Artificial Intelligence

IBM Watson avanciert zum Universalgenie

Das "Cognitive Computing" von IBMs Watson wird von immer mehr Branchen adaptiert. Auf IBMs Hausmesse "World of Watson" zeigen die US-Amerikaner, welche Bereiche ihre KI als nächstes erobert.

23.11.2016 Mark Schröder

World of Watson 2016

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John Kelly III: Watson-Miterfinder auf der IBM-Hausmesse. (Foto: IBM)

Vor etwas mehr als vier Jahren gewann IBMs Watson-KI die Rate-Show Jeopardy, wenige Wochen danach trat Watson bei der Eröffnung der CeBIT erstmals in Europa auf. Für einen der Schöpfer von Watson, John Kelly III, ist dieser Sieg der Maschine über den Menschen ein Wendepunkt gewesen. Seit dem 16. Februar 2011 glaubt der Direktor von IBM Research an den Durchbruch des "Cognitive Computing" - mit der Watson-Technologie. Das sagte Kelly vor einer Rekordkulisse von 17.000 Teilnehmern an der IBM-Hausmesse "World of Watson".

Die KI-Technologie hat IBM in den vergangenen fünf Jahren weiterentwickelt. Konnte Watson früher Englisch verstehen, lesen und sprechen, ist das System mittlerweile multilingual – zumindest bei der verbalen Interaktion mit dem Benutzer. Auch kann die KI heute Bilder verarbeiten und Muster erkennen. Die Forscher rund um Kelly arbeiten aktuell daran, Watson auch für die Videoverarbeitung fit zu machen. Sie tun gut daran, erwarten die Marktforscher doch, dass im Jahr 2020 über 80 Prozent der neuen Online-Inhalte aus Filmen bestehen werden. Hinzu kommt, dass Augmented und Virtual Reality schon heute kurz davor stehen, den Massenmarkt zu erreichen.

Watson für das iPhone und den Facebook Messenger

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Endlich mobil: David Kenny will IBM Watson auf das iPhone bringen. (Foto: IBM)

Gemeinsam mit Apple will IBM die Watson-Technologie auch auf das iPhone bringen. Die seit zwei Jahren bestehende Partnerschaft soll nun ausgebaut werden, sagte David Kenny, Watson General Manager bei IBM. Die bis dahin gemeinsam entwickelten rund 100 MobileFirst-Apps für iOS bekommen Watson-APIs. Entwickler könnten die Funktionen von Watson für eigene Anwendungen nutzen. Damit setzen die Unternehmen auf eine der am weitesten verbreiteten Plattformen überhaupt, hat doch Apple sein Smartphone über eine Milliarde Mal abgesetzt.

Ebenfalls eine Milliarde Benutzer zählt der Facebook Messenger. Auf der Plattform ist Watson in Zukunft ebenfalls präsent. Und das gleich mehrfach: Mit "Watson Ads" können Kunden eigene Werbung in die Chat-Software einspielen. Die Technologie verhält sich dann wie ein richtiger Gesprächskontakt und beantwortet auch Fragen zu den Promotionen. Auf die immer aktuelle Frage nach den Wetteraussichten soll ein neuer Bot der IBM-Tochterfirma The Weather Company stets Antworten parat haben. Er interagiert ebenfalls mit dem User – wenn er das wünscht, sagte Cameron Clayton, CEO der The Weather Company.

Privatlehrer Watson

Pearson Education will die digitalen Lernplattformen mit Watson erweitern. Das Unternehmen gilt als größter Lehrmittelverlag der Welt. Die IBM-Technologie soll einerseits für Prüfungen des Lernstatus verwendet werden, andererseits auch für das individuelle Aufbereiten des Lehrstoffes, sagte Tim Bozik, President Global Product bei Pearson. Schüler und Studenten bräuchten dann nur noch diejenigen Inhalte lernen, bei denen sie Schwächen haben.

Daneben soll der digitale Lehrassistent auch Erklärungen für den Lernstoff liefern können – sowohl den Schülern als auch den Lehrern etwa während der Unterrichtsvorbereitung. Pearson will nach den Worten Boziks mit den natürlichsprachigen Lösungen auch helfen, den Mangel an Lehrpersonal zu verringern.

SAS ist IBM auf den Fersen

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Konkurrenz zieht nach: SAS-Gründer Jim Goodnight hat offenbar seine Meinung über "Cognitive Computing" geändert. (Foto: IBM)

Bisher war "Cognitive Computing" ausschließlich im Wortschatz von IBM vorhanden. Der Konzern umschrieb damit die Fähigkeiten von Watson. Das System verarbeitet strukturierte und unstrukturierte Daten – hauptsächlich mit fortgeschrittenen statistischen Methoden. Fragen der Benutzer zu den Daten akzeptiert Watson in natürlicher Sprache – sowohl schriftlich als auch mündlich. Ebenso beantwortet Watson die Fragen auf Wunsch verbal. Darauf hält Big Blue große Stücke und investiert Milliarden in die Technologie. Zuletzt wurde ein Labor im deutschen München mit 200 Millionen US-Dollar ausgerüstet.

Mit Watson steht IBM allein auf weiter Flur – könnte man meinen. Im Analytik-Geschäft ist SAS der größte Wettbewerber von Big Blue. Der US-amerikanische Konzern wächst seit der Gründung (im Jahr 1976) ununterbrochen. Big Blue musste Mitte Oktober hingegen wieder ein Umsatzminus berichten – wie schon in den vergangenen 17 Quartalen. Das SAS-Geschäft beschränkt sich jedoch auch hauptsächlich auf Analytik-Lösungen, während IBM noch viel Branchen-, Business- und Infrastruktur-Software sowie Hardware im Portfolio hat. Letztere Bereiche schreiben seit Jahren rote Zahlen. Die Analytik und insbesondere Watson sind im Plus.

SAS hatte Watson bisher als eine "Markeingkampagne" tituliert. Dieser Titel stammt nicht von irgendwem, sondern aus dem Munde von Jim Goodnight. Er ist einer der Gründer von SAS. Er weiß, wovon er spricht. Er weiß offenbar aber auch, wenn es gut ist, besser den Mund zu halten. Der Markt will offenbar "Cognitive Computing". SAS erklärte jüngst, ebenfalls Lösungen für "Cognitive Computing" liefern zu können – für den Kampf gegen Cyberkriminelle, für Energieversorger und für das Preisdumping im Retail.

Schweigen der Analysten

Laut dem Analystenhaus Gartner gibt es bei Advanced Analytic Platforms derzeit zwei Marktführer: SAS und IBM. Im Vergleich zum Vorjahr hat SAS seinen Vorsprung eingebüßt, IBM ist im Leaders Quadrant mittlerweile fast gleichauf. Die Auguren müssen sich allerdings die Frage gefallen lassen, warum die Watson-Technologie nicht in die Bewertung mit eingeflossen ist. In der Marktübersicht betrachtet wurde nur die Statistik-Lösung SPSS. Watson ist augenscheinlich auch für Gartner eine Speziallösung, die in keine bisher da gewesene Kategorie passt.

Andere machen es besser: In Forresters aktueller Übersicht zu Big Data Text Analytics Platforms hat IBM Watson die Nase vorn. Zum Produkt Watson Explorer gesellen sich an der Marktspitze SAS Contextual Analytics und Intelligence Platform von Clarabridge. Der IBM-Lösung wird attestiert, dass sie als eine der wenigen Anwendungen im Markt mittlerweile auch Daten in Hadoop-Clustern verarbeiten kann und mehr als linguistische und statistische Prozeduren beherrscht.

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