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Warum die Londoner U-Bahn-Stationen voller Katzen sind

James Turner hat 68 Werbeplätze in der Londoner U-Bahn gemietet – und sie mit Bildern von Katzen bestückt. Wozu das gut sein soll?

04.10.2016 Andreas Weck

Es war der deutsche Satiriker Wolfgang J. Reus, der einmal sagte, dass Werbung nur noch zwischen wirtschaftlich interessanten Zielgruppen und dem Restmüll der Gesellschaft unterscheide. Werbung verkauft Produkte und Dienstleistungen – angefangen bei Kosmetikprodukten über Bausparverträge bis hin zu unerschwinglich teuren Luxus-Gütern, die in der Regel kaum ein Mensch braucht.

Selbst Werbung von gemeinnützigen Institutionen zeigt viel zu oft negative Bilder, um den Menschen an die Geldbörse zu gehen und Spenden einzusammeln. Tote Elefanten, hungrige Kinder und durch Krieg zerstörte Städte verkommen somit ebenso zu einem Produkt. Was Anzeigen heute jedoch viel zu wenig tun, ist großartige Ideen und Visionen zu vermitteln, die eine positive Ausstrahlung haben und somit allein dadurch schon soziale Auswirkungen lostreten können.

Dessen bewusst ist sich auch James Turner. Der Brite hat sein gesamtes Berufsleben in der Werbung verbracht. Viel Zeit floss in Projekte für Greenpeace oder zuletzt in die Syria Campaign. Dabei bemerkte er, dass Werbung derzeit viel zu limitiert ist. Und dass nicht wenige Kreative nach neuen Wegen suchen, um ihre Talente sozial einzubringen. Seine Antwort darauf ist das Glimpse-Kollektiv.

In einer Crowdfunding-Kampagne haben er und seine Mitstreiter kürzlich 23.000 Pfund eingesammelt, um damit einen Londoner U-Bahnhof mit Katzenbildern zu bekleben. Warum er das für notwendig hält und was er damit erreichen möchte, erklärt er uns in diesem Gespräch.

Katzen
Cats Not Ads: So gewinnen Künstler die Londoner U-Bahn zurück. (Foto: Glimpse)

Katzen anstatt Werbung: "Wir wollen den Menschen wieder ein gutes Gefühl geben."

James, was für ein Problem habt ihr mit Werbeanzeigen?

James Turner: Wir sind nicht per se gegen Werbung. Wir denken nur, dass sie auch anders verwendet werden sollte als es bislang getan wird. Kreative Arbeit hat enorme Auswirkungen darauf, was wir denken und ob wir unsere Welt, in der wir leben, zu schätzen wissen. Es gibt keinen Grund, warum Anzeigen immer nur Produkte verkaufen müssen. Sie können auch dazu verwendet werden, die Menschen wieder stolz darauf zu machen, dass sie beispielsweise in einer toleranten Gesellschaft leben. Oder dass sie sich freuen können, saubere Luft zu atmen. Wir von Glimpse wollen den Menschen wieder ein gutes Gefühl geben.

Kann Werbung kreativ, unterhaltsam, künstlerisch und gleichzeitig sozial engagiert sein?

Turner: Absolut. Werbung macht Dinge spannend und begehrenswert. Und das ist genau das, was wir brauchen, wenn es darum geht, die Welt zum Besseren zu verändern. Es ist eine Schande, dass soziales Engagement viel zu oft immer nur als purer Aktivismus angesehen und in Form von Spenden umgesetzt wird. Es gibt so viele talentierte Menschen in der Werbung, die mehr tun wollen. Doch sie bekommen selten die Chance dazu. Das frustriert ungemein. Ich habe Glimpse auch gegründet, um diesen Menschen eine Möglichkeit zu geben, sich gesellschaftlich mehr einzubringen.

Und warum noch?

Turner: Naja vor allem auch, um den Menschen auf der Straße den sozialen Wandel näherzubringen. Und um zu zeigen, dass er erstrebenswert ist und attraktiv sein kann. Ich will Menschen nicht zu Aktionen zwingen, ich möchte sie dazu inspirieren.

Warum ist es denn wichtig, gerade öffentliche Orte zurückzuerobern?

Turner: Die Londoner U-Bahn ist ja so ein Ort. Er hilft uns zu definieren, wie eine Gesellschaft sich selbst sieht. Wenn wir jedes Mal von Bildern mit teuren Handtaschen und Privat-Jets umgeben sind, sobald wir das Haus verlassen, glauben wir, dass genau diese Dinge wichtig im Leben sind, dass unsere Welt nur funktioniert, wenn wir diese Dinge besitzen. Aber mit etwas Kreativität können wir das ändern. Wir wollen, dass die Menschen erkennen, dass die ganze Welt um uns herum wandelbar ist. Sie wurde von jemandem eingerichtet und wir können sie auch wieder verändern. Unser CATS-Projekt zeigt sehr deutlich, wie zerbrechlich sie ist.

Warum habt ihr Katzen für eure aktuelle Kampagne ausgewählt?

Turner: Zuerst mal lieben wir Katzen, aber es hätten eigentlich auch Bananen oder Delfine sein können, die wir abbilden. Um direkt für Aufmerksamkeit zu sorgen, wollten wir halt einfach etwas zeigen, das Menschen mögen. Und wir wollten etwas zeigen, das frei ist und nicht pauschal als Produkt angesehen wird, das gekauft werden kann. Wir haben auch über Wälder und einen Camping-Urlaub mit Freunden nachgedacht. Jedoch sind Katzen viel eindringlicher. Wir waren recht schnell überzeugt, dass sie einen guten Auftakt bieten.

Wie reagieren die Menschen?

Turner: Vor allem bleiben sie stehen, starren die Plakate an und fangen an zu lächeln. Viele schauen auch zweimal hin, weil sie erst verwirrt sind. Einige Leute nehmen Bilder mit ihren Smartphones auf und verbreiten sie. Andere schütteln ungläubig den Kopf. Du musst es selbst sehen, um zu verstehen, wie unterschiedlich die Menschen reagieren – es ist manchmal seltsam und oft einfach nur wunderbar.

Gab es denn auch Kritiker?

Turner: Ja, die gab es. Einige Menschen meinten, dass wir das gesammelte Geld aus dem Crowdfunding lieber für wohltätige Zwecke hätten ausgeben sollen. Das ist wirklich wichtig und natürlich unterstützen wir es, dass Menschen ihr Geld für gute Zwecke ausgeben. Was wir machen, ist allerdings vielmehr wie gute Unterhaltung. Menschen gehen doch auch ins Kino, um eine gute Zeit zu haben und inspiriert zu werden. Und das ist ein bisschen wie das, was bei uns passiert.

Was hältst du von Ad-busting? Also, dass Werbebotschaften entfremdet werden, um deren Sinn umzudrehen und sie lächerlich zu machen. Ist das auch eine legitime Möglichkeit, den öffentlichen Raum zurückzuerobern?

Turner: Wir glauben, dass ein breites Spektrum an Menschen und Organisationen, die versuchen, die Dinge auf unterschiedliche Weise aufzumischen, immer gut ist. Wir respektieren alle, die ihre Kreativität verwenden, um Menschen neue Denkanstöße zu geben und somit versuchen, die Welt zu einem besseren Ort zu machen.

Und was werdet ihr als nächstes tun?

Turner: Die vergangenen Tage haben einen riesigen Wirbelwind losgetreten und wir müssen uns zuerst einmal wiederfinden. Wir haben jetzt mehr als 1.000 Menschen im Kollektiv und es sind viele Ideen und eine riesige Energie im Umlauf. Wir denken über ein Projekt nach, das sich um das Thema Empathie dreht, aber wir können noch nichts Konkretes dazu sagen. Doch jeder kann jederzeit zu uns stoßen und es an vorderster Front herausfinden.

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