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Femmes Digitales

Die Führungspositionen sind in deutschen Unternehmen von Männern dominiert. Noch. Diese Frauen beweisen, dass der Umbruch bereits begonnen hat.

09.01.2016
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Knapp neun Monate ist die sogenannte Frauenquote für börsennotierte Unternehmen alt, seit März 2015 müssen Aufsichtsräte zu mindestens 30 Prozent weiblich besetzt sein. De facto geschehen ist seitdem allerdings wenig, lediglich die Diskussion über die Sinnhaftigkeit eines solchen Instruments ist aus den Medien verschwunden. Fast. Denn erfolgreiche Frauen müssen sich in Interviews nach wie vor die Frage gefallen lassen, ob sie die Quote befürworten oder ablehnen.

„Ich denke, dass wir es uns wirtschaftlich nicht mehr leisten können, auf Frauen zu verzichten“, sagt beispielsweise Claudia Nagel, die vom Magazin „Edition F“ und der Huffington Post kürzlich zur „ Frau, die wir 2025 als DAX30-CEO sehen wollen “ gewählt wurde. Als Gründerin und Geschäftsführerin des Tech-Startups Kiwi ist sie allerdings derzeit mit ganz anderen Dingen beschäftigt – etwa der internationalen Expansion.

Das Startup entwickelt Schließsysteme, die das Öffnen von Türen ermöglichen, ohne dafür einen Schlüssel oder eine andere Gerätschaft – auch keine Chip- oder Magnetkarte – in die Hand nehmen zu müssen. Ein RFID-Transponder, ein kleiner Sender, den man bei sich trägt, übermittelt selbstständig und permanent über Funk elektromagnetische Wellen an ein Modem, das mit dem Schließsystem der Haustür verbunden ist. Sobald man sich der Tür nähert, wird es freigeschaltet, und man kann die Tür aufstoßen.

Die Nachfrage nach dem System ist hoch, 30 Mitarbeiter kümmern sich mittlerweile um die Geschäfte. Erst im vergangenen März sammelte Kiwi vier Millionen Euro an Investorengeldern ein . Die Idee für das Produkt kam Claudia Nagel übrigens nach eigenen Angaben , als sie vor vier Jahren mit ihren drei Kindern und Taschen voller Einkäufe vor der verschlossenen Wohnungstüre stand und nach dem Schlüssel suchen musste. Familie und Karriere sind für die ehemalige McKinsey-Beraterin also durchaus vereinbar.

Diversity statt Quotenregel
Auch Hauke Stars, IT-Chefin (CIO) der Deutschen Börse, hat Familie – und erfüllt gleich zwei Quoten: Sie ist eine der wenigen Frauen an der Spitze eines DAX30-Unternehmens und geichzeitigl aus Ostdeutschland . Bei der Deutschen Börse verantwortet Hauke Stars den Bereich Market Data & Analytics. Erfahrung sammelte sie vorher bereits als Country General Manager des Computerkonzerns HP in der Schweiz. Dort war sie gleich in ihrem ersten Schaffensjahr 2007 daran beteiligt, dass HP mit 10 Prozent doppelt so schnell wuchs wie die Konkurrenz. Ihr Motto: „Nicht rumjammern, sondern nach vorne schauen, Gas geben.“ Das Thema Frauenquote spielte bei HP übrigens keine Rolle: Statt auf Quotenregelungen setzt man bei dem Konzern auf Diversity, also auf die Durchmischung von alt und jung, verschiedenen Nationalitäten oder eben Mann und Frau. "Letztlich zählt aber einfach die Leistung, alles andere bleibt ein Klischee", sagt Hauke Stars .

Seit 2012 erweitert sie nun bei der Deutschen Börse den prestigeträchtigen Bereich IT. In der aktuellen „Top 50 Tech“-Rangliste des auf internationale Finanzwirtschaft spezialisierten Verlags „Institutional Investor“ steht Hauke Stars auf Platz 29 . Unter den einflussreichsten Frauen in der Finanztechnologie steht sie damit auf Platz 4. Dabei wollte die 48-Jährige früher lieber Kinderärztin werden. Ihre Work-Life-Balance wäre bei diesem Beruf vermutlich besser, als in ihrer jetzigen Position. Wobei: „Der Begriff Work-Life-Balance ist ein Unwort. Er impliziert, dass ich bei der Arbeit nicht lebe – mir macht aber meine Arbeit sehr viel Freude und ist Teil meines erfüllten Lebens“, sagt Hauke Stars.

Besser mit Frauen an der Spitze
Mit Claudia Nemat würde sich Hauke Stars vermutlich gut verstehen. Sind doch beide Frauen in einer ähnlichen Situation: Claudia Nemat nimmt als Technikchefin und Vorstandsmitglied der Deutschen Telekom ebenfalls eine Außenseiterrolle ein – ebenso wie die Telekom selbst. Bereits 2010 erlegte sich das Unternehmen freiwillig eine Frauenquote von 30 Prozent auf: „Mit mehr Frauen an der Spitze werden wir einfach besser“, hatte Vorstand René Obermann damals gesagt. Ein Jahr später stieß Claudia Nemat zum Konzern. Die Telekom sei auf einem guten Weg, erzählt Claudia Nemat . „Wir haben mittlerweile 25 Prozent Frauen im Management.“

Als eine von zehn weiblichen Dax-Vorständen nervt es sie allerdings, permanent darauf angesprochen zu werden. „Der Fokus auf Dax-Vorstände spitzt die Diskussion um Vielfalt zu sehr auf reine Top-Positionen zu und führt vielleicht auch zu symbolhaften Handlungen. Unternehmen brauchen mehr Vielfalt auf allen Führungsebenen, um mehr auf Kundenbedürfnisse einzugehen, schneller zu werden und ein besserer Arbeitsplatz für die nächste Generation zu sein“, sagt sie .

Vor ihrem Wechsel zur Deutschen Telekom arbeitete Claudia Nemat 17 Jahre bei der Unternehmensberatung McKinsey, wo sie unter anderem Co-Leiterin des weltweiten Technologiesektors war.

Bilderbuchkarriere dank weiblicher Werte
Weit weniger Verantwortung tragen die beiden Geschäftsführerinnen Anna Alex und Julia Bösch. Dennoch bekommen die Gründerinnen des Vorzeige-Startups „Outfittery“ viel Aufmerksamkeit. Die „Rheinische Post“ zählt die beiden neben Katharina Borchert, bis vor kurzem Geschäftsführerin von Spiegel Online, und Constanze Kurz, Sprecherin des Chaos Computer Clubs, zu den 25 wichtigsten Frauen für die digitale Zukunft . Das könnte am ungewöhnlich großen Erfolg des Mode-Onlineshops liegen. Im Vergleich zu anderen Anbietern positioniert sich Outfittery nicht nur als Händler, sondern in erster Linie als Berater, vor allem für Männer. Nach der Anmeldung und einem Fragebogen zu modischen Vorlieben folgt eine telefonische Beratung und ein Karton mit drei kompletten Outfits, die man ausprobieren und auch kaufen kann. Vor drei Jahren gegründet, erwirtschaftete das Startup laut Wirtschaftsauskunftei Creditreform 2014 knapp sieben Millionen Euro Umsatz und beschäftigt rund 150 Mitarbeiter, 100.000 Kunden im deutschsprachigen Raum zählt Outfittery nach eigenen Angaben .

Die 29-jährige Volkswirtin Alex und die 30-jährige Betriebswirtin Bösch sind typische Vertreter der Berliner Startup-Szene und doch Ausnahmen. Denn sie sind Frauen und damit noch Exoten in der deutschen Internet-Gründerszene. Laut einer Studie des Bundesverbandes Deutsche Startups waren im vergangenen Jahr gerade mal 13 Prozent aller Gründer weiblich. Doch das Konzept der beiden kommt an. Anfang 2015 überzeugte Outfittery einen Großinvestor von seinem Konzept: 20 Millionen Dollar investierte Northzone . Im vergangenen Jahr waren unter anderem Highland Capital Partners und Holtzbrinck Ventures eingestiegen.

Offenbar haben Alex und Bösch mit ihrer Idee einen Nerv getroffen – und ihre Weiblichkeit treffsicher ausgespielt: „Manchmal hilft es sicher, dass wir Frauen sind. Denn unser Produkt muss einfach schön und hochwertig, das Paket schön verpackt sein, die Anleitung muss schön aussehen. Was Frauen möglicherweise auch etwas besser können, ist zuhören: Die eigene Idee zurückstellen und stattdessen dem Kunden zuhören, was er sich wünscht. Wenn man irgendeinen Unterschied zwischen Frauen und Männer feststellen kann, ist es möglicherweise dieser“, sagt Julia Bösch .

Lieber frühzeitig planen statt später regeln
Für Martina Koederitz, Vorstandsvorsitzende von IBM Deutschland, ist Weiblichkeit dagegen kein ausschlaggebender Faktor für den Erfolg. Koederitz steht seit 2011 an der Spitze der Geschäftsführung von IBM Deutschland. Mit zwei Frauen in der sechsköpfigen Geschäftsführung ist die Quote bei IBM voll erfüllt. Allerdings, so ist sich Martina Koederitz sicher, hat die angeordnete Diversität keinen Einfluss auf die Förderung von Frauen im Unternehmen. „Dazu gehört die systematische Suche nach Talenten über Jahre, ebenso wie die Vorteile flexibler Arbeitseinteilung: Die Mitarbeiter könnten bei IBM ihre Zeit selbstständig gestalten, mit Blick auf Familie und Freizeit, aber etwa auch, wenn es um die Pflege von Angehörigen geht“, sagt sie . „Mit der Quote aufzuholen, was viele Unternehmen jahrelang versäumt haben, ist nicht möglich: Talente aufzubauen.“ So würde die Quote nur dazu führen, dass qualifizierte Frauen aus den Unternehmen abgeworben würden, die ihre Arbeit richtig gemacht hätten.

Sie selbst ist ein IBM-Urgestein, arbeitet seit 27 Jahren im Unternehmen. Mit 23 stieg sie nach dem Studium ein, als Systemberaterin. Sie sagt: „Die IT-Welt ist schon lange kein rein technisches Feld mehr. Es geht zunehmend um Beratung, Projektentwicklung und kreative Lösungen – all das sind Felder, in denen Frauen seit jeher punkten.“

Im September wurde Martina Koederitz mit dem Mestemacher-Preis für Gleichstellung als Managerin des Jahres ausgezeichnet. Die Begründung: „Martina Koederitz hat mit ihren unternehmerischen Leistungen großen Anteil am Erfolg von IBM. Sie ist ein weiterer Leuchtturm in der Männerwelt Wirtschaft.“

Wer braucht da noch eine Quote?

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