Web-Technologien

In Burma bedeutet Smartphone Freiheit

Nach Jahrzehnten der Militärdiktatur öffnet sich Myanmar – das ehemalige Burma - für Demokratie. Eine Geschichte über ein Land, das mitten in der Post-PC-Ära erwacht.

01.04.2015 Caspar Tobias Schlenk

Der alte Mann am Rande des Gehsteigs wartet schon lange. Neben ihm auf einem Tisch stehen weiße Telefone, alle liebevoll und sorgsam in Folie verpackt. Die Folie schützt die Geräte gegen den Staub der Straße, der hier überall ist in Yangon (Rangun), der mit fast 6 Millionen Einwohnern größten Stadt Myanmars. Wer dem alten Mann ein bisschen Geld gibt, kann mit den Telefonen ins ganze Land telefonieren, zwischen Töpfen voller Suppe, saftigen Melonen und billigen Gürteln. Aber niemand nutzt mehr diese Telefone, denn die Konkurrenz ist nur ein paar Schritte weiter.

Das fühlt sich wie Freiheit an.

Früher kamen junge Menschen zu dem alten Mann, verabredeten sich, beteuerten ihre Liebe, teilten Freude und Leid über das weiße Telefon. Das Telefon könnte viele Geschichten aus der Vergangenheit erzählen. Jetzt aber steht neben dem kleinen Tisch ein Werbeplakat von Huawei und über dem Laden nebenan prangt in großen Buchstaben „Lucky Mobile Corner“. Billige Smartphones verkaufen sie dort. Hier in Yangons Straßen ist der Sprung in eine neue Ära der Technologie an jeder Straßenecke sichtbar.

Etwa ein halbes Jahrhundert lebten die Menschen in Burma in einer Diktatur, isoliert von der restlichen Welt, ferngehalten von der Technik. Vor drei Jahren öffnete sich das Land für demokratische Reformen – und erlaubte auch Smartphones. Für die Bevölkerung eine erste spürbare Veränderung.

Als eine junge Nonne kürzlich das erste Mal ein Handy mit Sim-Karte in ihren Händen hielt, sagte sie: "Das fühlt sich wie Freiheit an." Quasi über Nacht kamen die Menschen zum Smartphone . Und nun lässt sich beobachten, wie eine Technik rasend schnell Gesellschaft, Wirtschaft und Politik schon nach wenigen Monaten durcheinander wirbelt.

Vor wenigen Jahren war das Wort "Internet" in Burma noch zensiert

In dem Land mit 55 Millionen Einwohnern, das zwischen Bangladesch und Thailand liegt, war dieser Wandel vor Kurzem noch undenkbar. Der Unternehmer Thaung Su Nyein kennt die alte Zeit noch gut. Er hat vor mehr als zehn Jahren seinen Job in New York hingeschmissen und ist in sein Heimatland zurückgekehrt, um sich als Internet-Pionier zu versuchen. "Selbst das Wort 'Internet' war zu der Zeit in Burma zensiert , man durfte nicht darüber schreiben oder sprechen", erzählt der 39-Jährige.

Eine freie Presse existierte nicht, das Militärregime blockierte die BBC-Homepage, Demonstrationen schlug die Polizei nieder. 2007 gingen Tausende Mönche gegen das Regime auf die Straße und es antwortete mit Gewalt. Doch langsam begannen die Militärs umzudenken: 2010 wählten die Menschen, zwei Jahre später ließ die Regierung bei einer Nachwahl die Partei der Nobelpreisträgerin und Freiheitsikone Aung San Suu Kyi zu. Auch kamen einige tausend politische Gefangene frei.

Der Unternehmer Thaung Su Nyein hat in diesen Jahren durchgehalten. Mittlerweile gehören seinem Unternehmen etwa die Zeitung 7 Days News , die auch eine Website besitzt. "Und ich habe mein Ziel, eines Tages ein Internet-Unternehmer zu sein, doch noch erreicht", sagt er heute mit einem Lächeln.

Sim-Karten: Vom Luxusgut zur Massenware

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Die beliebten Mobile-Shops prägen schon nach kurzer Zeit das Straßenbild von Yangon. (Foto: Lisa Hegemann)

Nicht nur das Internet ist jetzt zugänglich, seit ungefähr zwei Jahren gibt es Läden, die Smartphones verkaufen. Erst im Sommer 2014 kamen dann auch günstige Sim-Karten auf den Markt. Die Regierung hatte zwei ausländischen Telekommunikationsunternehmen, Telenor und Ooredoo, Lizenzen für den Mobilfunkmarkt verkauft – eine Revolution. Noch vor wenigen Jahren kostete eine Sim-Karte des staatlichen Anbieters weit mehr als 1000 Dollar, für reiche Burmesen galten die Sim-Karten gar als Geldanlage. Heute muss man dafür umgerechnet etwa 1 Dollar und 50 Cent zahlen.

Nach ihrer jahrelangen mobilen Enthaltsamkeit warteten die Burmesen ungeduldig auf die Sim-Karten. In langen Schlangen standen sie im August und September vor den Mobilfunkläden. Telenor meldete eine Million verkaufte Sim-Karten. An einem Tag. Das Potenzial ist riesig: Noch immer besitzen laut Schätzungen erst etwa zehn Prozent der Bevölkerung ein Handy. Bislang haben vor allem die Bewohner der drei größeren Städte überhaupt Zugang zu den begehrten günstigen Sim-Karten und damit zum mobilen Internet.

Burma muss Jahre des digitalen Konsums nachholen

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Mit seiner Suchmaschinen-App will das Startup Bindez zum Google von Myanmar werden. (Foto: Lisa Hegemann)

Überall in Yangon genießen die Menschen ihre neu gewonnene Freiheit. Wie etwa die vier jungen Männer, die im Restaurant Platz nehmen. Als erstes holen sie ihre Handys, checken die Nachrichten, die sie von Freunden über die Chat- und Telefonie-App Viber empfangen haben. Oder telefonieren. Es ist ein völlig neues Gefühl, verbunden zu sein. Früher mussten sie an einen der Telefonstände gehen, um sich mit den Freunden zu verabreden. Heute reichen Klicks.

Und wer auf Facebook etwas Politisches schreibt, muss keine Angst mehr haben, direkt verhaftet zu werden . Die Aktivisten teilen etwa die Bilder, wie sie mit Bannern und roten Flaggen durch die Straßen ziehen. Auch das war vor wenigen Jahren sehr gefährlich.

Es ist aber auch die Freiheit, schnell an Informationen und Unterhaltung zu kommen, die sie ausleben. Wie ein Mönch in einem orangen Gewand. Er sitzt in einem Café, vor sich einen Schokokaffee mit Sahne, und informiert sich per Smartphone über die Einkaufsmöglichkeiten in Yangon.

Oder ein Junge, der an der Straße auf einem kleinen Plastikstuhl sitzt und sich beim Essen ein Musikvideo auf Youtube anschaut.

Als müssten sie Jahre des digitalen Konsums nachholen, daddeln junge und alte Menschen, Mädchen und Jungen, Händler und Geschäftsleute. Sie spielen Candy Crush, checken Facebook, lesen Horoskope oder lauschen der Musik, die aus den Lautsprechern des Smartphones plärrt.

In Yangon haben die Startups Blut geleckt

Der Wandel macht auch vor der Wirtschaft des Landes nicht halt. Noch findet er

weitgehend versteckt statt, etwa in zwei kleinen Zimmern im 6. Stock eines Hauses in einer Seitenstraße der Hafenstadt Yangon. Dort arbeitet Myo Myint Kyaw. Mit seinem Startup Revo Tech will der 30-jährige Burmese das Land erobern, Revo steht für Revolution.

Der Start war nicht einfach. Nach dem Studium in London hatte Myo Myint Kyaw zunächst in Singapur gearbeitet. Die politischen Veränderungen in seinem Heimatland hatte er von dort verfolgt: "Wenn ich im Büro die BBC-Homepage gecheckt habe, war Myanmar immer in den Nachrichten", erzählt der Unternehmer. 2012 entschied er sich schließlich, in sein Heimatland zurückzukehren. Doch sein Geschäftspartner sprang ab, und Myo zog frustriert durch Yangon. Die Bedingungen für Startups waren schlecht: Das Internet lief katastrophal langsam, andauernd Stromausfälle, und es fehlte an Gleichgesinnten.

Apple-Gründer Steve Jobs ist sein Vorbild. Und auch Myo hat nicht aufgegeben. Überall im Land stehen kleine buddhistische Figuren, bei Myo steht ein Foto von Jobs neben dem Schreibtisch. Schließlich fand er doch den richtigen Geschäftspartner, nun ist er der Chef von 14 Mitarbeitern. Gemeinsam entwickeln sie Smartphone-Apps.

Facebook ist das Internet für Myanmar

Myo Myint Kyaw sieht in den Smartphones großes Potenzial für sein Land: "Wir haben die gesamte Desktop-Generation übersprungen und sind direkt zumSmartphone gewechselt." Selbst Barack Obama habe diese Entwicklung bei seiner Rede im November des vergangenen Jahres in Yangon erwähnt – viele Arbeiter auf der Straße hätten nicht mal ein Hemd an, aber ein Smartphone in der Tasche. Der Gründer schmunzelt, wenn er das erzählt.

Genauso, wie wenn er von seiner 90-jährigen Großmutter erzählt, die sich über Facebook auf ihrem Smartphone mit allen Verwandten vernetzt. "Facebook ist das Internet für Myanmar", erzählt er, alle seien verrückt danach. Und weil die Message-Funktion auch bei schlechtem Empfang funktioniert, sagen selbst seine Geschäftspartner: "Los, adde mich auf Facebook."

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