Digitale Transformation

Die Mär von der deutschen Technophobie

Ist die Technophobie der Deutschen der Grund, warum es kein deutsches Google oder Facebook gibt, fragt sich unser Autor Andreas Weck …

01.04.2015 Andreas Weck

"Deutsche sind Fortschrittsverweigerer", heißt es oft in den Kommentaren sozialer Medien und unzähliger Nachrichtenseiten. Die Deutschen hätten Angst vor der Zukunft, seien paranoid, wenn es um Datenschutz und Privatsphäre im Netz geht und überhaupt liege der einzige Grund, warum es nie ein deutsches Google oder Facebook gegeben hat – und jemals geben wird – allein in der gelebten Technophobie von Manfred Mustermann und seinen Nachbarn. Ja, wir Deutschen müssen uns momentan wieder häufiger die ein oder andere Standpauke anhören, wenn zudem erfolgreiche US-Amerikaner wie Investor Peter Thiel oder Journalist Jeff Jarvis medienwirksam über die "German Angst" sprechen – und nicht zuletzt ihre zerstörerische Kraft für das Allgemeinwohl der Menschheit beschwören. Fahrdienste wie Uber? In Deutschland verboten! Google Street Views? Ja, aber mit dem Recht, die eigene Hauswand zu verpixeln! Recht auf Vergessen?

Natürlich läuft in Deutschland und auch Europa einiges anders als in Übersee. Und nicht alles, was sich deutsche Politiker einfallen lassen, ist aus US-amerikanischer Sicht nachvollziehbar. Fair enough: Was sich der ein oder andere Datenschützer hierzulande im Umgang mit sozialen Netzwerken wünscht, liegt bisweilen auch fern jeglicher Realität.

"German Angst"

Aber sind die Menschen hierzulande deshalb gleich pauschal gegen jede Form von Fortschritt, sind sie Innovationsfeinde – gar technophob? Ich meine: Das ist eine Betrachtungsweise, die bisweilen an Respektlosigkeit und Überheblichkeit grenzt. Denn vieles von dem, was wir in der Vergangenheit als fortschrittlich bezeichnet haben und einiges von dem, was wir aktuell als wegweisend bezeichnen, wurde und wird maßgeblich in Deutschland entwickelt – allen voran so gut wie jede Innovation aus dem 3D-Druck- und dem Energiebereich. Tatsächlich übernimmt Deutschland eine nicht zu verachtende Rolle in der dritten industriellen Revolution, die landläufig auch gerne als digitale Revolution bezeichnet wird.

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Technophobie Fehlanzeige! Jeremy Rifkin stellt fest, dass die Deutschen vor allem bei im Energiebereich dominieren. (Foto: CeBIT)

Wer das nicht glaubt, sollte genauer hinschauen und sich fragen, was eine industrielle Revolution eigentlich ausmacht. Jeremy Rifkin, US-amerikanischer Ökonom, Politik-Berater und Gründungs-Vorsitzender der "Foundation on Economic Trends", hat gerade erst auf der CeBIT darauf hingewiesen, dass sich grundsätzlich während einer industriellen Revolution drei Technologien verändern: Es würden neue Kommunikationswege, neue Energiequellen und neue Transportmöglichkeiten etabliert – in der digitalen Revolution in Form gegossen durch die Kommunikation über das Internet, den Gebrauch erneuerbarer Energien und die Entwicklung selbstfahrender Autos. Glaubt man Rifkins Worten, sind die Deutschen an der Forschung mindestens zwei der genannten Technologien erheblich beteiligt. Und bei genauerer Betrachtungsweise stimmt das auch.

So sorgt die Energiewende hierzulande seit Jahren für frische Forschungsgelder und Innovationen in Sachen alternativer Energien, um sich vom Atomstrom und fossilen Energiequellen abwenden zu können. Hier übernimmt Deutschland mit großem Abstand sogar die Vorreiterrolle – weltweit. Zudem sind die deutschen Autohersteller, allen voran Daimler, seit Jahren mit viel Innovationseifer dabei, das selbstfahrende Auto zu realisieren und serientauglich zu machen – noch in diesem Jahr sollen Autos auf einer Teststrecke im Autobahnverkehr der A9 mitfahren. Nein, es sind nicht nur Google und Tesla auf dem Gebiet unterwegs, auch wenn man das annehmen könnte, da zumindest Google es besser versteht, seine Ambitionen laut in der Presse zu kommunizieren.

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Alternative Energiequellen bilden einen Teil der dritten industriellen Revolution. (Bild: Klaus Eppele - Fotolia.com)

Es ist nicht die Technophobie, die die Deutschen vom Amerikaner unterscheidet

Dass die Deutschen sich nicht verstecken müssen, was ihren Anteil am Fortschritt und der digitalen Revolution angeht, muss nicht nur erwähnt, es muss meines Erachtens auch unterstrichen werden. Worüber sich meiner Meinung nach viel eher diskutieren lässt, sind die kulturellen Unterschiede, wenn es darum geht, wie sich Technologien und Unternehmen im gesellschaftlichen Alltag zu integrieren haben. Und worüber vor allem diskutiert werden kann, ist die Frage, welche Rolle der Mensch als Faktor im Marktgeschehen spielt. Hier findet sich nämlich der eigentliche Unterschiede zwischen den USA und Deutschland – und der hat mit Technophobie so gar nichts zu tun.

Während meiner Zeit in den Vereinigten Staaten habe ich vor allem eins mitbekommen: Das oberste Gebot für die Politik dort ist es, die unternehmerische Freiheit sicherzustellen. Auf das "Free-Enterprise"- und das "American-Dream"-Versprechen der Landesväter fußt so gut wie alles in den Vereinigten Staaten. Darauf wurde der Staat aufgebaut.

Es wird nur ungern über Risiken und Gefahren geredet, wenn es um die Aktivitäten von Unternehmen geht. Und sogar Steuern, die dem Allgemeinwohl zukommen, sind verpönt – sie bremsen halt den Fortschritt, da die Gelder nicht neu investiert werden können. Autobahnen, Nahverkehr, Krankenhäuser und Schulen sind zu einem gehörigen Teil privatisiert – auch das ein Zugeständnis an die unzähligen Unternehmen, die aus der Versorgung der Bürger Profit schlagen wollen. So gut wie alle möglichen Hürden, die das Geschäft beeinträchtigen könnten, werden so klein wie möglich gehalten und bisweilen sogar ganz abgebaut. Und das wirkt sich vor allem auf Bereiche des Verbraucher-, aber auch des Arbeitsschutzes aus, der in den USA verglichen zu Deutschland an vielen Stellen geradezu katastrophal ist.

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Das oberste Gebot für die Politik in den USA ist es, die unternehmerische Freiheit sicherzustellen. (Bild: Andrea Izzotti - Fotolia.com)

Verbraucherrechte werden der unternehmerischen Freiheit in den USA untergeordnet

Was all das mit dem eigentlichen Thema zu tun hat? Eine Menge, denn dass es Unternehmen wie Google und Facebook – die es laut Kritikern nie in Deutschland geben wird – in den USA gibt, hängt stark damit zusammen, dass sie sich dort kaum um derartige Themen kümmern müssen. Datenschutz bedeutet nun mal Verbraucherschutz – und dass der vor Snowden sogar bei den ganz Großen nur stiefmütterlich behandelt wurde, erkennt man dieser Tage auch daran, wie sie auf einmal alle versuchen, ansatzweise ihre Dienste, Server und Datenleitungen auf den neuesten Stand zu bringen und zu verschlüsseln.

Es hat sie vorher keiner dazu angehalten. Und genau das würde es in Deutschland nie geben – denn hier spielt der Mensch, spielen der Kunde und seine Rechte, eine viel größere Rolle. Es liegt mir fern zu entscheiden, welches System das bessere ist. Aber wenn wir darüber reden, warum es große Internetkonzerne fast ausschließlich in den USA gibt und dass das auf die Technologiefeindlichkeit der Deutschen zurückzuführen sei, kann ich dem einfach nicht zustimmen.

Wir haben uns als Gesellschaft dazu entschieden, dass der Mensch eine starke Rolle in der Marktwirtschaft einnehmen soll und das führt dazu, dass Unternehmen nicht ungebremst nach vorne gehen können. In den USA spielt der Mensch zwar auch eine Rolle, sie bekommt jedoch nicht ansatzweise so eine Bedeutung zugeschrieben, wie die unternehmerische Freiheit. Das und die Vorsicht der deutschen Investoren sind die Gründe, warum bisher kein Google oder Facebook in diesem phänomenalen Tempo in Deutschland wachsen konnte.

Ich persönlich mag zwar die "Lass-das-mal-anpacken"-Mentalität in Übersee, aber ich bin auch ganz froh, wenn das im Einklang mit gewissen sozialen Regeln geschieht. Und nicht zuletzt bedeutet die digitale Revolution auch wesentlich mehr als nur eine Suchmaschine oder ein soziales Netzwerk zu etablieren. Wir tragen unseren Teil an anderer Stelle bei.

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