Startups

Jenseits von Berlin: Europas neue Startup-Hotspots

Auch abseits der großen Hauptstadt-Metropolen Europas gibt es Anziehungspunkte für Gründer.

25.02.2015 Florian Blascke

Startup-Hotspot im Süden Polens

Startups stehen in diesem Jahr im Mittelpunkt der CeBIT. Im Bereich SCALE 11 werden sich hunderte junge Gründer präsentieren. Und wer an die Startup-Szene denkt, dem fallen ganz schnell die bekannten Hotspots ein: Berlin, London, Stockholm. Aber auch in anderen Ländern tut sich vieles. Bevor die Startups aus vielen Ländern nach Hannover kommen, nehmen wir Sie mit auf eine Startup-Tour durch Krakau, Vilnius, Eindhoven, Zagreb und Manchester. Denn ein Blick jenseits der bekannten Hotspots überrascht und lohnt sich…

Wer vom Krakauer Hauptbahnhof der großen vierspurigen Ausfallstraße nach Osten über den Prądnik folgt, stößt nach knapp vier Kilometern auf ein unscheinbares weißes Plastikschild, mit Kabelbindern an einer Laterne befestigt: "Krakowski Park Technologiczny" steht darauf – darunter ein kleiner Pfeil nach links. Doch so unscheinbar das Schild aussehen mag: Hier, zwischen Lotników-Polskich-Park und Luftfahrtmuseum, liegt einer der wichtigsten Gründe für den Krakauer Wohlstand: das Technologiezentrum.

Krakau mit seinen knapp 760.000 Einwohnern zählt zu den wirtschaftlich erfolgreichsten Städten Polens. Die Verwaltung hat neben dem Tourismus auch bewusst in die Zukunft investiert – in den Technologiepark, in die Ansiedlung von Unternehmen wie Motorola, RR Donnelley oder der Softwareschmiede Comarch, in die Jagiellonen-Universität mit ihrer Anbindung an die Hochtechnologie-Branche – und in Startups.

"Außerdem ist Krakau eine sehr kompakte Stadt, es ist sehr angenehm, hier zu leben", sagt Alexander Diatlov, der EcoisMe gegründet hat, eine B2B2C-Lösung für Smart Energy. Und: Es gebe hier, trotz aller Bemühungen, immer noch deutlich weniger große Konzerne als etwa in Warschau, und so sei es nach wie vor recht einfach, gute Programmierer zu finden.

"Krakauer Gründer sind hungrig"

Auch einige Inkubatoren haben inzwischen den Weg in den polnischen Süden gefunden – unter anderem versuchen der Telekom-Ableger Hub:raum, der universitäre Inkubator AIP und der auf den SaaS-Sektor fokussierte Inkubator Innovation Nest, jungen Unternehmen Starthilfe zu geben. Eine Entwicklung, die auch der mehr als nur konkurrenzfähigen Infrastruktur geschuldet ist: Freies WLAN ist die Regel, es gibt etliche Coworking-Spaces mit günstigen Mieten und Angebote wie Wytwórnia, einen Open Space für die Maker-Szene. Und obwohl die Stadt überschaubar groß sei, gebe es unglaublich viele Meetups, sagt Jeremy Lopez, COO bei Codewise, einem Anbieter von Performance-Marketing-Tools. "Krakauer Gründer sind hungrig – sie machen in Sachen Networking einen großartigen Job." Das zeigt auch "Krakow Startup TV", das Projekt von Paul Pearson, der sich mit seinem YouTube-Kanal ausschließlich der lokalen Startup-Szene widmet. Und auch Unternehmer und Gründer Ian Scarffe, der versucht, mit BaseConnect eine Art LinkedIn für Studenten und Absolventen zu etablieren, ist begeistert von der Atmosphäre der Stadt: "Die Startup-Szene hier ist einmalig. Wenn irgendjemand Hilfe, Rat oder Unterstützung braucht, muss er danach nicht lange suchen."

Vielleicht auch deshalb hat Scarffe gerade in Krakau gegründet und neben BaseConnect auch Binkplus ins Leben gerufen, einen lokalen Inkubator, der ein Mentorenprogramm in Sachen Lean-Startups und Early-Stage-Investments anbietet. Programme wie dieses lassen eine Szene wachsen, in der es neben EcoisMe, BaseConnect oder Codewise auch andere Startups schaffen, sich zu etablieren und Investoren zu überzeugen – Estimote beispielsweise, ein Anbieter von Beacons, oder DuckieDeck, ein Software-Startup, das Online-Lernspiele für Kleinkinder entwickelt.

Litauen: Nahezu perfekte Bedingungen für Gründer

Auch in Vilnius, der Hauptstadt Litauens, ist die Verflechtung von Bildung, Politik und Infrastruktur das Erfolgsrezept für eine beeindruckend schnell wachsende Szene. "Die staatliche Unterstützung für Startups ist definitiv größer als in anderen Branchen, und sie ist sehr gut organisiert", sagt Marija Odineca, Journalistin bei ArcticStartup.com. So kümmert sich die staatliche Agentur Startup-Lithuania um Fördergelder – auch von der EU –, sie organisiert Events, den Austausch mit Kapitalgebern, die "Startup Lithuania Roadshow" oder Workshops.

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Die litauische Hauptstadt Vilnius hat schon so manche Startup-Erfolgsgeschichte geschrieben. (Foto: Juozas Slana / Flickr / Lizenz: CC by 2.0)

Das Ergebnis: Litauen belegt im Ranking "Ease of Doing Business" Platz 17 von 189 weltweit – und hat alleine in einem Jahr acht Länder überholt. Und auch, was das Mobilfunknetz und die Internetverbindungen angeht, finden Gründer in der Stadt, die 40 Kilometer von der weißrussischen Grenze entfernt liegt, perfekte und bezahlbare Bedingungen.

Zudem bietet Vilnius mit fünf gut ausgebauten Co-Working-Spaces viel Platz: HUB Vilnius, die ISM Innovators Base, Rupert, Art Incubator und North buhlen in der 500.000-Einwohner-Stadt um die Gunst der Gründer. Dazu gibt es mit Startup Nitro, Startup.lt und Startup Highway nicht nur drei Accelerator-Programme und mit Events wie der "Build-Stuff"-Konferenz oder "Silicon Valley Comes to Baltics" genügend Möglichkeiten zum Austausch – auch die Entwicklungsabteilungen vieler großer Konzerne sitzen in Vilnius und locken Gründer in die Stadt.

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EcoisMe hilft Unternehmen und Verbrauchern, Energiekosten zu senken. (Screenshot: ecois.me)

Und so verwundert es nicht, dass Vilnius einige Erfolgsgeschichten vorzuweisen hat. TrackDuck, eine Feedback-Plattform für Webdesigner beispielsweise, Dragdis, ein Bookmark-Manager, Bliu Bliu, eine Sprachlern-App und natürlich Vinted, ein Second-Hand-Marktplatz für Mode, der kürzlich wieder eine Finanzierungsrunde abgeschlossen hat und als höchstbewertetes baltisches Startup gilt – sie alle kommen aus Vilnius.

"The world’s smartest region"

Eine deutlich kleinere und fokussiertere Szene trifft an, wer sich in Eindhoven auf die Suche nach Startups macht. Hier, im Süden der Niederlande, liegt ein Zentrum der High-Tech-Industrie. Neben dem wichtigsten Forschungsstandort von Philips sitzt auch ASML, ein Konzern der Halbleiterindustrie, hier – und mit dem "High Tech Campus" hat die Stadt ein Forschungszentrum angesiedelt, das immer mehr Startups anzieht. Die gerade einmal 200.000 Einwohner große Stadt ist der Mittelpunkt der Brainport-Region, einem Wirtschaftsraum mit Universitäten, Forschungszentren und Unternehmen.

Doch Eindhoven profitiert auch von der niederländischen Politik, die ein offenes Ohr für Startups hat. So läuft in dem Land derzeit eine Abstimmung über neue Visa-Bestimmungen für Gründer, die in das Land kommen und Arbeitsplätze schaffen wollen. Aus all diesen Bemühungen und Initiativen sind etliche erfolgreiche Startups hervorgegangen. Effect Photonics etwa, ein Spin-Off der technischen Universität, das Chips für Glasfaser-Netzwerke produziert, Progression Industry, ein Startup, das im Bereich der Biokraftstoffe forscht, Cortina, das seine Wurzeln bei Philips hat und hochmoderne Produkte für den Pflegebereich entwickelt, oder Flowid, ein Unternehmen, das Mikro-Reaktoren für die Chemie- und Pharmaindustrie produziert.

Schon diese Produkte und Branchen zeigen: Nicht umsonst hat der Think-Tank "Intelligent Community Forum" die Brainport-Region 2011 zur "World’s smartest region" ernannt und das Magazin "Fortune" Eindhoven 2012 zu den sieben besten Städten für Startups weltweit gezählt.

Startup-Hub auf dem Balkan

Deutlich weniger Unterstützung haben Startups bislang noch in Kroatien zu erwarten. Und so zog es kroatische Gründer lange Zeit erst mal ins Ausland, wenn sie ihre Ideen umsetzen wollten. Doch nach und nach ändert sich dieser Trend, und so konnte sich in der Hauptstadt Zagreb, die die Regierung nicht nur politisch zum Mittelpunkt des Landes gemacht hat, mittlerweile eine florierende Startup-Szene etablieren.

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In Kroatien sind es vor allem private Initiativen, die Gründer unterstützen. (Foto: Ullisandersson / Flickr / Lizenz: CC by 2.0)

Eine Szene, die sich um diese Zentralisierung allerdings so wenig wie möglich kümmert, sondern international denkt, wie Ivo Spigel betont, Journalist und Mitgründer des europäischen Startup-Magazins Tech.eu. Investoren und Mentoren der Startup-Szene seien regelmäßig in der 800.000-Einwohner-Stadt zu Gast, was Gründern die Vernetzung über die Grenzen hinaus erleichtere.

Und das sei auch nötig, denn die politische Unterstützung für neue Geschäftsmodelle werde zwar allmählich besser, gut allerdings sei sie noch lange nicht. Dazu kommen schwierige Grundbedingungen: eine komplexe Gesetzeslage, eine im internationalen Vergleich sehr hohe Steuerlast sowie eine in vielen Fällen zähe Bürokratie. Und auch die Mentalität, sich nach dem Studium sichere Jobs in sicheren Branchen oder der Verwaltung zu suchen, verändere sich nur langsam, so Spigel.

„Kroatische Gründer denken von Anfang an international“

Nach wie vor sind es in Zagreb wie in ganz Kroatien vor allem die privaten Initiativen, die Veränderungen erzwingen. Zum Beispiel die Organisation CRANE (Croatian Business Angels Network), die regelmäßig Events veranstaltet. Oder die "Croatian Private Equity and Venture Capital Association", die ebenfalls nicht nur Investitionen vermittelt, sondern sich auch für den Know-how-Transfer einsetzt. Doch auch die Stadt Zagreb scheint allmählich zu begreifen, dass die Startup-Szene Unterstützung verdient hat: Anfang 2013 hat die Stadt gemeinsam mit Kooperationspartnern die "Startup Live" nach Zagreb geholt, ein dreitägiges Pitch-Event für Gründer. Mitte November findet hier zum ersten Mal die ZagrebConnect statt, neben etlichen etablierten Startup-Events das erste, das die Stadt selbst veranstaltet. Und auch ZIP, ein lokaler Accelerator, hat kürzlich eine Förderung von 50.000 Euro für seine Infrastruktur erhalten.

Schritte in die richtige Richtung, die erste Erfolge zeigen: So hat Repsly eine Software-Lösung für die Koordination von Außendienstmitarbeitern auf den Markt gebracht, Bellabeat eine Gesundheits-App für werdende Mütter, Farmeron eine App für modernes Landwirtschafts-Management und Shoutem einen erfolgreichen "Mobile App Creator". Und nicht zuletzt ist da noch Rimac Automobili, das vielleicht aufsehenerregendste Startup Zagrebs, das drauf und dran ist, mit elektrischen Supersportwagen die Automobilbranche zu revolutionieren.

Zukunftsmusik, wo einst die Industrie zu Grabe getragen wurde

Wie wichtig neben Geld und Infrastruktur auch weiche Faktoren für Startups sind, wird klar, wenn man 1.500 Kilometer weiter nach Nordwesten reist und sich eine Stadt anschaut, die früher als Industrie-Metropole galt: Manchester. Nicht nur hat die 500.000-Einwohner-Metropole den Strukturwandel souverän gemeistert und zählt heute zu den wirtschaftlich stärksten Regionen des Landes – nach dem zweiten Weltkrieg hat hier auch eine Informatik-Szene mit Größen wie Alan Turing den Grundstein für die Tech-Branche gelegt.

Doch noch ein dritter Faktor spielt eine wichtige Rolle für die vielen Startups in Manchester, betont Jeremy Evans, Journalist bei "Tech City News": "Manchester ist eine extrem kulturelle Stadt – die BBC hat hier ihren zweitgrößten Standort und die Musik-Szene gehört zur Spitze in Großbritannien – das sind durchaus Innovationstreiber für die Startup-Szene." In anderen Städten wie Cambridge, Oxford, Brighton oder Bristol allerdings sage man ganz sicher, Manchester sei "overhyped", fügt er hinzu – zumindest, was die tatsächlichen Umsätze angeht. Doch die Szene wächst.

Hör auf zu reden und mach es einfach!

Manchester sei der Hauptstadt London demographisch durchaus ähnlich, sagt Alex Depledge, Mitgründer von Hassle, einer Plattform, die Reinigungskräfte vermittelt. Es gebe hier eine aufstrebende, junge Generation, der die Mentalität der Stadt in die Karten spiele: Hör auf zu reden und mach es einfach.

"Die Menschen hier sind direkt, sie sind ehrlich – und sie haben keine Angst davor, hart zu arbeiten."
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Manchester profitiert von niedrigen Mieten und guter Anbindung an die britische Hauptstadt. (Foto: Dom Crossley/Flickr/Lizenz: CC by 2.0)

Wie auch London kommt Manchester dabei zugute, dass sich der britische Staat verstärkt um Startups kümmert, so Depledge. Das Land mache nicht alles, aber vieles richtig, etwa mit der neuen Position des "Minister for digital industries", die David Cameron mit dem ehemaligen Kultur-Minister Ed Vaizey besetzt hat. Vor allem aber die Lokalpolitik in Manchester mache einen unglaublich guten Job, so Alex Depledge, sie habe gezielt regionale Projekte im Ballungsraum mit seinen 2,7 Millionen Einwohnern gefördert und damit die lokale Wirtschaft gestärkt – eine wichtige Basis für die wachsende Startup-Szene, die vor allem im Norden der Stadt derzeit ganze Stadtviertel umkrempelt.

Eine Alternative zu London

Darüber hinaus profitiert Manchester natürlich davon, dass die Mieten hier um einiges günstiger sind als im überteuerten London – und von der guten Zuganbindung, mit der man trotzdem in weniger als zwei Stunden in der Hauptstadt ist. Accelerator-Programme entstehen hier ebenso wie Events und Workshops – beinahe jeden Tag findet sich in irgendeinem Veranstaltungskalender ein passender Termin. Dazu kommen Co-Working-Spaces wie TechHub oder das "Sharp Project" und nicht zuletzt bietet die Stadt mit dem "Manchester Science Park" mehr als 150 Unternehmen aus Wissenschaft und Technologie ein perfektes Arbeitsumfeld – ein weiterer Magnet für Gründer.

Einige dieser Gründer haben es auch schon geschafft, mit ihren Ideen erfolgreich zu sein. Capsule beispielsweise, Anbieter eines Cloud-CRM-Tools, Canddi, eine Big-Data-Analytics-Lösung, Fatsoms, eine Online-Marketing-Plattform für Event-Manager oder malinko, ein Startup, das Cloud-Software für die häusliche Pflege anbietet. Sie alle sind auf dem Weg, Kunden und Umsätze zu generieren und eines nicht ganz so fernen Tages schwarze Zahlen zu schreiben – oder den Exit zu schaffen.

Europa braucht mehr Blicke über den Tellerrand

Schon diese fünf Abstecher nach Krakau, Vilnius, Eindhoven, Zagreb und Manchester zeigen: Es lohnt sich, bei der Suche nach Startups die Nadel auf der Europa-Karte auch mal abseits von Berlin, London oder Stockholm zu setzen. So unterschiedlich die Voraussetzungen für Startups in den einzelnen Regionen auch sind, so unterschiedlich sind auch die jeweiligen Strategien. Die Anbindung an andere Branchen und die Hochschulen in Krakau, der Fokus auf die technische Infrastruktur in Vilnius, die Konzentration auf die Forschung in Eindhoven, das Meistern schwieriger politischer Bedingungen in Zagreb oder das Zusammenspiel von lokaler Wirtschaft und Kultur in Manchester – es gibt viele Wege, eine Startup-Szene aufzubauen und zum Erfolg zu führen.

Doch es wird mehr brauchen, um Europas Startups konkurrenzfähig zu machen. Der Grund, warum Europa den USA oder Asien in diesem Bereich nach wie vor hinterherhinke, seien weniger Faktoren wie Enthusiasmus, die Fähigkeiten von Gründern oder gute Ideen, es sei schlicht das Geld, schrieb die Journalistin Cayleigh-May Forbes im Sommer. Es sei die Möglichkeit, an Kapital zu kommen, an Investoren. Und es wird die Unterstützung der Politik brauchen, die mehr und mehr zu merken scheint, welches Potenzial in Startups steckt. Darüber hinaus aber braucht es internationale Kooperationen, denn Europas Startup-Landschaft ist stark fragmentiert: Nach wie vor haben viele Regionen mit sich selbst zu tun – es liegt in Europas Natur, dass die Szene heterogen ist. Doch sie wächst zusammen, Stück für Stück, und internationalisiert sich. Die Projekte, Unternehmen und Persönlichkeiten, die sie dabei hervorbringt, sind jetzt schon beeindruckend.

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