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Mit IT-Know-how gegen die Flüchtlingskrise

Die Solidarität mit Flüchtlingen in Deutschland ist groß. Privatpersonen verwandeln ihre Wohnungen in WGs, Blogger sammeln Spenden und IT-Begeisterte unterstützen mit Ideen und technischem Wissen. Drei Projekte im Porträt.

09.12.2015
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Natürlich: Die Flüchtlingskrise lässt sich nicht an einem Tag lösen. Was aber kann entstehen, wenn Programmierer, Web-Designer und Asylbewerber einen Tag lang zusammenarbeiten? Bei der Refugee{Hacks} in Mannheim, einem Satelliten-Event des Refugeehackathon in Berlin, berichteten Flüchtlinge zunächst, wo ihnen der Schuh drückt und wo sie am dringendsten Hilfe benötigen. Anschließend diskutierten alle Teilnehmer, wofür und wie sich eine digitale Lösung finden lässt. Das Ergebnis: sieben neue Apps. Eine davon läuft bereits im Versuchsstadium. Sie soll helfen, die Amtssprache in Fragebögen und Dokumenten zu entschlüsseln. Die A-to-B-App wiederum begleitet Flüchtlinge in Deutschland auf ihrem Weg von der ersten Registrierung bis zur Aufenthaltserlaubnis. Bei dieser einmaligen Aktion soll es nicht bleiben. Die Anwendungen sind als Open-Source-Software verfügbar und werden weiterentwickelt, bis sie vollständig einsatzfähig sind.

Eine Website auf Arabisch und Pashtu
Um diese Anwendungen nutzen zu können, müssen die Flüchtlinge jedoch erst einmal nach Deutschland kommen. Vor allem über die vielen griechischen Inseln wollen zahlreiche Afrikaner, Syrer, Pakistaner und Afghanen das Festland erreichen. Auf Kos, wo jeden Tag etwa 600 Menschen eintreffen, gibt es kein einziges Auffanglager. Die Strandpromenade und ein leer stehendes Hotel dienen als "Unterkunft". Henrik Matthies, junger Gründer aus Berlin, und 17 Kollegen aus Deutschland, Griechenland und Südafrika, wollten sich vor Ort selbst ein Bild von der Lage machen. Mit dem Segelboot fuhren sie nach Samos. Dass sie dort helfen wollen, war schnell klar. Fast genauso schnell riefen die Gründer das "StartupBoat" ins Leben. Ziel des Projekts ist es, Flüchtlingen schnell und unkompliziert wichtige Informationen bereitzustellen. Denn viele Gespräche mit Menschen auf der Insel haben gezeigt, dass häufig Auskünfte zur Weiterreise fehlen und die Geflüchteten daran hindern, Samos zu verlassen.

Unter www.first-contact.org erfahren Flüchtlinge seitdem auf Englisch, Arabisch und Pashtu – einer Sprache in Afghanistan und Pakistan – wo sie übernachten können, wo es günstige Lebensmittel gibt oder wo sie eine SIM-Karte bekommen. Die Resonanz auf die Website ist enorm. Etwa 8.000 Zugriffe in 30 Tagen, Tendenz steigend. Regelmäßig werden Neuigkeiten in die Website eingepflegt. Die Informationen sollen den Geflüchteten helfen, schneller an ihr Ziel zu kommen. Die Nachfrage spricht für den Erfolg des Projekts – inzwischen haben weitere Inseln Interesse an einer solchen Website bekundet.

Bildung zum Nulltarif
Haben die Flüchtlinge ein Zielland erreicht, kommen Markus Kreßler und Vincent Zimmer ins Spiel. Die beiden Studenten bauen gerade die Kiron-Universität auf, eine Online-Plattform speziell für Geflüchtete. Das Ziel: ein einfacher, kostenloser Zugang zu akademischer Bildung und die Chance auf einen anerkannten Abschluss. Per Crowdfunding möchten die beiden Jungunternehmer das Geld für den ersten Studienjahrgang zusammenbekommen – im besten Fall 1,2 Millionen Euro . Der große Unterschied zu staatlichen Hochschulen: Wichtige Dokumente, die für die Einschreibung unabdingbar sind, können hier später nachgereicht werden.

Im ersten Jahr belegen die Studenten Onlinekurse auf Plattformen wie iversity, edx oder coursera. Diese sind Teil des Studiums Generale. Anschließend wählen sie eine von fünf Fachrichtungen: Computerwissenschaft, Ingenieurwissenschaft, Wirtschaftswissenschaft, Architektur und Intercultural Studies. Nach zwei Jahren wechseln die Studenten an eine Partneruniversität, wo sie ihren Abschluss machen können.

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