Digitale Transformation

Digitalisierung? Keine Ahnung und keine Zeit!

Dass die Digitalisierung wichtig ist, haben in den Unternehmen viele Entscheider verstanden. Aber eine Studie zeigt: die meisten haben keine Zeit und auch nicht das richtige Knowhow.

13.06.2016 Lisa Hegemann

Für die digitale Strategie fehlt es an Wissen und Zeit

Dass sie das mit der Digitalisierung ernst nehmen müssen, haben die Unternehmen inzwischen begriffen. Das zentrale Ziel bei neun von zehn ist es, die Zukunftsfähigkeit des eigenen Betriebs zu sichern, wie der nicht repräsentative "Transformationswerk Report 2016" zeigt. Aber nur weil die Erkenntnis mittlerweile in der Chefetage angekommen ist, heißt das nicht, dass sie schon Ziele ausgearbeitet hätte. Im Gegenteil: Gerade einmal 49 Prozent der Unternehmen haben einen übergeordnenten Plan für den digitalen Wandel entwickelt. Jede zweite Firma kann demnach keine digitale Strategie vorweisen.

Was den Unternehmen nach eigener Aussage fehlt: Wissen und Zeit. Jedes Vierte gibt an, dass ihm schlicht das Know-how für die digitale Transformation fehlt. 71 Prozent der Befragten nennen fehlende Zeit als Faktor. Für die Studienautoren Willms Buhse und Ingo Stoll ist das bedenklich. "Das spricht für die Ratlosigkeit der Unternehmen", sagt Stoll im Gespräch mit t3n.de. Denn: Wenn die Betriebe tatsächlich wüssten, was sie machen müssen, würden sie eher nach Geld und Personal fragen, so der Geschäftsführer der hannoverschen Agentur Neuwaerts, die sich auch immer wieder an der CeBIT beteiligt.

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Die Grafik links zeigt, welche Themen Unternehmen bei der digitalen Transformation für relevant halten. Der Balken rechts stellt dar, woran es tatsächlich noch bei den Firmen mangelt.

Das Problem: Die Führungskräfte halten sich selbst schon für sehr viel weiter, als es die Antworten der Mitarbeiter vermuten lassen. So geben 44 Prozent der Unternehmenslenker an, sie seien digital kompetent – von den Mitarbeitern sagen das gerade einmal 14 Prozent über ihre Chefs. Diese Selbstüberschätzung zieht sich durch die komplette Studie. Auch bei dem Grad der derzeitigen Digitalisierung gehen die Meinung teilweise weit auseinander. 31 Prozent der Chefs glauben, ihr Unternehmen sei auf einem guten digitalen Weg. Von den befragten Mitarbeitern sehen das nur 20 Prozent genauso.

Auch in anderen Bereichen zeigt sich diese verzerrte Selbstwahrnehmung der Chefetagen. Das Management sieht sich beispielsweise zu 73 Prozent als wichtigsten Treiber der Transformation. Von den Mitarbeitern sagen das gerade einmal 58 Prozent über die Führungsetage. 60 Prozent von ihnen sehen die Digitalisierung eher als Gesamtaufgabe im Unternehmen. Gleichzeitig glauben 74 Prozent der Führungskräfte, ihre Mitarbeiter gut am Wandel zu beteiligen. Die wiederum sehen das ganz anders: Nur jeder Zweite sieht sich wirklich eingebunden.

Die IT bekommt das schon hin

"Das Management überschätzt seine Fähigkeiten, weil es noch nicht verstanden hat, wie die Digitalisierung eigentlich funktioniert", sagt Studienautor Buhse. Zu häufig würden Führungskräfte noch in Richtung IT-Abteilung schauen und davon ausgehen, dass diese das schon hinbekommen würde. Diese Fehleinschätzung belegt auch die Studie: Demnach halten sich ITler zu 43 Prozent für digital kompetent - die Außenstehenden schreiben ihnen diese Eigenschaft aber zu 46 Prozent zu. "Dabei hängt die Digitalisierung nicht nur mit Infrastrukturthemen zusammen", sagt der DoubleYuu-Chef.

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Die Unternehmensführung hält sich für sehr viel digital affiner, als die Mitarbeiter sie sieht. (Grafik: Transformationswerk Report 2016)

Vielen Firmen fehlt es auch an passenden Produkten. Nur 42 Prozent geben an, digitale Lösungen im Portfolio zu haben. "Diese Zahlen müssen als Alarmsignal interpretiert werden", mahnen die Autoren der Studie. Denn auch der Innovationsgrad der bestehenden Angebote sei nicht messbar. Erfahrungsgemäß stehe der Beweis der Wettbewerbsfähigkeit bei vielen Produkten noch aus.

Das Fazit der Autoren: "Die Wichtigkeit der Digitalisierung haben die Unternehmen verstanden, die Dringlichkeit nicht", so Buhse. Das Problem sehen die beiden Studien-Initiatoren auch in den Strukturen der Firmen. "In der klassischen Management-Schule kommen alternative Denkweisen nicht vor", sagt Stoll. Aber mit der klassischen Denke kämen eben auch nur klassische Lösungen hervor. Er empfiehlt: "Eigentlich müssten Manager Praktika in Startups machen, um sich aus ihren Strukturen herauszulösen und sich zu trauen, neue Wege zu gehen."

Für den "Transformationswerk Report 2016" wurden zwischen Februar und Mai 2016 rund 1.000 Personen befragt. 32 Prozent von ihnen stammten aus der Unternehmensführung, der Rest waren Mitarbeiter aus Bereichen IT oder dem Personalwesen. Der Report entstand in Kooperation der Agentur Neuwaerts und der Managementberatung DoubleYuu.

Auch wenn die Online-Umfrage nicht repräsentativ ist, liefert sie Hinweise dafür, warum es mit der Digitalisierung in vielen großen, mittelständischen und kleinen Unternehmen noch hakt.

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