Data Analytics & BI

Sind Daten die neuen Pillen?

Fitness-Apps zählen unsere Schritte und messen unseren Puls. Doch im Vergleich zu dem, woran Forscher gerade arbeiten, ist das langweilig. Big Data und Analytics können das Gesundheitswesen revolutionieren.

24.02.2016

Ob nun per Fitness-Armband oder einfach mit dem Smartphone: Allein in Deutschland erfasst jeder Dritte heute Informationen über den eigenen Gesundheitszustand. Viele teilen die Daten gleich noch online mit der Welt. Warum eigentlich? Für manche mag es der Wettbewerbsfaktor sein. Ist mein Training effektiv? Bin ich fitter als meine Freunde? Die technischen Möglichkeiten des Gesundheitstrackings gehen inzwischen aber weit über den Einsatzzweck Sport hinaus. Und das Interesse an den Daten wächst – von allen Seiten.

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Von Insulintrackern und Alzheimer-Analysen

Ein Blick in den Apple App Store veranschaulicht die Dimensionen: Rund 15.000 Einträge zählt die Kategorie Gesundheits-Apps. Neben den erwähnten Fitness-Anwendungen wie Jawbone, Runtastic oder Fitbit wächst vor allem die Zahl der medizinisch relevanten Lösungen. Diabetiker beispielsweise können mit MySugr ihre Blutzuckerwerte protokollieren. Die App analysiert die Einträge, erkennt Muster und empfiehlt so präzise Dosierungen für die nächste Insulininjektion.

Entwickler, Mathematiker und Ärzte arbeiten gemeinsam an vielen weiteren Big-Data-Einsatzszenarien für eine personalisierte Medizin. Etwa zur Prävention und zur Früherkennung von Krankheiten wie Alzheimer. Erste Anzeichen für die Erkrankung sind Veränderungen im Gang – mit Sensoren ausgestattete, intelligente Bodenbeläge können diese erfassen. Bewegungsmusteranalysen berechnen dann die Wahrscheinlichkeit eines beginnenden Alzheimers. Welcher Anwendungsfall auch vorliegt: Je mehr Daten die Sensoren erfassen, desto verlässlicher werden die Ergebnisse. Müssen Ärzte dann schon bald mit Algorithmen konkurrieren?

Auf dem Weg zum gläsernen Patienten?

Nein, schon allein aus rechtlichen Gründen geht es nicht darum, den Doktor Computer zu bauen. Alle Resultate – ob Insulindosierung oder Alzheimer-Diagnose – müssen von Ärzten validiert und bestätigt werden. Aber sie können sich der Hilfe von Big Data und entsprechenden Anwendungen bedienen. Längst haben Digital-Giganten wie Google, IBM, Microsoft und Co das Potenzial des Gesundheitssektors erkannt. Für den Patienten stecken darin riesige Chancen, wenn Kollege Computer in Sekundenschnelle die individuellen Daten mit allen aktuellen, weltweit verfügbaren Studien und Forschungsergebnissen abgleichen kann – und auf dieser Basis die beste Therapie – etwa gegen einen seltenen Krebs – empfehlen kann.

Klar ist: Aktuell verwenden Ärzte einen Großteil ihrer Arbeitszeit darauf, Medikationspläne und frühere Diagnosen ihrer Patienten zu rekonstruieren. Liefert der Patient diese Daten gleich in gesammelter Form mit, bliebe mehr Zeit für die eigentliche Behandlung. Krankenkassen, allen voran die Techniker, drängen inzwischen darauf, die von persönlichen Gesundheits-Trackern erfassten Daten in eine zentrale elektronische Patientenakte aufzunehmen. Klar, denn aus den Informationen lassen sich Versicherungsrisiken genauer ableiten. Die Politik pocht daher vor allem auf einen Punkt: den Datenschutz.

Während sich die Technik rasant weiterentwickelt, hinkt die Gesetzgebung allerdings hinterher. Klare Standards existieren noch nicht, allein in der EU gelten heute 28 verschiedene Datenschutzrichtlinien. Speziell für mobile Gesundheitsanwendungen arbeitet die Europäische Kommission nun jedoch an einer gemeinschaftlichen Lösung. In einem ersten Leitlinien-Entwurf für App-Entwickler rät die beauftragte Arbeitsgruppe vor allem zum Prinzip "Privacy by Design". Die Idee dahinter: Sicherheitsvorkehrungen, beispielsweise Verschlüsselungsalgorithmen, werden in den eigentlichen Kern einer Software integriert. Jede App erhält zudem nur Zugriff auf diejenigen Daten eines Mobilgeräts, die es unbedingt benötigt. Darunter fällt auch das "Privacy by Default"-Konzept, bei dem höchste Datenschutzeinstellungen als Standardkonfiguration implementiert werden. Anwender müssen dann aktiv festlegen, wenn sie ihre Daten mit anderen Apps oder online teilen möchten.

Medizin von morgen

Aber sorgen sich die Menschen überhaupt, was mit ihren Daten geschieht? Drei von vier Befragten einer aktuellen BITKOM-Studie würden ihre Gesundheitsdaten mit dem eigenen Arzt teilen. Doch nur jeder Dritte würde sie auch an seine Krankenkasse weitergeben. Selbst dann, wenn die Versicherung mit niedrigeren Preisen lockt.

Während also vor allem das Internet der Dinge der personalisierten Medizin rasant neue Tore öffnet, sind noch einige Hürden zu überspringen. Klar ist aber: Big Data kann heilen helfen. Die technischen Möglichkeiten entdecken Besucher auf der CeBIT. Von Smart Wearables über innovative Medizintechnik bis hin zur Lösung für digitale Patientenakten sind hier die neuesten Entwicklungen zu sehen. Das Thema Gesundheit spielt zudem eine zentrale Rolle im Forum Digitale Transformation des Bundesverbands Digitale Wirtschaft in Halle 13. Und wie es mit dem rechtlichen Rahmen auf Ebene der Europäischen Union weitergeht, wird Thema auf der Europa-Konferenz auf der CeBIT am 14. März sein. Dort spricht unter anderem EU-Kommissar Günther Oettinger zum digitalen europäischen Binnenmarkt. Für CeBIT-Gäste ist der Besuch der Europakonferenz in der Halle 8 bei den CeBIT Global Conferences kostenlos.

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