Augmented & Virtual Reality

Warum in die Ferne schweifen?

Geht es jetzt der letzten Bastion von Print an den Kragen? Reiseprospekte könnten schon bald durch Virtual Reality abgelöst werden. Günstige Hardware und schnelle Datenverbindungen ermöglichen Tourismus vom Wohnzimmer aus.

01.03.2017
Virtual Reality - Sightseeing Tourismus SCALE11
"Urlauber werden künftig mit Hilfe von VR-Technologien schon vor der Reise einen guten Eindruck von fremden Orten bekommen." (Foto: iStock)

Als Zuschauer ist die Szene durchaus komisch: Ausgestattet mit monströs großen Brillen sitzt das junge Pärchen auf dem Sofa und bestaunt mit offenem Mund unsichtbare Sehenswürdigkeiten. Mit den unförmigen Oculus-Rift-Brillen besuchen die beiden gerade virtuell London , besichtigen die Tower Bridge und erleben den Sonnenuntergang in der Millionenstadt – und sitzen dabei doch auf dem heimischen Sofa.

Virtual Reality, also der Blick in die digitale Realität, verspricht nicht weniger als die Revolution der Tourismusbranche. Ausgestattet mit VR-Brillen und einer Datenbank von Zielen können Reisebüros ihren Kunden wesentlich mehr bieten, als ein Foto im Hochglanz-Prospekt und schönen Worten: Sie verschaffen ihren Kunden einen direkten Eindruck vom Hotelzimmer, dem Strand, dem Deck des Kreuzfahrtschiffs oder den Restaurants, indem die potenziellen Besucher virtuell durch die Örtlichkeiten schlendern.

Upselling dank Echtzeit-Einblick

Auf einem zweiten Monitor – weit von diesem Sofa entfernt - sieht der Berater des Reiseunternehmens dabei, was seine Kunden sehen. Er hat so die Möglichkeit, auf Besonderheiten hinzuweisen – etwa den Kinderbereich am Pool oder das Spezialitätenbuffet – und auch Mehrgeschäft zu generieren. Das virtuelle Zimmer erscheint zu eng? Ein Klick am Computer und das Upgrade in die nächsthöhere Kategorie lässt sich direkt in der Brille nachvollziehen.

Beim Branchenverband Bitkom ist man überzeugt, dass "die Digitalisierung das Reisen und die Reisebranche im Moment tiefgreifend verändert – und Virtual Reality gehört dabei zu den absoluten Megatrends". So sieht es Bitkom-Hauptgeschäftsführer Dr. Bernhard Rohleder : "Urlauber werden künftig mit Hilfe von VR-Technologien schon vor der Reise einen guten Eindruck von fremden Orten bekommen und so eine bessere Entscheidung für oder gegen ein Urlaubsziel fällen können."

Reisen wir bald nur noch virtuell?

Dieser Ansicht sind scheinbar auch die Unternehmen. Bei einer Umfrage des Bitkom gaben drei Viertel der 105 befragten Unternehmen aus der Tourimusbranche (74 Prozent) an, dass im Jahr 2025 die Erkundung von Urlaubszielen vor der Reise mit VR-Brillen verbreitet sein wird. Diese Annahme stützt auch eine Untersuchung der Unternehmensberater von PwC: "Ich gehe davon aus, dass Virtual Reality bereits in zehn Jahren den Massenmarkt erobert haben wird", sagt Werner Ballhaus , Leiter des Bereichs Technologie, Medien und Telekommunikation bei PwC in Deutschland.

Daran arbeitet beispielsweise das Unternehmen realities.io. Es transportiert die interessantesten Locations der Welt auf die Displays von VR-Headsets. Reale Schauplätze rund um den Globus werden so zu frei erkundbaren, virtuellen Umgebungen. "Dazu nutzen wir eine Technik namens Photogrammetrie, die Orte bis in kleinste Details wie Fußspuren im Staub oder dem Mörtel zwischen den Sandsteinen einer mittelalterlichen Burg originalgetreu abbildet", sagt Dominic Escofier , einer der Gründer.

Zurück in die Zukunft

Reiseveranstalter Thomas Cook hat den Trend erkannt und seine 880 deutschen Reisebüros mit einer Virtual-Reality-Brille ausgestattet. Damit können Kunden bereits 50 Urlaubsziele und Hotels virtuell erkunden. Das Angebot soll stetig wachsen, kündigte der Veranstalter an. Die Filme bieten eine 360-Grad-Ansicht und dauern zwischen anderthalb und vier Minuten. Aber die Möglichkeiten von Virtual Reality enden dabei noch lange nicht. Neben der Chance, vorab einen Blick ins reale Urlaubsziel zu werfen, eröffnet die Technologie auch neue Horizonte – und Urlaubsziele. Touristen reisen damit möglicherweise bald nicht nur in existierende Welten, sondern auch in erfundene oder untergegangene.

Ein Spaziergang durchs sagenumwobene Atlantis? Ein Ausflug ins antike Pompeji, bevor es vom Vesuv zerstört wurde? Ein Rundgang auf dem Mars? Mit der entsprechenden Software kein Problem. Selbst Zeitreisen sind virtuell kein Problem. Nur den Sand zwischen den Zehen und das Salz auf den Lippen, wie bei einem echten Strandspaziergang, lässt sich auch mit der besten Hardware nicht erleben. Noch nicht. Vorangetrieben von Facebook, Google und Co. wird Virtual Reality endlich ihrem enormen Potenzial gerecht. Die Technologie scheint bereit zu sein, die Zukunft zu verändern – in der Wirtschaft wie im Alltag.

Sehen und fühlen Sie selbst: in der AR & VR Area in Halle 17, im Startup-Bereich SCALE11 und in der Halle 8 im Loft der CeBIT Global Conferences auf der CeBIT 2017.

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