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Polyphasische Schlafmuster: Reichen 2 Stunden Schlaf?

Polyphasische Schlafmuster sollen den Anwendern ermöglichen, mit nur wenigen Stunden Schlaf auszukommen und trotzdem leistungsfähig zu sein. Wir haben mit Prof. Ingo Fietze, Leiter des schlafmedizinischen Zentrums der Charité, gesprochen um herauszufinden, ob das funktionieren kann.

19.04.2016 Melanie Petersen

Polyphasische Schlafmuster: Eine Alternative?

Ein Tag hat einfach nicht genug Stunden. Gerade in der Startupszene und unter Freelancern wünschen sich so manche ein paar Extrastunden, um all das zu erledigen, was in ihrem Kalender, auf den To-Do-Listen und an ihrem Kanban-Board steht. Aber woher nehmen, wenn nicht stehlen? Wären da nur nicht die lästigen Stunden, die man mit Schlafen, Essen und Zurechtmachen verbringen müsste. Für das Zurechtmachen haben ja einige schlaue Köpfe schon eine Lösung parat: Sie ziehen schlichtweg jeden Tag dasselbe Outfit an. Auch für die müßige Nahrungsaufnahme gibt es schon zahlreiche Lösungen von Startups, wie Mana oder Soylent, die die Zubereitung und Einnahme der Mahlzeiten verkürzen sollen. Aber was ist mit dem Schlaf, dem größten aller Zeitfresser mit empfohlenen acht Stunden pro Tag. Da muss doch was zu machen sein ...

Neben der Oldschool-Methode, einfach viel zu wenig in der Nacht zu schlafen, hat sich ein Trend entwickelt, der den nächtlichen Achtstundenschlaf komplett in Frage stellt - Polyphasische Schlafmuster. Die bekanntesten heißen "Jedermann", "Dymaxion" und "Übermann", manch einer kreiert sogar seine eigenen Muster.

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Polyphasische Schlafmuster – die drei bekanntesten im Überblick: Übermann, Dymaxion und Jedermann.

Kern der Sache ist, dass die Gesamtschlafzeit minimiert wird, in dem sie in mindestens drei Phasen täglich aufgeteilt wird, wodurch der Schlaf auch nur noch teilweise Nachts stattfindet. So funktioniert das Modell Jedermann mit einer nächtlichen Hauptschlafphase von 1,5 bis zu 4,5 Stunden und zwei bis drei Phasen à 20 Minuten, während der Übermann insgesamt nur sechs Schlafphasen mit je 20 Minuten vorsieht. Durch diese Methode soll es bei strikter Einhaltung und dem Verzicht auf Kaffee und Alkohol möglich werden, den Schlaf auf bis zu 2 Stunden zu reduzieren und dennoch leistungsfähig zu bleiben. Aber was sagen die Experten dazu? Reicht es, sich leistungsfähig zu fühlen? Heißt das dann auch, dass es nicht ungesund ist? Wir haben mit Ingo Fietze darüber gesprochen:

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Prof. Dr. med. Ingo Fietze, Leiter des Interdisziplinären Schlafmedizinischen Zentrums an der Charité. (Foto: ILLING & VOSSBECK FOTOGRAFIE)

t3n.de: Herr Fietze, was halten Sie von polyphasischen Schlafmustern? Wie könnte eine Alternative zum klassischen Nachtschlaf aussehen?

Ingo Fietze: Zunächt einmal gibt es zu diesen polyphasischen Schlafmustern nicht eine einzige wissenschaftliche Langzeituntersuchung. Um wirklich sagen zu können, wie sich so ein Schlafverhalten langfristig auswirkt, bräuchte es diese. Dennoch: Unser Schlaf wird bestimmt durch hell und dunkel, laut und leise, durch eine niedrigere Körpertemperatur in der Nacht und die Cortisolausschüttung am Morgen. Wir ticken um 24 Stunden-Rhytmus. Das überlisten zu wollen, ist schon sehr ambitioniert und kann meiner Meinung nach nicht zum Erfolg führen.

Nun machen das zwar viele, dass sie ihren Schlaf aufteilen oder kürzer schlafen, zum Beispiel Schichtarbeiter, Untersuchungen zeigen aber, dass jeder 25te rausgenommen werden muss, das gesundheitlich nicht schafft. Dem normalen Rhythmus so etwas entgegenzusetzen ergibt keinen Sinn. Über einen kurzen Zeitraum in Ausnahmesituationen geht das sicher. Darüber hinaus ist es nicht zu empfehlen.

t3n.de: Polyphasische Schlafmodelle sind also immer ungesund auch wenn man sich ausgeruht fühlt?

Fietze: Dass man sich trotz mangelnden Schlafes ausgeschlafen fühlt, heißt nicht, dass es dann nicht ungesund ist. Seit diesem Jahr weiß man, wer dauerhaft schlecht, zu kurz oder sogar schlecht und zu kurz schläft, dem geht es an die Lebenserwartung.

Vor allem weil sich das Immunsystem über Nacht regeneriert und auf den neuen Tag vorbereitet, ist es ungesund. Man bekommt dann nicht gleich am nächsten Tag eine Erkältung, wenn man mal zu wenig geschlafen hat. Aber auf Dauer ist man nicht mehr ausreichend gegen Viren und Bakterien geschützt. Auch Knochen und Muskeln brauchen den Nachtschlaf um sich zu regenerieren. Bei Jugendlichen ist der regelmäßige und ausreichende Schlaf noch essentieller, da er mit dem Wachstum zusammenhängt. Überspitzt gesagt, würde ich behaupten, wenn man zwei Jugendliche nimmt und den einen normal schlafen lässt und der andere probiert ein polyphasisches Schlafmuster mit verringerter Schlafdauer: Der eine würde wachsen, der andere nicht.

Was man generell sagen kann, die ersten vier Stunden Nachtschlaf sind die wichtigsten. Sie enthalten den meisten Tiefschlaf. Und: Eine Schlafphase dauert etwa 90 bis 100 Minuten. Wenn man einen Mittagsschlaf einlegt, sollte man entweder einen Nap von 20 Minuten einlegen, sodass man gar nicht erst in die Tiefschlafphase kommt, oder diese ganz mitnehmen und sich gleich eineinhalb Stunden schlafen legen.

t3n.de: Ok, also ist das keine gute Idee. Und was halten sie von Schlaftrackern, die helfen sollen, den Nachtschlaf in einer Leichtschlafphase zu beenden, in dem sie einen bis zu einer halben Stunde vor dem Weckerklingeln zum besten Zeitpunkt wecken?

Fietze: Zunächst einmal ist die Wahrscheinlichkeit, dass man morgens in einer Tiefschlafphase geweckt wird sehr gering, beträgt vielleicht 20 Prozent. Ich würde da lieber jede Minute mehr im Bett genießen, anstatt sich wo heute doch eh schon jeder zu wenig schläft, auch noch jeden Tag um eine weitere halbe Stunde zu bringen.

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