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Esperanto für Maschinen

Das Prinzip klingt einfach: Im Internet der Dinge unterhalten sich Maschinen miteinander und sparen dem Menschen dadurch Arbeit. Allerdings bringen unterschiedliche Standards die Kommunikation immer wieder ins Stocken. Droht die vierte industrielle Revolution am babylonischen Sprachchaos zu scheitern?

07.12.2015

Es ist Zeit, neue Abkürzungen zu lernen. Während bislang B2B oder B2C entscheidend waren – gerne auch in wechselnder Reihenfolge – kommt seit einiger Zeit ein neuer Buchstabe ins Spiel. Weil sich im Internet der Dinge immer öfter Maschinen untereinander unterhalten, rückt das M in den Fokus. Schon bald könnten uns Maschinen nicht nur Arbeit abnehmen, sondern sogar ganze Geschäftsmodelle bereitstellen. Und zwar mit einem riesigen Marktpotenzial. Lag der globale M2M-Markt im Jahr 2013 noch bei 225 Milliarden US-Dollar, soll der Umsatz bis in fünf Jahren auf knapp 950 Milliarden Dollar hochschnellen, prognostiziert das Beratungshaus Deloitte . Oder anders ausgedrückt: Momentan steckt dieser Markt noch in den Kinderschuhen.

Allerdings zeichne sich ohne Zweifel ab, „dass M2M-Technologie sowohl im B2C- als auch im B2B-Bereich fester Bestandteil des täglichen Handelns sein und die vollständige Vernetzung zur Selbstverständlichkeit werden wird“, sagt Dr. Jens Böcker, Professor für Wirtschaftswissenschaften an der Hochschule Bonn-Rhein-Sieg. Und das „ M2M Adoption Barometer “ des Telekommunikationsriesen Vodafone untermauert diese Aussage mit einer Umfrage: Danach wollen 75 Prozent der 600 international befragten Unternehmen innerhalb der kommenden drei Jahre eine Strategie für die M2M-Kommunikation implementiert haben.

Ein steiniger Weg zum Big Business

Esperanto

Doch so verlockend die Aussicht auf „Big Business“ ist, so steinig und lang ist der Weg dorthin. Denn die Maschine-zu-Maschine-Kommunikation ist nicht unbedingt vergleichbar mit althergebrachten Geschäftsmodellen. So sieht die M2M-Allianz, ein Zusammenschluss verschiedener Unternehmen, darin zwar eine Chance für die deutsche Industrie, bemängelt aber gleichzeitig fehlende Standards: „Einerseits sind M2M-Anwendungen und -Lösungen derzeit noch zu wenig standardisiert. Andererseits gibt es eine Unmenge vorhandener Standards und Standardisierungsaktivitäten“, heißt es in einem Strategiepapier, das im Rahmen des Nationalen IT-Gipfels entwickelt wurde.

Konkret bedeutet das: Die Maschinen unterhalten sich bereits blendend. Nur verstehen sie noch vieles nicht. Das liegt nicht unbedingt nur an fehlenden Standards für dieselbe Sprache. Sondern auch an unzureichender Infrastruktur, um die Kommunikation auch entsprechend zu kanalisieren. Zwar sammeln die meisten Maschinen fleißig Daten, die Übermittlung und Interpretation hingegen bleibt oft auf der Strecke. So entstehen Datensilos, die zwar theoretisch viele Möglichkeiten bieten, praktisch jedoch keinen Mehrwert liefern.

Dazu kommt, dass es im elektronischen Datenverkehr viele Einflussmöglichkeiten von außen gibt, die das empfindliche Gleichgewicht der industriellen Fertigungsprozesse stören können. Es muss ja nicht immer einer der vielzitierten Hackerangriffe sein, der eine Produktionskette lahm legt. Dazu genügt im Zweifel schon eine fehlende Netzwerkverbindung. Denn im Gegensatz zu den bisherigen geschlossenen Systemen entlang der Wertschöpfungskette, kommen bei M2M immer mehr Beteiligte ins Spiel. Deloitte nennt vier wesentliche Komponenten:

  • Hardware, die Daten einsammelt und verarbeitet und die wesentliche physische Infrastruktur bereitstellt.
  • Software zur Steuerung aller Komponenten und Analyse der gewonnenen Daten.
  • Netzwerkprovider, die Daten über das Festnetz und/oder mobile Netze übertragen.
  • Vielfältige Dienstleistungen zur Erbringung ganzheitlicher Projekte und weiterer Leistungen, wie zum Beispiel Systemintegration.

Es wird eng

In allen vier Bereichen ist gleichermaßen Austausch nötig, von interdisziplinärer Kommunikation ganz zu schweigen. Gleichzeitig steigt das Risiko für Störfaktoren in jedem Bereich. Simples Beispiel: Die existierenden drahtlosen Datenleitungen, die zwangsläufig für die Kommunikation notwendig sind, halten der zu erwartenden Datenmenge nicht stand . Gleichzeitig ist die drahtlose Kommunikation bedeutende anfälliger für unberechtigte Lauscher. Um diese Gefahr zu unterbinden hat Siemens etwa eine Mobilnetz-Basisstation für die Industrie entwickelt, mit dem sich ein eigenes Funknetz mit abgesicherten Protokollen aufspannen lässt .

Gleichzeitig gilt es für Unternehmen, die richtigen Geschäftsmodelle zu entwickeln, um M2M als entscheidenden Wettbewerbsvorteil zu nutzen. Der Verband der Internetwirtschaft eco befragte kürzlich 50 Experten aus der mobilen Branche. Dabei stellte sich heraus, dass 29 Prozent der Befragten der Meinung sind, dass die M2M-Technik schon gut erforscht ist, jedoch die entsprechenden Geschäftsmodelle fehlen.

66 Prozent erkennen zwar bereits funktionierende Geschäftsmodelle in den meisten Unternehmen, sehen aber noch deutliche Optimierungspotenziale – nur fünf Prozent sehen keinerlei Verbesserungsbedarf.

An Ideen mangelt es dabei wahrlich nicht. Das amerikanische Unternehmen Cumulocity, ein Spin-off des früheren Handyherstellers Nokia, bietet mit „VendMe“ etwa ein System, das Online-Bezahldienste wie Paypal mit Verkaufsautomaten verbindet. Kunden können damit mit Ihrem Smartphone Produkte auswählen, der Kaufvorgang wird über das Smartphone abgewickelt: Bezahlt wird per PayPal, erst dann wirft der Automat das bezahlte Produkt aus, ferngesteuert über ein eingebautes Telemetrie-Modul. Dumm nur, wenn just dann das Mobilfunknetz streikt, wenn der heiß ersehnte Schokoriegel bezahlt, aber noch nicht ausgeworfen ist.

Die Empfehlung der M2M-Allianz klingt in diesem Zusammenhang fast utopisch: „Es müssen Anreize und regulatorische Randbedingungen geschaffen werden, um in Zukunft nicht nur 100 Prozent der Bevölkerung, sondern auch 100 Prozent der geographischen Fläche Deutschlands (mit Mobilfunk) abzudecken“, heißt es hier .

Oder mit den Worten von Prof. Dr. Jens Böcker von der Hochschule Bonn-Rhein-Sieg: „M2M kommt, aber später, dafür jedoch stärker

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