Internet of Things

Nicht ohne meinen Agenten

Tippen Sie noch, oder diktieren Sie schon? Wie autonome Software-Agenten unseren Umgang mit Technik beeinflussen.

27.01.2016
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In der Werbung sieht es ganz einfach aus: "Siri, erinnere mich an den Geburtstag meiner Frau", sagt ein Mann, und die elektronische Stimme aus dem Smartphone bestätigt: "Ich habe eine Erinnerung für dich angelegt." Tippen? Nicht mehr nötig. In immer mehr Lebensbereiche dringen so genannte autonome Agenten vor: Programme, die uns buchstäblich unsere Wünsche von den Lippen ablesen und entsprechend agieren.

Ob Siri, Cortana oder die Stimme "Now" von Google – mittlerweile bieten alle großen Anbieter digitale Assistenzsysteme, die über das Smartphone ständig mit dem Internet verbunden sind und Anweisungen blitzschnell in konkrete Handlungen umsetzen: Telefonnummern wählen, einen Begriff im Internet nachschlagen, Kalendereinträge verwalten.

Elektronische Spaßmacher
Im Film "2001 – Odysse im Weltraum" ist die künstliche Intelligenz HAL noch der böse Gegenspieler der Astronauten, eine neurotische Pseudointelligenz, die im Film den größten Teil der Raumschiffbesatzung auslöscht. Siri und Cortana hingegen sind alles andere als bösartig, im Gegenteil. Mit flapsigen, ironischen und witzigen Antworten auf Fragen wie "Was ist der Sinn des Lebens" oder "Warum bin ich auf der Welt?" haben sich die körperlosen Stimmen schnell eine Fangemeinde bei den Usern erarbeitet.

Dabei sind die Software-Agenten weit mehr als eine Spielerei. Das Marktforschungsinstitut Gartner bezeichnet sie sogar als einen von zehn der wichtigsten IT-Trends des Jahres. Weil die gesprochene Sprache wesentlich intuitiver ist als Knöpfe zu drücken oder sich durch Menüs zu hangeln, sagen die Analysten den Agenten eine große Zukunft voraus. "In den kommenden fünf Jahren erreichen wir die "Post App Phase", sagt David Cearley von Gartner. Unternehmen sollten sich bereits jetzt Gedanken machen, wie sie dynamische Agenten und neue Interfaces für sich nutzen können, empfiehlt Cearley .

Science Fiction oder Realität?
Der Versandriese Amazon hat darüber nachgedacht. Während die Hauptfunktion seines Lautsprechers "Echo" darin besteht, drahtlos Musik ins Heim zu bringen, lässt er sich auch per Sprachbefehl steuern – und führt verschiedene Aktionen aus. So beantwortet Echo Fragen, kann kompatible Smart Home-Geräte ein- und ausschalten und liest Hörbücher vor. Das Besondere an Echo: Der Lautsprecher lauscht.

Um ihn zu Aktionen zu bewegen, genügt die direkte Ansprache. Ähnlich wie in der Science-Fiction-Serie "Star Trek" genügt ein Kommando, um ihn zu aktivieren. Weil die Sprachbefehle erst interpretiert werden müssen, übermittelt Echo die Daten in die Cloud und gibt das gelieferte Ergebnis bekannt.

Zwischentöne verstehen Computer nicht
Allerdings: "Aktuell enden viele Gespräche mit Computern nach wenigen Sätzen sinnlos. Das liegt daran, dass Computer nur schlecht Rückbezüge oder kontextuelle, sublinguale Informationen erkennen können. Humor und Ironie etwa sind für sie extrem schwierig zu verstehen", sagt Rob High , bei IBM Chefentwickler für das Projekt Watson. Ist diese Schwelle überschritten, sind die digitalen Assistenten vermutlich kaum noch aufzuhalten. Bereits jetzt sind Software-Agenten in vielen Bereichen im Einsatz und unterstützen menschliche User mit analytischen Fähigkeiten – etwa bei der Zusammenstellung von Informationen im News-Stream sozialer Netzwerke – oder als Filter für ungewünschte Inhalte von Webseiten und Communitys.

Dieser Trend wird sich in den kommenden Jahren sicher deutlich nach oben entwickeln, glaubt Johannes Jüngst vom Fraunhofer Institut IAO: "Ob Sprachinteraktion im Auto, mit dem Fernseher, im Haushalt oder beim Sport, all das wird in Zukunft ‚normal’ sein." Die Nutzung klassischer Suchmaschinen wie Google, Bing oder Yahoo könnte uns demnach in naher Zukunft vorkommen wie die Lochkarten-Computer aus den 60er Jahren. "Die Frage ist nur, welcher von den aktuellen Anbietern sich durchsetzen wird oder ob sich nicht ein ganz neuer plattformübergreifender Assistenzdienst am Markt etablieren könnte", so Jüngst.

Wer führt den Dialog?
Vor allem im Automobilbereich dürfte die Entwicklung rasant voranschreiten. "In fünf bis zehn Jahren wird sich ein Großteil der Dienste und Funktionen im Fahrzeug per natürlicher Sprache oder Gesten steuern lassen", sagt Ralf Lamberti , für das Thema Nutzerführung bei Mercedes-Benz verantwortlich. Unklar ist dabei nur die Frage, wer den Dialog mit dem Nutzer letzten Endes tatsächlich führt. Denn die Technologie entzieht der Industrie den Boden für sprudelnde Einnahmequellen: Werbung.

Im mündlichen Dialog erscheinen keine Anzeigen, gibt es kaum Möglichkeiten für Cross-Selling, also etwa zusätzliche Angebote für ähnliche Produkte. Dafür bieten die Sprachsysteme viele Möglichkeiten, den Nutzer langfristig zu binden. Das ist wohl auch der Grund dafür, dass Cortana und Google Now nicht mehr nur auf die eigenen Plattformen beschränkt bleiben, sondern schon bald auch für andere Systeme erhältlich sind.

Die autonomen Agenten bilden eine spannende Facette der digitalen Transformation. Das komplette Bild liefert die CeBIT. Unter dem Motto d!conomy: join – create – succeed diskutieren Experten aus aller Welt über Chancen und Pläne in einer digitalen Wirtschaft.

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