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Vier Gründe, warum Deutschland ein besseres Startup-Ökosystem benötigt

Zwar hat sich Deutschland als Standort für Tech- und Fintech-Gründer in den vergangenen drei Jahren verbessert – hiesige Startups würden sich dennoch weitere Schritte wünschen. Ein Gastbeitrag.

03.11.2017 Quelle: t3n Christopher Schmitz
Foto: Soeren Stache/dpa
Foto: Soeren Stache/dpa

Es gibt eine ganze Reihe von Indizien dafür, dass sich das deutsche Startup-Ökosystem derzeit erfolgreich entwickelt. So konnten im ersten Halbjahr des Jahres 2017 rund 2,2 Milliarden Euro an Kapital in Finanzierungsrunden eingesammelt werden – eine Verdopplung gegenüber dem Vorjahreszeitraum!

Ebenso gibt die Ankündigung der Bundesregierung, ab Mitte des nächsten Jahres zwei Milliarden Euro an Finanzmitteln für Startups über die Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) bereitzustellen, berechtigten Anlass zur Hoffnung. Zudem legte der Online-Lieferdienst Delivery Hero mit einem Emissionsvolumen von 996 Millionen Euro einen äußerst erfolgreichen Börsenstart hin und wird künftig im S-DAX geführt.

Warum also sollte Deutschland Nachholbedarf unterstellt werden? Vier Gründe, die Jungunternehmer am häufigsten nennen:

Grund 1: Deutschland hat keine echte Startup-Kultur

Seit gut zehn Jahren gibt es in Deutschland ein Startup-Ökosystem.Vereinfacht gesagt versteht man darunter die Rahmenbedingungen für junge Unternehmen und deren gezielte Unterstützung durch Privatwirtschaft, öffentliche Hand und Bildungseinrichtungen. Deutschland macht definitiv Fortschritte – in jüngster Vergangenheit haben sich vor allem Berlin, Bayern, Hamburg, Baden-Württemberg, Nordrhein-Westfalen und Hessen erfolgreich positioniert und eine Reihe international wettbewerbsfähiger und potenter Startups hervorgebracht. Schaut man insbesondere auf Gründer mit digitalen Geschäftsmodellen, so haben die Börsengänge von Zalando oder Rocket Internet (2014) noch immer eine positive Signalwirkung auf junge Internet- und Technologie-Unternehmen.

Speziell im Fintech-Bereich steigt die Akzeptanz der Verbraucher für innovative Bezahlservices, Spar- und Anlageprodukte sowie neue Modelle der Online-Kreditfinanzierung. Investoren und Wagniskapitalgeber waren in den ersten sechs Monaten dieses Jahres bereit, über 330 Millionen in Fintech-Startups zu investieren.

Die Frage, die sich stellt: Sind dies nur einzelne, punktuelle Erfolge? Oder Teile eines umfassenden Plans? Gibt es beispielsweise eine systematische, institutionalisierte Zusammenarbeit zwischen multinationalen Unternehmen und Wachstumsfirmen in Deutschland? Klar ist, dass die neue Gründergeneration anerkennend auf die Startup-Ökosysteme in den USA, Großbritannien oder Tel Aviv blickt: Allein in Kalifornien werden derzeit über 65 Startups mit einer Milliarde US-Dollar oder mehr bewertet. Und im Vereinigten Königreich, allen voran London, stehen den Neugründern über 600 aktive Acceleratoren und Inkubatoren zur Seite. In Israel fördert die Regierung die Ansiedlung globaler Tech-Unternehmen. 20 Inkubatoren sind im öffentlich geförderten National Technological Incubators Programm aktiv und die Gründerkultur ist stark ausgeprägt – 1.150 Gründungen von High-Tech-Unternehmen alleine im Jahr 2015 zeugen von der Attraktivität des Ökosystems.

Deutschland befindet sich mit diesen und anderen Standorten im globalen Wettbewerb um kluge Köpfe – es sollte uns daher daran gelegen sein, dass diese ihre Ideen hier verwirklichen.

Grund 2: Deutsche Startups benötigen bessere Finanzierungsmöglichkeiten

Zwar ist die Zahl abgeschlossener Finanzierungsrunden auch in unternehmerische Frühphasen (Early Stage) zuletzt leicht gestiegen – dennoch fällt es vielen aufstrebenden, jungen Unternehmen schwer, Liquidität zur Verfügung gestellt zu bekommen. Damit auskömmliche Finanzierungsmöglichkeiten außerhalb Deutschlands nicht zu einem Abwanderungsgrund werden, wäre mehr Investitionsbereitschaft seitens privater Investoren (etwa Family Offices) und institutioneller Anleger wünschenswert. Dass über eine Tochtergesellschaft der KfW ab dem Jahr 2018 eine Förderung der Startup-Investitionen von Business Angels und Wagniskapitalgebern erfolgen soll, ist sehr zu begrüßen.

Ergänzend dazu lohnt sich ein Blick nach Großbritannien, wo der Gesetzgeber einerseits einen "Angel Co-Fonds" eingerichtet hat, der speziell in unternehmerischen Frühphasen zusätzliche Mittel bereitstellt, als auch einen "Risikokapital-Katalysator-Fonds", der diejenigen Fonds unterstützt, die hauptsächlich in Risikokapital investieren.

Grund 3: Das deutsche Steuersystem ist für Unternehmer und Investoren wenig freundlich

Einher mit den mangelnden Finanzierungstöpfen geht die Kritik, Risikokapitalgeber und Corporate Venture Fonds würden steuerlich unzureichend incentiviert. Tatsächlich ist es für Investoren in Deutschland steuerlich nur bedingt attraktiv, wenn Sie Startups finanziell unterstützen. Andere Standorte, etwa Israel, belohnen die Risikobereitschaft von Geldgebern, indem das Steuersystem Abschreibungsmöglichkeiten von Verlusten an Startup-Beteiligungen vorsieht.

Leider ist das deutsche Steuerregime nicht nur auf der Investorenseite, sondern ebenso auf der Ebene der Unternehmen eher unbeweglich. Es gäbe sicherlich einige Anreizoptionen für Gründer. Ideen dazu haben es im politischen Raum jedoch in vielen Fällen über Fraktionsanträge nicht hinausgeschafft. Die Bildung einer neuen Regierung könnte im Nachgang zur jüngsten Bundestagswahl noch ein langwieriger Prozess werden. Vorstellbar wären aber schnelle Errungenschaften, beispielsweise Steuergutschriften für Innovationen und steuerlichen Förderungen von Forschungs- und Entwicklungsprojekten. Ebenso wären Steuervergünstigungen für Einnahmen aus Patenten sowie steuerbegünstigte Vereinnahmungen von Veräußerungsgewinnen diskussionswürdig.

Grund 4: Kosten für Gründung und Bürokratie in Deutschland sind hoch

Deutschland punktet mit erschwinglichen Büromieten, einer weitgehend guten Verkehrs- und Infrastruktur sowie qualifizierten und mobilen Arbeitskräften. Leider belegt der aktuelle Doing Business-Report der Weltbank jedoch gleichzeitig: Die Gründung eines Unternehmens ist hierzulande kompliziert und dauert, verglichen mit anderen OECD-Staaten, lang. Deutschland rangiert daher im OECD-Vergleich nur auf Platz 114. Um sich als Startup-freundliche Wirtschaftsnation zu etablieren, sollte der Gesetzgeber regulatorische Auflagen, Kapitalanforderungen und Zulassungskosten daher überprüfen.

Speziell im Fintech-Bereich ist das britische Modell als Vorlage attraktiv: Dort können Fintech-Startups zunächst in einem Testbereich (sogenannte "Regulatory Sandbox") ihre Geschäftsmodelle testen, ohne sofort alle regulatorischen Anforderungen erfüllen zu müssen. Dieses Modell findet auch an anderen Orten der Welt Nachahmer: So hat die Regulierungsbehörde MAS in Singapur ebenfalls eine Regulatory Sandbox ins Leben gerufen.

Fazit und Ausblick

Innovativen Jungunternehmen kommt für den wirtschaftlichen Wohlstand in Deutschland eine zunehmende wichtige Rolle zu. Speziell im Fintech-Bereich hat sich zuletzt gezeigt, dass junge, kreative Köpfe neue Arbeitsplätze schaffen und Impulse für Wachstum zu setzen vermögen.

Die Marktakteure in Deutschland sollten speziell auf die Finanzierungs- und Gründungsfragen dieser Newcomer eingehen und vernetze Unterstützungsangebote seitens Privatwirtschaft, öffentlicher Hand und Universitäten anbieten. Dann stehen die Chancen gut, dass es auch in Zukunft eine Zahl von Startups gibt, die sich zu erfolgreichen Mittelständlern oder gar zu sogenannten "Einhörnern" (mit einer Marktkapitalisierung über einer Milliarde Euro) entwickeln.

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