Startups

Sailfish OS soll iOS und Android die Stirn bieten

Man braucht eine Idee, eine Menge Mut und Geld, um in einem eigenen Unternehmen die Produkte auf den Markt zu bringen. Das wissen viele Startups. Heute ein Bericht aus Finnland: Das finnische Startup Jolla arbeitet an einem mobilen Open-Source Betriebssystem auf Linux-Basis.

04.03.2015 Lea Weitekamp

Der Name Jolla dürfte nicht nur Finnland-Liebhabern geläufig sein. Vor wenigen Monaten erst hat das Startup aus Helsinki mit einer beeindruckenden Crowdfunding-Kampagne auf sich aufmerksam gemacht: In nur zwei Tagen hat es über eine Million US-Dollar für sein Tablet eingesammelt. Doch hinter Jolla steht eigentlich gar keine Hardware-Company, sondern eine viel weiter reichende Idee. Sie nennt sich Sailfish – und ist ein Mobile-Betriebssystem, das iOS und Android die Stirn bieten will.

sailfish_teaser
Der Segelfisch ist das Wappentier des Open-Source-Betriebssystems. (Screenshot: sailfishos.org)

Von Nokia über Bord gestoßen, ins eigene Startup gerettet

Sailfish ist aus dem MeeGo-Projektteam hervorgegangen, das das Linux-basierte Betriebssystem "Harmattan" für Nokias N9 entwickelt hat. Noch vor dem Marktstart des N9 im Jahr 2011 hatte Nokia damals seine Pläne verkündet, zukünftig auf Windows setzen zu wollen. Eine Entscheidung, mit der nicht alle Beteiligten glücklich waren, wie Mitgründer und CTO Stefano Mosconi beim Startup Europe Summit in Berlin berichtete: "Wir wussten, das würde das Ende für uns sein. Aber wir waren nicht bereit, unser Betriebssystem aufzugeben". Also nahmen er und ein paar weitere Kollegen ihr Schicksal – genauer gesagt: die 65 Prozent der Code-Basis von Harmattan, die unter Open-Source-Lizenz standen – selbst in die Hand. Alle Themen rund um Open Source finden sich übrigens auf der CeBIT in der Halle 6 (Stand G07) im Open Source-Park.

Die ehemaligen Nokianer gründeten Jolla, dessen Name symptomatisch für den Gründungsimpuls steht: Im Deutschen bezeichnet "Jolle" ein "kleines Rettungs-, Ruder bzw. Segelboot," und genauso fühlte sich das Team, als es auf einmal allein am Ruder war. "Ich hatte eigentlich nie vor, ein Unternehmer zu werden," sagt Mosconi, ein Italiener, der 2005 für den Job bei Nokia nach Finnland gezogen ist, im Rückblick auf diese Anfänge. Und doch sei ihnen klar gewesen, dass sich das Talent und Know-how von MeeGo nicht einfach in alle Winde zerstreuen durften.

„Es war, als würde sich jeder von uns umschauen und hoffen, dass jemand kommt und das Projekt weiterführt. Aber es kam niemand. Also haben wir es selbst gemacht.“
sailfish_4_Startup
Aus dem kleinen Team ist mittlerweile ein erfolgreiches Startup mit knapp 130 Mitarbeitern geworden. (Grafik: Jolla)

Sailfish OS: Modular, gestenbasiert, Open-Source

Bis zum eigenen Mobile-OS ist es dann aber noch ein steiniger Weg. Bis Ende 2012 werkelt das Team an einem funktionstauglichen Betriebssystem und bringt gleichzeitig die passende Hardware, das Jolla Phone, auf den Weg. Sailfish OS baut auf dem Linux-Kernel und dem schon bei MeeGo verwendeten Mer-Core auf, die es mit der durch Jolla entwickelten Benutzeroberfläche kombiniert. Zu den markantesten Eigenschaften des Betriebssystems gehören die gestenbasierte Steuerung – das Jolla-Smartphone kommt völlig ohne Knöpfe aus – und sein modularer Aufbau, das es vielseitig adaptier- und einsetzbar macht. Das durchdachte Design, das schon zu MeeGo- beziehungsweise Nokia-N9-Zeiten viele Kritiker überzeugt hat , ist auch für Nachfolger Sailfish eine der großen Stärken.

Sailfish, ein reines Mobile-OS? In erster Linie ja, schließlich sei es optimiert für Touch-Devices, sagt Mosconi. Denkbar seien aufgrund der hohen Flexibilität aber nicht nur weitere mobile Endgeräte wie IoT-Sensoren oder Wearables, sondern auch Smart TVs und theoretisch auch eine Desktop-Variante. 80 Prozent des gesamten Stacks sind Open Source, der Rest, Jollas „Secret Sauce“, besteht hauptsächlich aus dem eigenen Anwendungen und dem User-Interface. Für die häufigsten Anwendungsfälle gibt es in Sailfish eigene Apps, doch auch Android-Apps lassen sich über Sailfish starten.

Das Jolla-Tablet: 1 Million Dollar in 2 Stunden

Der Release des Jolla Phones führt zu einer wahren Welle an Nutzerfeedback, auf dessen Grundlage Sailfish weiter verbessert werden kann. "Wenn du die Versionen vom November 2013 mit dem heutigen Sailfish vergleichst, wirst du es kaum wieder erkennen", sagt Mosconi. Um einen weiteren Use-Case für Sailfish zu kreieren, wagt das Team sich 2014 an das "Projekt Tablet" – das nötige Kleingeld dazu soll eine Indiegogo-Kampagne liefern. "Das Finanzierungsziel haben wir bewusst niedrig gehalten, denn wir wollten das Tablet unbedingt bauen," erinnert sich Mosconi.

Diese Sorge hätten sie sich sparen können: Die ursprünglichen anvisierten 380.000 US-Dollar sind innerhalb von zwei Stunden nach Kampagnenstart erreicht, insgesamt stehen nach 21 Tagen über 1,8 Millionen US-Dollar auf dem Zähler . Jolla hat die elftgrößte Crowdfunding-Kampagne auf Indiegogo überhaupt hingelegt. Wenn alles gut geht, erscheint das Tablet inklusive Sailfish OS 2.0 im Juni, aktuell istdie Indiegogo-Kampagne wieder geöffnet, da es eine neue Version des Tabletsmit verbessertem Akku und mehr Speicher geben soll.

Die Macht der Gemeinschaft

Der überwältigende Erfolg der Indiegogo-Kampagne liegt vor allem in der starken Community rund um Sailfish begründet. Von Anfang an haben die Macher auf offenen Austausch gesetzt, unter together.jolla.com besprechen Nutzer Probleme, Bugs und Ideen und stimmen über neue Features ab. Fast 10.000 Einträge sind bis heute zusammen gekommen. Ob Jolla viele Mitarbeiter für die Community-Pflege brauche? Nein, sagt Mosconi. Von den etwa 120 Angestellten seien nur zwei speziell dafür zuständig. Denn im Grunde genommen ist bei Jolla jeder Entwickler selbst Teil der Community, es braucht gar keine Vermittler: "Die Grenzen zwischen Unternehmen und Community verschwimmen."

Das klingt wie ein Paradebeispiel für moderne Produktstrategie: im direkten Austausch mit der Zielgruppe entwickelt, bedarfsangepasst und mit einer gemeinsamen Vision, die Unternehmen und Kunden in einer Community vereint. An diesem Erfolgsrezept versuchen sich immer mehr Hersteller in Zeiten, in denen sich Ziel- und Kundengruppen ausdifferenzieren und das Internet gleichzeitig neue Möglichkeiten zur Interaktion schafft. Auch Mosconi weiß um die Bedeutung der engen Beziehung zu den Sailfish-Nutzern. In der Community helfen diese sich auch gegenseitig, was dazu führt, dass Jolla sogar weniger Kundenservice anbieten muss als ursprünglich gedacht.

Es wird interessant sein zu sehen, wie weit Jolla mit diesem Community-Ansatz wachsen kann. Denn nicht jeder Nutzer will sich bis ins Detail mit den Gegebenheiten seines mobilen Betriebssystems auseinandersetzen, sich als Teil einer Familie verstehen, die sich permanent austauscht. Und doch: Das erklärte Ziel von Jolla liegt im Mainstream.

sailfish_3_Expanding
Jolla auf Expansionskurs. (Grafik: Jolla)

Und vor allem liegt Jollas Zukunft nicht in weiteren, per Crowdfunding finanzierten Endgeräten. Denn bei aller Freude über den Erfolg der Tablet-Kampagne – eins ist für Mosconi vollkommen klar: "Unser Herzstück ist Sailfish. Wir produzieren die Hardware, um einen Use-Case zu schaffen und zu zeigen, dass wir das Produkt verstehen. Und wir lernen mit jedem neuen Gerät dazu. Aber wir sind keine Hardware-Company." Langfristig geht es dem Startup vor allem um sein Betriebssystem: Sailfish soll wachsen, Nutzer gewinnen und sich auf dem Mobile-OS-Markt etablieren.

Ein ambitioniertes Unterfangen – ist doch der Kampf der mobilen Betriebssysteme augenscheinlich schon längst zugunsten von Apples iOS und Googles Android ausgegangen. "Jeder hat uns gesagt: "Ihr seid verrückt. Es ist unmöglich" sagt Mosconi. Und doch: Mehrere Zehntausend Nutzer habe Sailfish mittlerweile, immerhin.

Mosconi hofft, dass die Erfolgsgeschichten des Jolla-Phones und des Tablets dabei helfen, einen großen Hardware-Hersteller von Sailfish zu überzeugen. Denn langfristig braucht Jolla Partner aus dem Hardware-Segment, die für die gewünschte Verbreitung sorgen. Einen Wunschkandidaten hierfür hat er nicht: LG, Samsung, Intel, Qualcomm, eben einen der "Big Guys", so sagt er. Denn: "Wir brauchen Muskeln, um in diesem Spiel mitspielen zu können." Und auch Kapitalgeber würden bei Jolla derzeit offene Türen einrennen, lässt er durchblicken.

Sailfish – "Europas letztes eigenes Betriebssystem"

Um diese Form der Unterstützung zu erlangen, bedient Jolla in der Kommunikation auch das neue Zusammengehörigkeitsgefühl, das derzeit durch die Tech- und Startup-Szene Europas schwappt: Ein Mobile-OS "Made in Europe" könne ein echter Wettbewerbsvorteil im globalen Wirtschaftsgefüge sein. Die zentrale Funktion der Betriebssysteme erfordere es sogar, das Feld nicht den US-Firmen zu überlassen, sondern auch auf einen Player zu setzen, der nach europäischen Regeln spielt: "Wir alle nutzen Mobilgeräte, wickeln unser ganzes Leben über sie ab. Ihre Betriebssysteme bilden die Grundlage für unsere Interaktionen mit Apps und unseren Datenaustausch." Somit seien sie auch einer der effektivsten Hebel, um die Privatsphäre der Nutzer zu schützen – Sailfish versucht, diesem Anliegen besonders gerecht zu werden, so laufen die Android-Apps bei Sailfish etwa in einer Art Sandbox, so dass die Nutzerdaten im Smartphone verbleiben.

Geht man an dieser Stelle ins Detail, muss Mosconi aber noch oft ausweichen. Ein echter Use-Case dafür, inwiefern Sailfish-Nutzer mehr Hoheit über ihre eigenen Daten haben als die von iOS und Android? "Wir arbeiten daran." Eine Usability, die es auch Nicht-Nerds erlaubt, ihre Daten besser zu schützen? "Wir arbeiten daran."

sailfish_2_OS
Sailfish ist ein junges Betriebssystem – hat aber bereits eine rasante Entwicklung hinter sich. (Grafik: Jolla)

Mosconi weiß, dass Jolla mit Sailfish noch mehr Beweise liefern muss, damit aus der Erzählung von "Europas letztem Betriebssystem" mehr als eine bloße Kommunikationsstrategie wird. Doch er ist zuversichtlich, dass das nicht mehr lange dauern wird. "Sailfish ist ein junges Betriebssystem. Aber es macht große Sprünge. In 14 Monaten haben wir 13 große Software-Updates umgesetzt – sucht diese Schnelligkeit einmal bei einem der anderen Anbieter."

Startups RSS Feed abonnieren