Job & Career

Vier Frauen - vier Karrieren: Ingrid-Helen Arnold

Ingrid-Helen Arnold, Mitglied des SAP Global Managing Board, Chief Information Officer (CIO) und Chief Process Officer (CPO) der SAP SE im Interview

18.02.2016
Ingrid-Helen Arnold, CeBIT, Interview
Ingrid-Helen Arnold, SAP

Sie wurde im Mai 2014 in das Global Managing Board der SAP berufen.

Mit ihrem starken Fokus auf Innovation und mit ihrer langjährigen Erfahrung in der Neugestaltung von SAP Geschäftsprozessen, lenkt Ingrid-Helen Arnold als CIO und CPO die Business Transformation der SAP maßgeblich mit, mit dem Ziel, interne Prozesse und Systeme kontinuierlich zu verbessern und zu vereinfachen und Business Innovationen im Unternehmen weiter voranzutreiben.

Als CIO und CPO vereint sie die interne Einführung und Nutzung des SAP-Lösungsportfolio und treibt damit die Umgestaltung zentraler Geschäftsprozesse im Einklang mit SAPs Cloud- und Plattformstrategie voran. Ingrid-Helen arbeitet in enger Abstimmung mit den Fachabteilungen sowie der Entwicklung, um eine anwenderfreundliche und innovative SAP-Software zu gewährleisten. Darüber hinaus stellt sie eine enge Verknüpfung zwischen Prozessen und Systemen sicher, um die Effizienz der SAP-Geschäftsbereiche weiter zu stärken.

Interview

Experten sprechen im Zusammenhang mit Frauen und Karriere von der „gläsernen Decke“. Wie haben Sie das erlebt?

Ich bin mir der gläsernen Decke durchaus bewusst. Sie scheint den Weg nach oben zu versperren, wenn Frauen Kinder bekommen haben und versuchen, an den Arbeitsplatz zurückzukehren. Dort stellen sie dann fest, dass ihre männlichen Kollegen sie überholt haben. Die meisten Frauen holen diesen Vorsprung nie wieder auf. Daher daher gibt es am Ende eine Menge überqualifizierter Frauen mit Teilzeitstellen.

Ich würde junge Frauen gerne dazu ermutigen, sich einen richtig guten Job zu angeln. Leider fällt der beste Zeitpunkt für wichtige Karriereschritte mit dem besten Zeitpunkt für die Familiengründung zusammen. Die Lösung liegt für Frauen darin, einen Gang hochzuschalten ("sich reinzuhängen", wie Sheryl Sandberg sagt) und zu zeigen, dass sie sowohl willig als auch fähig sind, sich gegen die Konkurrenz zu behaupten und die Probleme ihres Unternehmens zu lösen, unabhängig von der Planung ihres Privatlebens. Sie sollten sich behaupten, so gut es irgend geht, solange noch dieselben Rahmenbedingungen für alle gelten. So sind sie gut aufgestellt, wenn sie später als Eltern an den Arbeitsplatz zurückkehren.

Zudem brauchen wir mehr Flexibilität am Arbeitsplatz, wir brauchen Teilzeit-Führungskräfte und wir müssen, als Gesellschaft, aufhören, Frauen dafür zu bestrafen, dass sie einen Teil ihrer Lebenszeit nicht auf ihre Karriere verwenden. Außerdem muss es viel normaler werden, dass Männer zuhause bleiben und für die Kinder sorgen. So kann das Gleichgewicht nach und nach wiederhergestellt werden.

Können Sie jungen Frauen, die in der digitalen Wirtschaft Karriere machen wollen, Ratschläge mit auf den Weg geben?

Ja. Allerdings muss ich ganz klar sagen, dass meine Ratschläge für junge Männer genauso gelten wie für junge Frauen. Zunächst sollten junge Menschen sich darüber im Klaren sein, dass sie den Beruf, den sie erlernen, möglicherweise später nicht ausüben werden. In der digitalen Wirtschaft ändert sich alles so schnell, dass junge Berufstätige in Bezug auf ihre Arbeit in Zukunft unglaublich flexibel sein müssen. 60 Prozent ihrer späteren Tätigkeiten sind noch gar nicht erfunden worden. Deshalb sind Offenheit und Mut zur Veränderung von entscheidender Bedeutung.

Neben Flexibilität und Offenheit ist auch Empathie sehr wichtig. Selbst im B2B-Bereich gewinnt B2C immer mehr an Bedeutung. Alles dreht sich um den Kunden. Und um die vom Kunden benötigten Leistungen zu erbringen – fristgerecht, in höchster Qualität und auf dem richtigen Gerät -, muss der Digital Worker empathisch auf Kundenbedürfnisse reagieren.

Ein breites Kompetenzspektrum halte ich ebenfalls für hilfreich. Unternehmen suchen Mitarbeiter, die bereichsübergreifend denken und vielseitig einsetzbar sind.

Allerdings bin ich der Meinung, dass Frauen für die Arbeit in der digitalen Wirtschaft bestens geeignet sind. Ihre Networking-Fähigkeiten sind wesentlich für die Flexibilität, die wir zur Bewältigung der enormen Veränderungen und Herausforderungen auf unserem Weg benötigen. Angesichts der vorschreitenden fortschreitenden Digitalisierung sowie kürzeren Innovationszyklen können Frauen bei den Innovationsvorhaben ihrer Unternehmen durchaus eine wichtige Schlüsselrolle spielen. Dazu müssen sie die gesteckten Unternehmensziele sowie die dazu erforderlichen Realisierungsstrategien gut verstehen und sich entsprechend einbringen.

Häufig steht am Beginn einer erfolgreichen Berufslaufbahn ein glücklicher Moment, der alles Weitere positiv beeinflusst. Wie sah dieser Moment für Sie aus?

Für mich kam dieser Moment 1996, als ich anfing, bei SAP zu arbeiten. Ich war wirklich zur richtigen Zeit am richtigen Ort. SAP war damals noch ein recht junges Unternehmen, nach oben waren keine Grenzen gesetzt und es herrschte ein unglaublicher Innovationsgeist. Kein Tag war wie der andere. Ich habe diese Aufbruchsstimmung genutzt, um möglichst viel über möglichst viele Bereiche des Geschäfts zu lernen. Diese Erfahrung hilft mir auch heute noch im Berufsleben.

Wie können Unternehmen intern für mehr Diversity sorgen?

Durch klar definierte Ziele lässt sich Diversity zum festen Bestandteil einer jeden Unternehmensphilosophie machen. SAP Nordamerika erhielt beispielsweise kürzlich als erstes Tech-Unternehmen eine EDGE-Zertifizierung. Dazu wurden im Rahmen eines äußerst strengen Verfahrens unsere Maßnahmen zur Einstellung, Bindung und Förderung von Frauen bewertet - mit einem positiven Ergebnis. Wir hoffen nun darauf, die EDGE-Zertifizierung weltweit zu erlangen. Wenn Unternehmen wie SAP mit fast 80 000 Mitarbeitern zeigen können, dass sie Frauen und Männer gleichberechtigt behandeln, können andere das auch.

Die Unternehmen müssen eine positive Einstellung zu dem kulturellen Wandel entwickeln, den Diversity und Inklusivität mit sich bringen. Damit meine ich, dass wir bei der Besetzung offener Führungspositionen auf die Vielfalt der Kandidaten und Personalreferenten achten sollten. Es sollte personenbezogene Karrierepläne für hoch qualifizierte Frauen auf jeder Ebene geben, die sie mit ihren Vorgesetzten besprechen, und die Führungskräfte sollten ihre Nachwuchsförderung auf Diversity-Aspekte überprüfen, um eine faire Behandlung zu gewährleisten. Alle Abteilungs-, Ressort- und Bereichsleiter sollten hoch qualifizierte Frauen im Sinne der Personalentwicklung fördern und ihnen beratend zur Seite stehen. Das Unternehmen sollte die Fortschritte regelmäßig anhand der Mitarbeiterstruktur untersuchen. Insgesamt sind ganz konkrete gemeinsame Anstrengungen erforderlich, um eine Veränderung zu bewirken.

Bereiten Schule und Universität ausreichend auf eine Karriere in der Digitalwirtschaft vor?

Ich habe vor Kurzem gesagt, dass Schulen eine digitale Wüste sind. Es ist absolut nicht nötig, Kindern Word, Excel und PowerPoint beizubringen; den Umgang mit diesen Programmen können sie allein lernen. Aber ich halte es für dringend notwendig, den Schülern grundlegende Programmierkenntnisse zu vermitteln und Algorithmen verständlich zu machen. Das bereitet sie am besten auf die Arbeit in der digitalen Wirtschaft vor.

Die Steve-Jobs-Schule, die als "Grundschule der Zukunft" bezeichnet wird, geht mit gutem Beispiel voran. Die Kinder haben nicht nur eigene iPads und Zugriff auf Apps, die auf ihr Lernniveau abgestimmte Übungen anbieten, sondern bestimmen auch die Lerninhalte selbst, und zwar auf der Grundlage eines individuellen Lehrplans, den sie zusammen mit ihrem Lehrer/Coach entwickelt haben. Auf diese Weise entscheiden die Schüler selbst, was sie wann lernen, und zeigen so mehr Verantwortungsbewusstsein und Einsatz. Ich halte das für ein fantastisches Modell und eine äußerst intelligente Nutzung moderner Technik, mit der die Kinder auf die hochgradig differenzierte Arbeitswelt von morgen vorbereitet werden.

Alles in allem sind die Hochschulen besser aufgestellt, um Studierende auf das digitale Zeitalter vorzubereiten, da sie Studiengänge anbieten, bei denen Programmierung unterrichtet wird. Doch ich wäre dafür, dass Programmierkenntnisse auch ebenfalls bei nichttechnischen Studiengängen der Geistes-, Wirtschafts- und Sozialwissenschaften erworben werden können.

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