Artificial Intelligence

Irren ist menschlich: Wann Unternehmen auf KI setzen sollten

Künstliche Intelligenz im Management? Obwohl Algorithmen in Situationen mit vielen Parametern die Nase vorn haben, halten Führungskräfte an der eigenen Entscheidungsfähigkeit fest. Mit fatalen Folgen.

17.10.2017 Quelle: t3n Alexandra Vollmer
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Quelle: Phonlamai / Shutterstock

Führungskräfte führen. Und Führungskräfte entscheiden. Auch wenn sich KI-Experten in der Prognose übertreffen, wann Künstliche Intelligenz den Menschen ganz und gar verdrängt haben wird, im Management zählt nach wie vor die Chefentscheidung. Doch was ehemals Gang und Gäbe war, wird zunehmend zum Problem. Denn die Situation wird immer weniger überschaubar.

Plausibel, aber falsch

"Bei komplexen Planungs- und Entscheidungsaufgaben kommt das menschliche Gehirn schnell an seine Grenzen. Das gilt besonders für das taktische Management von betrieblichen Prozessen, wie etwa Produktionssteuerung, Transportdisposition, oder Supply Chain Planung", erklärt Adrian Weiler, CEO des Aachener Software-Konzerns Inform. "Hier müssen tausende von Aktivitäten in einer möglichst optimalen Reihenfolge hunderten von Ressourcen zugeordnet werden. Es gibt Abermillionen möglicher Optionen für solche Reihenfolgen. Ein Mensch kann diesen Entscheidungsspielraum niemals vollständig überblicken. Er wird sich deshalb immer auf plausibel erscheinende Pläne beschränken." Doch was aus einer eingeschränkten Wahrnehmung heraus plausibel erscheint, muss noch lange nicht richtig sein.

Daneben gibt es laut Weiler noch eine weitere Tretmine: Die Welt dreht sich weiter. "Selbst wenn die Führungskraft einen guten Plan gefunden hat, müsste sie diesen jetzt permanent anpassen. Denn in unserer globalisierten und zunehmend vernetzten Industrie wirken sich immer mehr Störfaktoren auf diese Pläne aus", so der KI-Experte. In dieser Gemengelage sei eine Führungskraft naturgemäß überfordert. Das hat wirtschaftliche Konsequenzen.

Schaden geht in die Millionen

Nehmen wir einen Maschinenbauer. Wenn dieser seine Aufträge nicht optimal einsteuert, dann fehlen möglicherweise wichtige Mitarbeiter in der Montage. Oder es liegen Teile im Lager, die Kapital binden, aber schlicht nicht gebraucht werden. Ein Logistiker, der seine Routen nicht optimal plant, riskiert, dass Lkw-Flotten zig überflüssige Kilometer zurücklegen.

"Besonders problematisch wird es aber, wenn das Tagesgeschäft wegen einer ungeplanten Störung nicht, rund‘ läuft", warnt Weiler. Ein Eilauftrag kommt dazwischen oder eine Maschine fällt unerwartet aus. Die dann notwendige kurzfristige Umplanung aller betroffenen Unternehmensressourcen wäre ein Meisterstück, das selbst der beste Disponent manuell nicht lösen könne. Geht das Teil zu spät raus, muss das Unternehmen Mehrkosten in Kauf nehmen. Und noch viel schlimmer: Der gute Ruf steht auf dem Spiel. Ein Schaden in dieser Dimension lässt sich kaum noch beziffern.

Was wäre wenn

Doch dazu muss es nicht kommen. "Mathematische Optimierungsalgorithmen bieten einen vollständigen Überblick über alle Handlungsoptionen in der jeweiligen Entscheidungssituation und sind damit eine gute Alternative zur analogen Managemententscheidung", empfiehlt Weiler den Einsatz Künstlicher Intelligenz. Und das nicht nur für ausgewählte Branchen. Im Gegenteil. Komplexe Entscheidungen gäbe es vielmehr in allen Unternehmen, vom Autobauer bis zum Containerterminal. Überall dort, wo viele Parameter und schnelle Veränderungen die Entscheidungen besonders komplex werden lassen, in der Produktion, bei Transportwegen, bei der Lagerhaltung oder auch in der Absatzplanung, böte sich der Einsatz Künstlicher Intelligenz an.

"Statt selbst die Entscheidung zu treffen, verlegt sich der Manager zukünftig eher auf das Experimentieren mit den diversen Ressourcen-Zahlen. Denn Algorithmen können in Zuge von Was-Wäre-Wenn-Analysen innerhalb von Sekunden ausrechnen, wie sich hier ein Mitarbeiter mehr und dort eine Maschine weniger auf das Gesamtergebnis auswirken", stellt Weiler in Aussicht.

Diese "Was-Wäre-Wenn-Analysen" sind auch eine wertvolle Hilfe bei der Erstellung umfangreicher Angebote. Will beispielsweise ein Eventmanager prüfen, ob für einen großen Kongress zu einem fixen Zeitpunkt 100 Mitarbeiter mit ganz konkreten Qualifikationen an den Start gehen können, dann helfen Algorithmen mit einer kurzfristigen Was-Wäre-Wenn-Analyse und ermöglichen so ein schnelles und zuverlässiges Angebot.

Dem Navi auch im Unternehmen vertrauen

Wenn Algorithmen so genial arbeiten, warum tun sich Führungskräfte dann so schwer damit, ihre Entscheidungen einer Maschine zu überlassen? "Wer sich auf die Optimierung einlässt, muss von der Plausibilität Abschied nehmen", so Weiler. "Das fällt vielen Führungskräften schwer. Ihnen fehlt das nötige Vertrauen." Im privaten Bereich sei das hingegen kein Problem. Ohne Skrupel würde Mann oder Frau im Navigationssystem oder bei Google Maps ihr Reiseziel eingeben – und darauf vertrauen, dass ihnen die bestmögliche Route vorgeschlagen wird. Doch während dieses Vertrauen im Alltag bereits angekommen ist, hielten sich viele Unternehmer noch an altbekannte, analoge Entscheidungswege. Dabei gäbe es zum Ziel "mehr Produktivität" oder "schnellere Prozesse" oftmals Milliarden möglicher Wege, aus denen mathematische Optimierungsalgorithmen automatisch die effizientesten auswählen können.

Der Mensch entscheidet am besten strategisch

"Der gesunde Menschenverstand ist im Management zukünftig stärker strategisch gefragt", ist Weiler überzeugt. "Optimierungsalgorithmen können zwar die beste Entscheidung finden, jedoch nur in einem Raster, das der Manager vorgibt." Die Zielvorgabe sei damit nach wie vor eine menschliche Aufgabe. Die Führungskraft müsse sich vor allem mit der Frage beschäftigen, wo sie eigentlich hinwolle – und dieses Ziel im Zuge immer effizienterer Prozesse strategisch weiterentwickeln.

Es geht also nicht darum, den Menschen aus seinem Stuhl zu verdrängen. Wichtig ist vielmehr, die Entscheidungsgewalt einzuteilen. Wo hat die eine, wo die andere Seite die Nase vorn. Nach Weiler ist die Sache klar: "Der Manager entscheidet 'Wohin', der Algorithmus wählt den effizientesten Weg dorthin."

Algorithmen brauchen Agilität

Wenn die Entscheidungen rasend schnell getroffen werden, bringt das allerdings gar nichts, wenn die Unternehmensstruktur noch analog tickt. Entscheidend ist eine dynamische Ausführung der Entscheidung. "Erst wenn beides zusammen kommt – die durch Optimierung gewonnene ‚beste Option‘ sowie eine strukturelle Agilität – dann kann sich das Unternehmen in kürzester Zeit jeder neuen Marktsituation anpassen", ist Weiler überzeugt. Von einem Rundumschlag rät er allerdings ab: "Führungskräfte sollten Künstliche Intelligenz erst einmal anhand einzelner Planungsprozesse ausprobieren und Erfahrungen sammeln. Wenn sich die Strategie bewährt – und das wird sie – kann Agile Optimierung langsam per ‚Bottom-Up‘ ausgebaut und weiterentwickelt werden." Wenn Entscheidungsprozesse mehr Produktivität und Kundenzufriedenheit erzeugen, dann würden sich innerhalb des Unternehmens ganz automatisch neue Türen öffnen und neue Anwendungsmöglichkeiten ergeben. "Um langfristig konkurrenzfähig zu bleiben, ist es wichtig, jetzt den ersten Schritt zu gehen. Das darf auch ein ganz kleiner sein"; so Weiler.

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