Mensch-Roboter-Kollaboration

Warum DJs uns Hoffnung machen können

Maschinen dringen in Domänen vor, in denen Menschen sich bislang für unersetzlich gehalten haben.

20.10.2016 Martin Weigert
CeBIT 17_Topthema__Das DJ-Konzept
CeBIT 2017 - Digitalisierung

Die scheinbare Überlegenheit von Menschen zu betonen, ist der falsche Weg, meint Martin Weigert.

Ich habe mir vor Kurzem noch einmal Wall Street angeschaut. Ein toller Film, auch 29 Jahre nachdem er in die Kinos kam. Eine Szene blieb mir besonders in Erinnerung: Bud Fox (Charlie Sheen) kämpft sich mit der Hartnäckigkeit eines geborenen Verkäufers in das Büro des gewieften Finanzinvestors Gordon Gekko (Michael Douglas). Dort beobachtet er voller Ehrfurcht, wie Gekko in diversen Telefonaten mit rasantem Tempo und minimaler Überlegungszeit Instruktionen für millionenschwere Geldgeschäfte gibt. Fox und die Zuschauer werden Zeugen der Zelebrierung eines menschlichen Supergenies - ein Typus, der jedoch drei Jahrzehnte später völlig entzaubert ist.

Scheinbare Qualitäten des Menschen

In Zeiten von Cloud Computing, künstlicher Intelligenz und Big Data bleibt vom Mythos des Exzeptionalismus des menschlichen Gehirns wenig übrig. Zwar spielen Talent, Erfahrung und Intuition noch immer eine gewisse Rolle. Wenn aber eine smarte Entscheidung die blitzschnelle Analyse enormer Datenmengen voraussetzt, sind Maschinen dem Menschen grundsätzlich überlegen. Da kann auch ein Gordon Gekko nicht mithalten. Deshalb wird das Gros der Finanzgeschäfte an den Börsen mittlerweile von Computern erledigt .

Der Mensch will sich natürlich nur ungern eingestehen, dass die für unersetzlich gehaltenen Qualitäten plötzlich von Computern in Frage gestellt werden. Eine typische Reaktion ist, dass Betroffene versuchen, die eigene Leistung gegenüber der Maschine auf Teufel komm raus doch noch irgendwie ins positive Licht zu rücken.

Navigationsgeräte vs. Ortskundeprüfung

Das klingt dann so wie beim Präsidenten des Deutschen Taxi- und Mietwagenverbands (BZP), Michael Müller. Im Gespräch mit der Zeitung Die Welt versucht er, zu rechtfertigen, wieso die Ortskundeprüfung von Taxi-Fahrern weiterhin notwendig sei, trotz der rasanten Entwicklung der Navigationssysteme. Nach Ansicht von Müller könne ein Navi einen Fahrer mit ausgezeichneter Ortskenntnis nicht komplett ersetzen. "Ein Fahrer, der sich auskennt, bringt den Kunden schneller zum Ziel, als einer, der sich auf ein Navi verlassen muss."

Das mag zum aktuellen Zeitpunkt noch stimmen - oder auch nicht. Tatsache ist, dass Navigationsgeräte in Kombination mit Crowdsourcing und Smart-City-Infrastruktur immer raffinierter werden. Die besten Taxifahrer können weiterhin nur auf ihre relativ begrenzte kognitive Gehirnkapazität sowie ihre Erfahrung zurückgreifen und machen dabei natürlich wie alle Menschen Fehler. Ein Überholen der Qualität menschlicher Ortskenntnis durch eine intelligente Echtzeit-Navigationssoftware à la Waze , das auch Daten von anderen Netzwerk-Akteuren berücksichtigt, ist unvermeidlich. Schon deshalb, weil die verbreitete Nutzung derartiger Dienste das allgemeine Fahrverhalten so sehr ändert , dass selbst Geheimstrecken des besten Taxifahrers plötzlich zu Stau-Hotspots werden.

Das Konzept des DJs als Lösungsansatz

Meines Erachtens ist es der falsche Ansatz, im Diskurs zum Verhältnis zwischen Mensch und Maschine Argumente für die Verteidigung scheinbarer menschlicher Vorzeigequalitäten zu konstruieren, bei denen Computer im Mittel ganz offensichtlich überlegen sind. Erst recht, weil es einem auch auf Dauer niemand abnehmen wird. Wo Maschinen einen gleichwertigen oder besseren Job machen als der Mensch, ohne, dass der Nachfrager sich die menschliche Präsenz an sich wünscht, wird die Maschine über kurz oder lang das Zepter übernehmen.

"Ohne, dass der Nachfrager sich die menschliche Präsenz an sich wünscht" - das ist der entscheidende Punkt: Wenn die Präsenz des Menschen nämlich Teil der nachgefragten Leistung ist, dann spielt es keine Rolle mehr, ob ein Computer die Tätigkeit besser ausführen würde. Dann behält der Mensch den Job. Ein Beispiel hierfür: DJs, die Tanzwütige an einem Ort zusammenbringen. Theoretisch könnte ein Computer die Songs genauso oder besser zusammenmixen wie die Künstlerin oder der Künstler auf dem Podest. Auf der Tanzfläche würde dann aber gähnende Leere herrschen. Die Präsenz des Menschen, den sie bejubeln und dessen Spannungsbögen sie spüren können, ist den Besuchern mindestens genauso wichtig wie die Musik.

Das zugrundeliegende Prinzip lässt sich nutzen, um die Konkurrenzfähigkeit der menschlichen Arbeit in anderen Branchen zu stärken. Wenn der Nachfrager die Präsenz des Menschen mindestens so sehr schätzt wie die nachgefragte Leistungserbringung, dann ist die Automatisierung keine Bedrohung. Einfach mal wild drauflos gesponnen: Beim Taxi-Beispiel könnte dies bedeuten, dass Taxi-Fahrer psychologische oder therapeutische Zusatzausbildungen erhalten, um Fahrgästen auf Wunsch in einem Gespräch ein paar Sorgen abzunehmen. Stress im Büro, Probleme in der Liebe, Ärger mit den Schwiegereltern - wenn die Passagiere nach einer 45-minütigen Fahrt dank einer guten, sie ins Zentrum stellenden Konversation erleichtert aus dem Fahrzeug aussteigen, dann kommen sie garantiert gerne wieder und werden sogar im selbstfahrenden Taxi die Präsenz des ihnen zuhörenden menschlichen "Fahrers" einfordern.

Das war freilich nur eine Idee. Die Digitalisierung bringt die Akteure der Dienstleistungsbranche im Speziellen und der Arbeitswelt im Allgemeinen dazu, eigene Ideen zu entwickeln und sich Gedanken zu machen, wie die gebotene Leistung das ins Zentrum stellen kann, womit (vorerst) keine Maschine konkurrieren kann: die tatsächlichen, von anderen geschätzten Vorzüge der Präsenz einer Person aus Fleisch und Blut.

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