Augmented & Virtual Reality

Jeremy Gilbert: "Die Leute wollen vertikale Videos"

Geht es nach Jeremy Gilbert, Digitalchef der Washington Post, werden wir Reportagen bald auch durch unsere VR-Brille sehen.

20.10.2016 Daniel Hüfner
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Der Newsroom der Washington Post. (Foto: © Katherine Frey)

Jeremy Gilbert ist der Mann fürs Digitale bei der Washington Post. Vor zwei Jahren trat der schlaksige Amerikaner an, um das in die Jahre gekommene Zeitungshaus als "Director of Strategic Initiatives" auf digital zu trimmen. Zuvor hatte er bereits eine entsprechende Position bei National Geographic inne. Neben der Entwicklung neuer Storytelling-Formate beschäftigt sich Gilbert bei der Washington Post seitdem auch mit der Frage, wie Journalisten, Entwickler und Werbetreibende erfolgreich im Newsroom zusammenarbeiten können. Wir haben mit ihm über den Newsroom und die Zukunft des Storytelling gesprochen.

Washington Post setzt auf Slack-Bots

So werde im Newsroom der Washington Post inzwischen überwiegend mit digitalen Tools kommuniziert, erklärt Gilbert im Gespräch mit t3n.de. "Wir setzen sehr stark auf Slack", sagt der Digitalchef. Außerdem kämen für die teamübergreifende Kollaboration die Wiki-Software Confluence sowie Jira im Sparring mit Entwicklern zum Einsatz.

Bei Slack dürfte sich die Washington Post ein Beispiel an der New York Times genommen haben. Die weltweit größte Tageszeitung experimentiert schon länger mit automatisierten Slack-Bots, die Redakteure etwa darüber informieren, welche Artikel sich besonders gut für Social Media eignen. Auch die Washington Post habe Bots für verschiedene Anwendungsfälle entwickelt, sagt Gilbert. So informiere Slack die Redakteure beispielsweise über eintreffende Eilmeldungen oder erinnere sie, wenn die Deadline für einen Artikel zu verstreichen droht.

Virtual-Reality-Story bringt Leser zum Mars

In Sachen Content experimentiert die Washington Post seit einiger Zeit mit so genannten Virtual-Reality-Stories, für die etwa eine Oculus-Rift-Brille oder ein Gamepad benutzt werden können. Mit "Mars: An interactive Journey" schickte das Zeitungshaus seine Leser im März beispielsweise auf eine virtuelle Reise zum Mars. Die Erzählform gebe nicht nur dem Leser die Kontrolle über die Geschichte zurück, sagt Gilbert. "Sie ermöglicht uns Journalisten auch, Momente der Zeitgeschichte neu erlebbar zu machen oder die Leser an Orte zu bringen, die sie nicht besuchen können." Für das Storytelling werde Virtual Reality in den nächsten Jahren daher immer wichtiger werden, glaubt Gilbert. "Das bedeutet nicht, dass virtuelle Realitäten der beste Weg sind, um Geschichten zu erzählen, aber für einige Anwendungsfälle werden sie das beste Lesererlebnis sein."

"Die Leute wollen vertikale Videos"

Einen weiteren Trend erhofft sich Gilbert von vertikalen Videos. Es sei an der Zeit, dass Medienunternehmen "damit aufhören, zu hoffen, die Leser würden ihre mobilen Endgeräte jedes mal um 90 Grad drehen, bloß um ein Video anzuschauen", sagt Gilbert. "Die Leute wollen ihre Smartphones vertikal halten und deshalb müssen Videos auch vertikal funktionieren." Bei der Washington Post münde dieses Mantra zum Beispiel in circa einminütigen Erklärvideos, die das Zeitungshaus oft so produziere, dass sie sogar ohne Ton auskommen. Jüngst veröffentlichte man etwa einen Clip zum Vermögen von US-Präsidentschaftskandidat Donald Trump.

Laut Gilbert seien kurze vertikale Videos mit überwiegend grafischem Inhalt schon allein deshalb sinnvoll, weil sie für den Nutzer leichter zu konsumieren sind und sich darüber hinaus auch besser in sozialen Netzwerken verbreiten. Ohnehin liege die Zukunft des Storytellings in mobilen Endgeräten, ist sich Gilbert sicher.

Storytelling: Was nach Mobile kommt

"Genauso wie die Zahl der Print-Leser seit Jahren zurückgeht, so schrumpft auch die Leserschaft auf dem Desktop", sagt Gilbert. Publisher dürften sich nicht als Plattformen verstehen. "Unsere Geschichten sind unsere Produkte", so Gilbert, "wir müssen sie überall dort verfügbar machen, wo unsere Leser sie haben wollen." Auch das Smartphone sei nicht auf ewig das beste Erzählmedium. So könnten eines Tages etwa auch Geräte mit Fokus auf Augmented Reality oder smarte Sprachassistenten wie Amazon Echo als Medium für Storytelling-Formate interessant sein. "Wir wissen es nicht mit Sicherheit, aber wir müssen darauf vorbereitet sein", sagt Gilbert.

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