Digitale Transformation

Vernetzte Wirtschaft: Digital oder nichts

Die prominenten Opfer sind bekannt: Riesen wie Kodak, Neckermann oder zuletzt Nokia sind gescheitert, weil sie die digitale Transformation verpasst haben. Die vernetzte Wirtschaft verändert immer schneller die Spielregeln in allen Branchen – mit erheblichen Folgen.

23.02.2015
d!conomy vernetzte Wirtschaft

Jahrzehntelang schickten Designer und Modeexperten gefärbte Stoffmuster rund um die Welt, immer wieder. Ihr Ziel: Die Abstimmung von Farben. Den Aufwand können sie sich bald sparen. Per Multispektralanalyse lassen sich bestimmte Farbcodes generieren, die digital versendet werden. Physische Muster werden überflüssig, der Aufwand reduziert sich radikal. Dieses "Faxgerät für die Textilindustrie" ist eine Erfindung des Deutschen Mode Instituts (DMI) mit disruptivem Potenzial und jüngst mit dem Digital Transformation Award von WirtschaftsWoche, T-Systems und Strategy& ausgezeichnet worden.

Das Beispiel zeigt, wie sich Wertschöpfungsketten durch die vernetzte Wirtschaft rapide ändern – und weshalb kein Unternehmen an der digitalen Transformation vorbeikommt. Laut dem Technologie-Marktforschungsunternehmen Gartner werden spätestens Ende 2016 weitere Firmen erhebliche Marktanteile verlieren, weil sie den digitalen Wandel verschlafen haben.

Comeback des Unikats

Besonders die Produktion steht vor einem kompletten Umbruch: Noch ist die die Industrie 4.0 erst die Vision einer absoluten Vernetzung. In Logistik und Produktion werden Materialien, Maschinen und Geräte mit sogenannten cyber-physischen Systemen (CPS) ausgestattet: Computerchips, die über das Internet miteinander kommunizieren. Das Hochregal meldet Materialschwund und bestellt selbstständig nach, Produktionsstraßen stimmen weltweit ihren Takt untereinander ab – für Branchen wie die Automobilindustrie mit ihren zahlreichen Zulieferbetrieben klingt das nach paradiesischen Zuständen.

Werden Fabriken heute noch meist zentral gesteuert, koordinieren sie sich künftig also selbst. Es locken Produktivitätssteigerungen von bis zu 30 Prozent. Und nach Jahrzehnten der Massenfertigung steht damit auch das Einzelstück vor dem Comeback – denn Unikate sind so wesentlich leichter herzustellen.

Revolution von oben

Bislang steckt die Entwicklung noch in den Kinderschuhen, auch wenn Industriegrößen wie Bosch und Festo bereits einige Pilotprojekte realisiert haben. Nach Einschätzung der Experton Group ist Industrie 4.0 allerdings der wichtigste neue Business- und ICT-Trend in Deutschland.

"Wer auch künftig global wettbewerbsfähig sein möchte, muss dafür in entsprechende ITK-Lösungen investieren."
Bernhard Rohleder, Geschäftsführer BITKOM

Technologien wie Social Media, das mobile Internet und auch Cloud Computing sind dabei zwei Seiten einer Medaille: Sie verändern das Konsumentenverhalten so schnell wie nie zuvor, eröffnen Unternehmen aber zugleich die Chancen, ihre Kunden besser zu verstehen und ihre Produkte und Dienstleistungen individueller zu gestalten.

Doch die digitale Transformation benötigt vor allem klare strategische Vorgaben. Zu weitläufig sind die technischen Möglichkeiten, als dass ein Unternehmen ohne eine Strategie profitabel arbeiten könnte. Bei der Planung müssen daher Management, Technischer Leiter (CIO) und die verschiedenen Abteilungen zusammenarbeiten. Experten der Unternehmensberatung neuland empfehlen, das Bewusstsein für die digitale Transformation in der Unternehmensstrategie zu verankern und den Veränderungsprozess nicht zu deligieren. Eine Revolution von oben also. Die Ablösung veralteter IT-Strukturen muss dabei Teil des Fahrplans sein.

Die Vernetzung verändert dabei nicht nur Logistik und Produktion, sondern vor allem auch das Marketing. Unternehmen können präziser auf die Vorstellung ihrer Kunden eingehen, weil sie genau wissen, was der Verbraucher will: Jeder Besucher der Firmenwebseite liefert Daten zu seinen Kaufinteressen, sein Surfverhalten ermöglicht Rückschlüsse auf Vorlieben, Freunde, Einkommen. Durch vorausschauende Analysen und Big-Data-Anwendungen passen sich Angebote dann direkt an den Nutzer an. Es werden Informationen generiert, die künftig direkt an die Produktion übergeben werden können.

Die Möglichkeiten für Unternehmen sind also schier unerschöpflich. Braucht es nur zwei Grundvoraussetzungen: eine präzise Kenntnis des Markts und der technischen Entwicklung. Etwas, das Kodak, Neckermann und Co. offenbar gefehlt hat.

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