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Trotz Digitalisierung: Nur Bares ist Wahres

Bitcoin hin, ApplePay her – das Bargeld in Deutschland ist noch lange nicht tot, meint Michael Kemmer, Hauptgeschäftsführer beim Bundesverband deutscher Banken, im Digital-Insights-Interview. Und auch der Kreditkarte sagt er eine gute Zukunft voraus, denn: Ihr geht im Gegensatz zum Smartphone nie der Strom aus.

16.09.2015

Interview mit Michael Kemmer, Hauptgeschäftsführer beim Bundesverband deutscher Banken

DI Bankenverband Kemmer

Frage: Herr Kemmer, die dänische Notenbank will 2017 keine neuen Banknoten mehr drucken. Wie lange werden wir in Deutschland noch mit Münzen und Scheinen zahlen?

Kemmer: Ich denke, dass wird noch sehr lange der Fall sein. Deutschland ist ein Land der Barzahler. Ich sehe keinen Grund warum wir uns vom Bargeld komplett verabschieden sollten. Das ändert jedoch nichts an der Tatsache, dass unbare Zahlungen auch eine Menge Vorteile für Kunden, Handel und Banken bieten. Ich gehe davon aus, dass sich die Zahlungsgewohnheiten der Menschen in Zukunft weiter ausdifferenzieren werden. Aber das Bargeld wird langfristig bleiben. Das sieht im Übrigen die Deutsche Bundesbank genauso.

Frage: Hat die Kreditkarte noch eine Zukunft – oder wird sie in fünf Jahren vom Smartphone abgelöst?

Kemmer: Ich sehe da nicht unbedingt einen Widerspruch. Ich denke, dass beide sich gut ergänzen. Das Smartphone hat in den vergangenen Jahren eine atemberaubende Entwicklung hingelegt – sowohl technisch als auch in der Durchdringung des Marktes. Aber wenn das Smartphone an der Tankstelle oder im Supermarkt zum kontaktlosen Bezahlen verwendet wird, dann wird es sehr wahrscheinlich ein Giro- oder Kreditkartenkonto sein, über welches die Zahlung letztlich abgewickelt wird. Genutzt wird also die im Handel vorhandene Karten-Infrastruktur. In dieser Hinsicht ist das Smartphone nicht viel mehr als ein Formfaktor – also eine Karte in anderer Form. In Deutschland gibt es rund 750.000 Terminals für Zahlungen am Point-of-Sale. Sie alle akzeptieren Karten und werden das auch in fünf Jahren noch tun. Außerdem bietet die Karte den Vorteil, dass ihr nie der Strom ausgehen kann.

Frage: ApplePay oder GoogleWallet kommen zwar nicht sehr schnell an den Start, aber der Trend geht eindeutig in alternative Finanzströme, die an den Banken vorbeilaufen. Wieso sehen Sie sich in diesem neuen Konkurrenzfeld gut aufgestellt?

Kemmer: Weil ich nicht der Meinung bin, dass der Trend wirklich weg von den Banken geht. Die genannten Beispiele stellen keine Full-Service-Provider mit geschlossenem Zahlungskreislauf dar. Auch ApplePay oder Google Wallet nutzen letztendlich die Zahlungsverkehrsinfrastruktur der Banken. In ApplePay stecken zum Beispiel nichts anderes als die eben schon angesprochenen Kreditkarten. Aber die deutsche Kreditwirtschaft ist nicht untätig.

Die deutschen Banken und Sparkassen haben eine gemeinsame Plattform für ein einfaches und sicheres Bezahlen im Internet aufgebaut, die Ende 2015 an den Markt geht. Über „paydirekt“ bezahlt der Kunde seine Online-Einkäufe einfach und direkt von seinem Girokonto. Weit über 50 Millionen online-fähige Girokonten in Deutschland können beim vollen Marktstart mit paydirekt genutzt werden. Darin sehen wir einen wesentlichen Vorteil.

Außerdem unterliegt paydirekt als deutsches Unternehmen deutscher Regulierung sowie den deutschen Datenschutzbestimmungen.

Frage: Banking am PC, mit dem Tablet oder dem Smartphone sind mittlerweile alltäglich. Wie glauben Sie wird die Schnittstelle zum Kunden in fünf Jahren aussehen?

Kemmer: Vielfältig. Der Kunde entscheidet auf welchem Weg er mit seiner Bank kommunizieren will. Der Schlüssel wird die nahtlose Verzahnung von On- und Offline-Welt sein. Die Form der Kommunikation wird vom Anlass und Inhalt bestimmt sein.

Eine komplexe langfristige Vermögensplanung wird aus Sicht des Kunden eine andere, im Zweifel sehr persönliche Kommunikation benötigen, bei der man sich in die Augen sehen kann.

Frage: Im Silicon Valley wird aktuell am meisten Geld in Startups aus dem Fintech-Bereich investiert. Entsteht da eine neue Konkurrenz für das internationale Bankensystem?

Kemmer: Wir beobachten sehr genau, was sich im Silicon Valley aber auch an anderen Orten der Welt im Bereich der Fintechs so alles tut. Da steckt schon eine ordentliche Dynamik drin. Was man bisher beobachten kann, ist, dass sich Startups vor allem sehr stark auf einzelne Abschnitte der Wertschöpfungskette, also zum Beispiel den Zahlungsverkehr konzentrieren. Fintechs zeichnen sich dadurch aus, dass sie vor allem sehr agil und bedingungslos auf den Kunden fokussiert sind.

Gleichzeitig meiden sie die regulierten Bereiche, da Regulierung per se nicht zur DNA eines Startups passt. Banken werden also nicht überflüssig, sondern es gibt viel Spielraum für Kooperation.

Frage: Junge Unternehmen und auch die Politik beklagen immer wieder, dass es in Deutschland zu schwierig ist, Risikokapital für schnelles Wachstum von Startups zu bekommen. Inwieweit müssen die deutschen Banken ihre Kreditvergabesystematik überprüfen?

Kemmer: In einigen anderen Ländern sind die Wagniskapitalbranche und die Risikokultur stärker entwickelt, daher ist es dort einfacher an Risikokapital zu gelangen. Diesbezüglich haben wir in Deutschland und Europa Aufholbedarf. Banken unterstützen und begleiten Startups heute schon auf vielfältige Weise.

Der klassische Bankkredit eignet sich allerdings nicht zur Finanzierung von innovativen Unternehmensgründungen. Banken verleihen das Geld ihrer Kunden und müssen daher mit einer hohen Rückzahlungsquote bzw. mit geringen Ausfällen kalkulieren. Die klassische Fremdkapital¬finanzierung ist für Startups erst dann geeignet, wenn sich Erträge, die für Zins- und Tilgungszahlungen verwendet werden können, verlässlich vorhersagen lassen. Wagniskapitalfinanzierung ist daher kein typisches Bankgeschäft.

Spezielle Innovations- oder Wachstumsprojekte oder eben Start-ups sind daher zunächst auf Eigenkapital und auf Wagniskapitalgeber angewiesen.

Frage: Wo sehen Sie die größten Herausforderungen im Bereich der digitalen Sicherheit?

Kemmer: Die größte Herausforderung ist in meinen Augen den Nutzer zu schützen, denn dieser ist mittlerweile zum Hauptangriffspunkt geworden. Dabei versuchen die Angreifer dem Nutzer durch Vorspiegelung falscher Tatsachen seine Geheimnisse zu entlocken oder ihn zu für ihn ungünstigen Handlungen zu bewegen. Geheimnisse sind zum Beispiel PINs und TANs oder die persönlichen Zugangsdaten zu sozialen Netzwerken. Ungünstige Handlungen sind beispielsweise "Testüberweisungen", zu denen der Nutzer am Telefon überredet wird und die in Wirklichkeit eine Überweisung auf das Konto des Betrügers sind. Man nennt diese Angriffsform Social Engineering.

Größeres Bedrohungspotenzial besteht ferner für die Verfügbarkeit von Netzwerken in Form von Denial of Service Angriffen. Banken – und andere Betreiber großer Netzwerke – rüsten sich gegen diese Angriffe durch Kooperationen untereinander und mit spezialisierten Dienstleistern. Da unsere Wirtschaft und Gesellschaft immer mehr von computergesteuerten Prozessen sowie einer Kommunikation über das Internet abhängt, ist eine Zunahme dieser und anderer Angriffsformen zu erwarten. Banken sind hierbei nur einer von vielen Adressaten.

Zur Information:

In der Halle 11 im Bereich SCALE11 werden sich auf der CeBIT im kommenden Jahr auch zahlreiche Startups präsentieren, die Lösungen für den Fintech-Sektor anbieten.

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