der Virtual Reality schnuppern. Aber das war eben nicht die Regel.

Kindergeburtstag mit Playstation VR

Playstation_VR_Ocean
Ocean Descent ist besonders für VR-Anfänger zu empfehlen: Außer sich im Käfig zu bewegen ist nichts weiter zu tun. (Bild: Sony)

Nicht nur der Zugang zu echter Virtual Reality war bisher schwer, er war auch nicht sehr sozial. Das ändert sich jetzt mit der Playstation VR.

Ein Beispiel: Meine Tochter hatte kürzlich Geburtstag und am Nachmittag war die Verwandtschaft zu Besuch – Omas, Opas, Onkel, Tanten, Cousinen. Ich erzählte meinem Vater beiläufig, dass die Playstation VR jetzt auf den Markt gekommen ist. Innerhalb von zehn Minuten saß die versammelte Truppe im Wohnzimmer und jeder einzelne setzte die VR-Brille auf – für den Anfang "Ocean Descent", mit einem Käfig in den Ozean. Und da wurde mit erstmals wirklich bewusst, wie unfassbar wichtig der Social Screen der Playstation VR ist: Dass die umstehenden Personen auf dem großen Fernseher im Wohnzimmer sehen können, was der Träger des HMDs sieht, ist vielleicht genauso wichtig wie das Headset selbst. Natürlich machen sie nicht die gleiche Erfahrung wie die Person, die tatsächlich in der virtuellen Realität ist. Aber selbst für den VR-Nutzer ist die Kommunikation mit den umstehenden Personen extrem wichtig, vor allem für VR-Neulinge. Es wird stetig kommuniziert, über die Erfahrung berichtet. Und die Außenstehenden fühlen sich nicht ausgesperrt, der VR-Naut nicht isoliert.

Social VR wird fundamental wichtig

Videospiele sind dann wirklich salonfähig geworden, als sie zunehmend sozial wurden. Gemeinsam auf der Couch mit der Wii oder online mit der Xbox 360 – plötzlich hat auch die breite Öffentlichkeit erkannt, dass Videospieler keine Vollnerds sind, die nicht aus dem Haus gehen und sich im Keller einschließen.

Bei Virtual Reality ist die soziale Komponente noch wichtiger, weil das Medium per se erstmal unsozial ist. Der Träger eines HMDs taucht in eine andere Welt ab und verlässt die soziale Realität. Um aber in Zukunft erfolgreich zu sein, muss VR viel stärker sozial gedacht werden. Insofern sind Entwicklungen, die in Richtung Social VR gehen, auch so wichtig. Multiplayer-Erfahrungen in VR aber auch Kommunikation und Interaktion mit den außenstehenden Personen sollten Entwickler und Plattform-Anbieter berücksichtigen. Der Social-Screen und die Wohnzimmertauglichkeit der Playstation VR ist ein Anfang.

Es wird immer auch Einzel-VR-Erfahrungen geben, wie es eben auch coole Singleplayer-Games gibt, die man alleine genießen will – weil das Alleinsein vielleicht genau die beklemmende Spielerfahrung ist, die man sich wünscht. Aber spätestens nach dem Spiel erzählt man seinen Freunden davon.

Bei VR funktioniert das eigentlich viel besser: Ich kann für mich allein sein und in einer Gondel auf Schienen durch die Nacht fahren. Und meine Frau sitzt daneben und lacht. Ein gemeinsames Erlebnis, bei dem jeder auf seine Kosten kommt.

Augmented & Virtual Reality RSS Feed abonnieren