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Vier Frauen - vier Karrien: Andera Gadeib

Andera Gadeib, Startup-Gründerin und Vorständin des Bundesverband IT-Mittelstand e.V. im Interview

05.02.2016
CeBIT, Interview Andera Gadeib

Andera Gadeib startete ihre Karriere 1999 mit der Gründung der digitalen Marktforschungsagentur Dialego. Dialego arbeitet heute international für Unternehmen wie Nestlé, Allianz, BASF oder Bayer. 2012 folgte die Gründung des Startups SmartMunk, ein skalierbares Technologie-Unternehmen für cloudbasierte Customer Intelligence, wonach zwei Jahre später die Online-Tierheilpraxis lets-balance.de das Portfolio komplettiert.

Sie ist berufenes Mitglied in verschiedenen Beiräten und Gremien, u.a. Vorständin des Bundesverband IT-Mittelstand e.V..

Experten sprechen viel von der Gläsernen Decke bei der Karriere von Frauen. Wie haben Sie das erlebt?

Es gibt sie schon, die Gläserne Decke. Auch wenn ich sie erst sehr spät entdeckt habe. Ich habe mich gleich nach Abschluss des BWL- und Wirtschaftsinformatik-Studiums zu Zeiten der New Economy mit meinem ersten Digitalunternehmen Dialego selbständig gemacht und hatte überhaupt keine Probleme, in der technologischen Männerwelt klar zu kommen. Im Gegenteil. Ich verstand die Frage nach Frauenförderung gar nicht. Rückblickend betrachtet lag das daran, dass ich mir meine eigene (Unternehmens-) Welt machen konnte und unabhängig bin. Es fehlte auf Seiten der Auftraggeber auch nie an Respekt oder Akzeptanz.

Als ich dann das erste Mal in ein Gremium kam, bekam ich die Gläserne Decke sehr deutlich zu spüren. Es fühlt sich an, wie im Management eines Großkonzerns. Wer repräsentiert? Wer setzt die Agenda? Ich wusste, mein Gegenüber respektiert, dass ich erfolgreich und effektiv Projekte umsetze, aber mir wurde auch klar gemacht "Greif mich bloß nicht an. Ich will hier was werden". Da musste ich erst mal lernen, professionell mit umzugehen. Es war streckenweise belastend, aber daran bin ich gewachsen.

Gibt es aus Ihrer Sicht Tipps, die junge Frauen beherzigen sollten, wenn sie Karriere in der Digitalwirtschaft machen wollen – und wenn ja welche?

Einfach machen. Selbstbewusst Verantwortung übernehmen. Und sich selbst was zutrauen. Wichtig ist, nicht aufzugeben. Sich von niemandem einreden lassen, dass man es nicht kann und Erfolge zu feiern. Auch wenn nicht immer gleich alles auf Anhieb gelingt.

Ich denke, wir müssen viel früher anfangen, Mädchen für das Digitale zu begeistern. Das kreative Lösen von Problemen liegt uns.

In Karrierewegen gibt es oftmals den glücklichen Moment, mit dem alles begann – wie sah dieser Moment bei Ihnen aus?

Ich hatte im Studium die Gelegenheit ein interdisziplinäres Projekt zu machen. Es gab verschiedene Projekte und ich bewarb mich um das "WWW-Projekt" ohne so richtig zu wissen, was das ist. Ich war damals schon in Maus- und Fidonet unterwegs und dachte, da lerne ich, wie's hinter der Mailbox aussieht.

Die Organisatoren versuchten, mich umzustimmen und für ein anderes Projekt zu gewinnen. Ich wollte aber unbedingt dieses technische Projekt machen.

Schließlich baute ich mit einem Maschinenbauer und einem Informatiker einen der ersten kommerziellen Webserver in ganz Deutschland auf und habe so quasi ab Stunde Null des Webs damit gearbeitet. Eine großartige Erfahrung, ohne die ich womöglich heute nicht auf dem Chefsessel eines Digitalunternehmens säße.

Wie kann es Unternehmen aus Ihrer Sicht gelingen, mehr Diversity in die eigene Organisation zu bringen?

Unternehmen müssen dies mit Nachdruck verfolgen. Ich mag die Diskussion nicht, es gäbe nicht genug qualifizierte Frauen für den Job. Frauen verkaufen sich einfach nur anders. Sie drängen weniger in die Öffentlichkeit. Schauen Sie sich die vielen all-male-panels in unserer Branche an. Ein bisschen Abwechslung und ein ganz anderer Standpunkt wären schon gut auf der Bühne. Den bringen Frauen automatisch rein, weil sie andere Prioritäten setzen, sich vielleicht auch eher trauen, das Bauchgefühl, die Emotion sprechen zu lassen. Diese hat letztlich bei jeder Kaufentscheidung des Kunden höchste Relevanz. Ich wundere mich, warum wir dann noch überwiegend funktionale Fachdebatten führen oder Produktentwicklung an der Funktion festmachen, wenn es vielmehr das Erlebnis ist, das begeistert.

Wir brauchen eine gute Mischung. Und wenn wir von Diversity sprechen, dann sollten wir auch über andere Gruppen reden, verschiedene Nationen, Hautfarben, Religionen, usw. Wer homogene Teams zusammenstellt, hat vielleicht Ruhe, darf sich aber nicht wundern, wenn dort auch nichts Herausragendes entsteht. Es braucht Reibung und Inspiration jenseits des eigenen Horizonts, um Großes entstehen zu lassen.

Bereiten Schule und Universität ausreichend auf eine Karriere in der Digitalwirtschaft vor?

Eindeutig nein. Wir müssten viel früher in der Schule anfangen, Kinder für das Digitale zu begeistern. Ihnen beibringen, wie viel Spaß es macht, wenn man das Digitale selbst gestalten kann, statt es nur passiv zu nutzen. Statt Handys als Hosentaschenpotential im Unterricht einzusetzen, werden sie in den Schulen verboten. So auch an der Schule meiner Großen, einem naturwissenschaftlich orientierten Gymnasium. Maximal Tablet-Nutzung als Schulbuchalternative ist der Stand des Fortschritts an der Schule, aber nur ein Medienwechsel ist viel zu wenig.

Ich denke, dass Eltern, Lehrer und Direktoren dem Digitalen teils noch skeptisch gegenüber stehen. Es ist immer noch Neuland und wir müssen Digitale Aufklärung betreiben. Mit einer kleinen Fortbildung ist es hier nicht getan.

Ich arbeite an verschiedenen Projekten zu dem Thema. Eines ist digitalkunde.de. Hier machen wir im aktuellen Halbjahr einen Piloten in acht Schulen deutschlandweit in allen Schulformen und stellen dem Lehrer einen Co-Teacher an die Seite. Es entstehen sehr tolle Projekte.

www.anderagadeib.de

Lesen Sie hier die weiteren Interviews der Serie "Vier Frauen - vier Karrieren".

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