Cloud

Grenzen überwinden mit der Multi-Cloud

Die Multi-Cloud ist eine Kombination aus mehreren Cloud-Diensten, die sich aus Anwendersicht wie ein einziger Service verhält. Sie ist ein Zwischenschritt hin zur maximal flexiblen Cloud-Lösung.

05.01.2017 Konstantin Pfliegl

Innovative Cloud-Strategie

Multi-Cloud Teaser
Der systematische Einsatz verschiedener Cloud-Lösungen erhöht die Flexibilität. (Foto: Denphumi / Shutterstock.com)

Die Cloud gehört zum Standard: Ob Mittelständler oder Großunternehmen – das Prinzip des Cloud-Computings haben Unternehmen mittlerweile verstanden und viele IT-Abteilungen setzen bereits auf Dienste aus der Wolke. Kaum ein Unternehmen kann es sich angesichts des digitalen Wandels mehr leisten, um Cloud-Computing einen Bogen zu machen – immer mehr Teile der IT werden quasi Software-defined. Insbesondere die Public Cloud hat sich als technische Basis für die Geschäftsmodelle zahlreicher Start-ups etabliert.

Eines der bekanntesten Beispiele für den Erfolg mit der Cloud ist der Streaming-Dienst Netflix. Innerhalb der vergangenen acht Jahre hat sich das Streaming-Aufkommen der Online-Videothek vertausendfacht. Eine entsprechende Skalierbarkeit wäre ohne die Nutzung eines Cloud-Dienstes kaum möglich gewesen.

Zukunft Multi-Cloud

Ob Public Cloud, Private Cloud oder Hybrid Cloud – am Ende dürften die meisten Unternehmen bei einer Multi-Cloud landen, nämlich der Kombination aus mehreren Cloud-Diensten, die sich aus Anwendersicht wie eine einzige große Cloud verhält.

Die Multi-Cloud geht dabei ein Stück weiter als eine Hy­brid Cloud. Eine Hybrid Cloud erweitert eine Private Cloud – On-Premise oder gehostet – um eine Public Cloud. Damit das mit dem Kombinieren reibungslos funktioniert, setzen Unternehmen bei der Public Cloud meist auf dieselbe Plattform, die sie auch für die Private Cloud nutzen. Das bedeutet: Wenn die Private Cloud auf VMware-Infrastruktur basiert, dann sucht man sich auch einen Public-Cloud-Dienst, der auf VMware beruht.

Eine Multi-Cloud kennt dagegen keinerlei Grenzen: Sie kombiniert vielmehr Cloud-Dienste mit unterschiedlichen Deployment-Modellen wie Private Cloud und Public Cloud und unterschiedlichen Ausprägungen wie Infrastructure as a Service (IaaS) und Platform as a Service (PaaS) zu einer einheitlichen Plattform. Auch unterschiedliche Cloud-Techniken wie VMware oder Amazon AWS lassen sich kombinieren. Die Hybrid Cloud ist also eine Art Zwischenschritt von der Private Cloud und der Public Cloud auf dem Weg zu einer Multi-Cloud.

Um die Funktionsweise einer Multi-Cloud zu verdeutlichen, werden als Beispiel häufig die Lieferketten in der Automobilindustrie herangezogen: Die Fahrzeughersteller setzen auf mehrere Lieferanten, die zum Teil sogar die gleichen Fahrzeugkomponenten liefern. Diese fügen die Hersteller dann zu einem Fahrzeug zusammen. Ähnlich funktioniert die Multi-Cloud: Sie orchestriert die unterschiedlichsten Cloud-Anbieter und -Dienste und verbindet sie zu einer einzigen großen Cloud.

Ziel einer Multi-Cloud ist es, dass Anwendungen verschiedene Dienste und Infrastrukturen – je nach Auslastung und Bedarf – parallel oder abhängig von den jeweiligen Preismodellen der Cloud-Dienste nutzen.

Die Multi-Cloud ist laut einer Umfrage des IT-Beratungsunternehmens Crisp Research aus dem vergangenen Jahr für 36 Prozent der befragten deutschen Mittelständler künftig das favorisierte Cloud-Modell. Über ein Drittel der deutschen mittelständischen Unternehmen planen folglich den Einsatz von Cloud-Diensten von mehr als einem Anbieter.

In einer Studie des Marktforschungs- und Beratungsunternehmens IDC, ebenfalls aus dem letzten Jahr, gaben sogar bereits 86 Prozent der befragten US-amerikanischen Unternehmen an, dass sie einen Multi-Cloud-Ansatz planen, um ihre IT-Anforderungen innerhalb der kommenden zwei Jahre abdecken zu können.

Vorteile der Multi-Cloud

Die Multi-Cloud bietet gegenüber den anderen Deployment-Modellen für Cloud-Dienste wie der Hybrid Cloud zahlreiche Vorteile:

Stets die passende Cloud: Es gibt keinen Cloud-Dienst und keine Cloud-Infrastruktur, die für alle Einsatzzwecke geeignet ist. Ein Cloud-Dienst, der perfekt zu einer Anwendung passt, kann für eine andere absolut ungeeignet sein. Mit einer Multi-Cloud-Strategie nutzt man für jeden Einsatzzweck den jeweils am besten geeigneten Cloud-Service, verfolgt also den Best-of-Breed-Ansatz.

Kein Vendor-Lock-in: Die Nutzung unterschiedlichster Cloud-Anbieter und -Dienste schützt vor einem Vendor-Lock-in, also der Abhängigkeit von nur einem Anbieter. Wie wichtig die Risikostreuung ist, zeigt das Beispiel des ehemaligen Cloud-Anbieters Nirvanix. Der US-amerikanische Cloud-Dienst, Partner von IBM – und von Gartner als Top-Cloud-Anbieter eingestuft –, stellte innerhalb weniger Wochen nach Ankündigung seine Dienste ein. Die Kunden hatten große Mühe, ihre Daten in so kurzer Zeit auf andere Cloud-Anbieter umzuziehen und ihre Systeme entsprechend anzupassen.

Ausfallsicherheit: Auch hochverfügbare Cloud-Plattformen wie die von Amazon, Google oder Microsoft können einmal ausfallen – was in den vergangenen Jahren auch immer wieder einmal vorkam. Wer auf verschiedene Anbieter und Dienste setzt, der verhindert, dass ein Ausfall gleich mehrere Bereiche des Unternehmens betrifft.

Performance: Je geringer die Entfernung des Cloud-Rechenzentrums zum Unternehmen ist, desto geringer fallen in der Regel die Latenzzeiten aus. Bei einer Multi-Cloud bietet sich die Möglichkeit, für solche Anwendungen, bei denen es auf Geschwindigkeit ankommt, auf ein nahe gelegenes Rechenzentrum zu setzen. Für andere Anwendungen kann man hingegen auf ein weiter entferntes Rechenzentrum zurückgreifen, dessen Nutzung dafür preisgünstiger ist.

Nachteile der Multi-Cloud

Eine Multi-Cloud hat aber selbstverständlich nicht nur Vorteile, gegenüber den anderen Cloud-Deployment-Modellen weist sie auch Nachteile auf:

Mehr Fehlerquellen: Je mehr Cloud-Anbieter und -Dienste eingesetzt werden, desto mehr Schnittstellen und damit potenzielle Fehlerquellen gibt es. Hinzu kommt, dass der Einsatz zahlreicher Schnittstellen auch Cyberkriminellen mehr Angriffsflächen bietet.

Hoher Aufwand: Mit der steigenden Anzahl an Cloud-Diensten wächst auch der Zeit- und Kostenaufwand für deren Administration. Zudem müssen sich ständig ändernde Preismodelle der Cloud-Anbieter im Blick behalten und das Cloud-Management entsprechend angepasst werden.

Datenschutz: Jeder Cloud-Anbieter hat seine eigenen Datenschutzregeln. Diese Regeln müssen einzeln mit den Compliance-Anforderungen des eigenen Unternehmens abgeglichen werden. Vor allem wenn es um Kundendaten geht, sollten Unternehmen vorsichtig sein. Den Datenschutz-Nachteil kann man allerdings auch in einen Vorteil ummünzen – so lässt sich für jede Compliance-Anforderung der passende Cloud-Dienst nutzen.

Umsetzung einer Multi-Cloud-Strategie

Wenn es an die Umsetzung einer Multi-Cloud-Strategie geht, dann sehen sich IT-Verantwortliche vor eine überaus komplexe Aufgabe gestellt. Das ist auch der Grund, weshalb es echtes Multi-Cloud-Management bislang noch selten gibt – also ein Management, bei dem die unterschiedlichsten Clouds nahtlos miteinander verschmelzen und zum Beispiel Workloads je nach Bedarf automatisch von einem Cloud-Anbieter zum anderen verschoben werden.

Das Zusammenspiel von Cloud-Diensten und diversen Anwendungen ist vielschichtig: Die IT-Verantwortlichen müssen alle im Unternehmen anfallenden Workloads unter einen Hut bringen und mit einheitlichen Schnittstellen verbinden. Zum einen sind dies klassische Unternehmensanwendungen, die oft genug noch als On-Premise-Software auf lokalen Servern und Workstations laufen. Viele dieser Anwendungen unterstützen dabei häufig noch nicht einmal horizontales Skalieren, das heißt sie laufen nicht auf mehreren Maschinen parallel. Zum anderen sind es die extern bezogenen Anwendungen, die in der Public Cloud oder auf Mobilgeräten laufen.

Weitere Fallstricke lauern rund um die Service Level Agreements und den bereits angesprochenen Datenschutz.

Nicht zu unterschätzen ist zudem der enorme Verwaltungsaufwand für die Rechtevergabe. Neben der Verwaltung der Zugriffsrechte für die einzelnen Cloud-Dienste müssen die häufig in Unternehmen eingesetzten Active-Directory-Services beziehungsweise deren Rechte über Konnektoren mit den Cloud-Diensten verbunden und an die jeweiligen Dienste angepasst werden. Hinzu kommen die Zugriffsrechte externer Mitarbeiter.

Da gerät die Multi-Cloud schnell an die Grenzen der Verwaltbarkeit und ist damit derzeit noch den mutigen IT-Verantwortlichen vorbehalten.

Multi-Cloud in der Praxis

Der Mittelpunkt einer Multi-Cloud ist eine Cloud Management Platform (CMP), die die vielen unterschiedlichen Cloud-Umgebungen verwaltet und zusammenbringt. In diesen Clouds laufen standortunabhängig diverse firmeninterne und externe Anwendungen. Diese Umgebungen verwaltet das CMP und stellt sie automatisch bereit – der Anwender braucht sich dabei keine Gedanken darüber zu machen, welche Private oder Public Cloud beziehungsweise welches hybride Cloud-Modell in welchem Rechenzentrum im Hintergrund verwendet wird.

Unternehmen sollten sich vor der Umsetzung einer Multi-Cloud-Strategie umfassend vorbereiten. Nur so lassen sich später alle wichtigen Aspekte wie Datensicherheit, Verfügbarkeit, Stabilität, Skalierbarkeit und Kosten optimieren und die Vorteile einer Multi-Cloud nutzen.

Empfohlenes Vorgehen für eine erfolgreiche Multi-Cloud-Strategie

Kommunikationsströme organisieren: Der Betrieb von Anwendungen auf mehreren Cloud-Diensten erfordert eine ausgeklügelte cloud­übergreifende Kommunikation. Dabei ist die Orchestrierung über verschiedene Clouds auf den unterschiedlichsten Ebenen sicherzustellen – von der Bereitstellung über das Monitoring bis hin zum Backup. Mit den einzelnen Cloud-Anbietern ist zu klären, wie die Kommunikation mit akzeptablen Latenzzeiten und unter Gewährleistung maximaler Sicherheit, zum Beispiel durch den Einsatz einer Verschlüsselung, erfolgen kann.

Mobilität: Ein Vorteil der Multi-Cloud ist, dass man einzele Anwendungen je nach Bedarf zwischen den Cloud-Diensten hin und her schieben kann, zum Beispiel zur Last- oder zur geografischen Verteilung. Das Verschieben darf dabei nur wenig Einfluss auf die Verfügbarkeit einer Applikation haben. Daher müssen Anwendungen so vorbereitet werden, dass sie ohne größere Anpassungen in anderen Clouds lauffähig sind.

Zentrale Werkzeuge: Zu klären ist, wo und wie die für eine Multi-Cloud-Umgebung notwendigen zentralen Infrastrukturen wie das System für das Cloud-Management, das Monitoring und das Reporting betrieben werden sollen – inhouse oder kauft man das Management als Service ein?

Anbindung von Back-Ends: Unternehmen müssen die Anbindung der Multi-Cloud-Umgebung an die eigenen betriebenen Systeme wie Back-Ends vorbereiten und den Zugriff regeln.

Verfügbarkeit: Welche Verfügbarkeit erfordern die einzelnen Dienste? Eine Erhöhung erreicht man zum Beispiel durch eine globale Lastverteilung. Je höher die Verfügbarkeit eines Dienstes sind, desto höher sind zwangsläufig die Kosten.

Sicherheit: Das Security-Management ist von zentraler Bedeutung. Welche Daten sollen eigentlich in die Cloud wandern? Zudem ist zu klären, welche Cloud-Dienste welche Daten wo speichern, ob und wann Daten verschlüsselt werden und wie der Zugriffsschutz geregelt ist. Laut Nexinto ist auch die Frage wichtig, ob der Zugang ins Internet zentral von einer Cloud aus oder dezentral in allen Clouds erfolgt.

Orchestrierung: Falls im Unternehmen bereits eine Cloud Management Platform im Einsatz ist – unterstützt diese eventuell eine Multi-Cloud-Strategie?

Fazit

Für eine Multi-Cloud gibt es keine Lösung von der Stange – zu komplex und zu unterschiedlich sind die verschiedenen Cloud-Anbieter, -Dienste und -Techniken. Entsprechende Produkte gibt es zum Beispiel von Cloud Technology Partners, Flexiant, Nexinto, Rightscale oder SlipStream.

In den meisten Fällen lässt sich die Umsetzung einer Multi-Cloud-Strategie nicht ohne externe Partner wie einem Systemhaus bewerkstelligen: Laut Crisp Research setzen knapp zwei Drittel der deutschen Mittelständler bei der Realisierung von Cloud-Projekten auf Unterstützung von außen (siehe Chart oben links). Rund 7 Prozent der Unternehmen überlassen die Projekte komplett einem externen Dienstleister – Tendenz steigend.

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