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Die FinTech-Euphorie und ihre Grenzen

Seit Jahren gibt es die Hoffnung, dass das Internet zu einer Revolution des Finanzsystems führt – die Realität sieht bisher anders aus.

29.04.2015 Martin Weigert

Vom Auszahl- zum Einzahl-Automaten in 20 Sekunden

Fintech
Geld abheben, um es direkt wieder einzuzahlen ist manchmal die einzige Lösung.

Einmal pro Monat marschiere ich, ausgestattet mit zwei Geldkarten, zu einer der zentralen Straßen in dem 50.000-Seelen-Ort im Umland von San Francisco, in dem ich aktuell wohne. Mit der einen Karte – der Debitkarte meiner europäischen Bank – hebe ich ein paar hundert Dollar vom Geldautomaten der Mechanics Bank ab. Das ist eines der wenigen Finanzinstitute in Kalifornien, das für das Abheben mit Karten von Fremdbanken keine gesonderte Gebühr verlangt. Danach überquere ich die Straße und füttere den Einzahl-Automaten der Wells Fargo Bank mit exakt der gleichen Summe, die ich 30 Sekunden vorher abhob.

Das klingt absurd, ist aber Realität: So zahle ich Monat für Monat meine Miete. Ich wohne bei meiner Freundin, die in den USA studiert und die nur bei einer US-Bank Kundin ist. Obwohl wir das Jahr 2015 schreiben, ist der komische Umweg über das Papiergeld die kostengünstigste aller Varianten, um ihr meine Miete zukommen zu lassen. Jede elektronische Methode zum Transferieren von Geld zwischen Europa und den USA bringt entweder zusätzliche Gebühren, deutlichen Mehraufwand oder eine längere Wartezeit mit sich. Ob PayPal (relativ hohe Gebühren), TransferWise beziehungsweise Azimo (dauert etwas) oder Bitcoin (für Laien kompliziert, Kursschwankungen) – einen Haken hat jede Methode, zumindest bislang noch.

Diese verrückten Schecks

Immerhin, auch wenn es antiquiert anmutet – mein Verfahren funktioniert wenigstens recht simpel. Sehr viel komplizierter wird es, wenn man als Europäer im Ausland mit einem Scheck arbeiten muss.

Richtig, ich spreche von den archaischen Zahlungsanweisungen in Papierform, die bei uns nahezu ausgestorben sind. In Nordamerika dagegen stellt der Scheck noch immer eine verbreitete Form des Zahlungsmittels dar. Für die meisten Bürger ist das Scheckbuch ein ständiger Begleiter. Viele zahlen per Scheck ihre Miete und erhalten so auch ihr Gehalt.

Ich kam nun letztens in die eigentlich erfreuliche Situation, dass ich einen Scheck der Fluggesellschaft Air Canada entgegen nehmen konnte. Es ging um eine Kompensationszahlung dafür, dass ich in einem Überbuchungsszenario freiwillig auf einen späteren Flug auswich. Das Dumme daran: Der Betrag kam als Scheck in kanadischen Dollar an meine temporäre US-Adresse.

Schnell stellte sich heraus, dass das Geld eine Weile außerhalb meiner Reichweite bleiben würde. Denn bei allen amerikanischen Banken hieß es, dass man für Nicht-Kunden keine Schecks in fremden Währungen und/oder von fremden Finanzinstituten einlösen würde. Da auf dem Scheck mein Name stand, war auch das Einlösen über meine Freundin und ihre Bank keine Option.

Also rief ich aus den USA bei meiner europäischen Bank an und erkundigte mich über die Möglichkeit einer telefonischen Abwicklung des Scheck-Einlösens. Man bemitleidete mich regelrecht (Tenor: "Ja, die Nordamerikaner und ihre Schecks ... Wir stellen die gar nicht mehr aus"). In jedem Fall sei ich gezwungen, persönlich in eine Filiale zu kommen. Für das Einlösen des Schecks falle zudem eine Bearbeitungsgebühr in Höhe von rund 30 Euro an).

Schließlich nahm ich Kontakt mit der Fluggesellschaft auf, die versprach, mir einen neuen Scheck zuzusenden. Mit dem Namen meiner Freundin als Empfängerin.

FinTech-Versprechen bleiben uneingelöst

Beide beschriebenen Erlebnisse stellen spezielle Fälle dar, die nicht repräsentativ für den Durchschnitt der Konsumenten sind. Jedoch existiert ein schier unendliches Spektrum an individuellen Spezialfällen. Alle Menschen, die häufiger reisen, die Geschäfte oder Transaktionen in verschiedenen Ländern tätigen oder deren berufliche oder private Situation Interaktion und Kommunikation über Ländergrenzen hinweg erfordert, werden irgendwann mit einem solchen Fall konfrontiert.

Spätestens dann erkennt man: Das weltweite Finanz- und Geldsystem ist auch heute noch Lichtjahre von dem Zustand entfernt, den FinTech-Firmen und globale Player im Bezahl- und Transaktionsgeschäft uns seit so langer Zeit versprechen.

Sicherheits- und Geldwäsche-Gesetze sind dafür ebenso verantwortlich wie die Furcht der Banken vor Bedeutungsverlusten und dem Wegbrechen der lukrativen Bearbeitungsgebühren. Altertümliche technische Systeme sowie eine konservative Haltung vieler Marktteilnehmer tragen auch ihren Teil dazu bei, dass die im Kontext der Digitalisierung so gerne zitierte "Disruption" beim grenzübergreifenden Geldfluss nur im Schneckentempo vorankommt.

Wir Europäer sind, trotz aller Probleme mit dem Euro, durch den einheitlichen Euro-Zahlungsverkehrsraum (SEPA) schon ziemlich verwöhnt. Global betrachtet ist es bislang noch keinem Digitalakteur und keiner virtuellen Währung gelungen, grenzüberschreitende Geldtransfers so günstig, komfortabel und zeitsparend zu machen, wie es die weiter oben beschriebene Automat-zu-Automat-Transaktion über das Hilfsmittel Papier garantiert. Deutlicher kann es kaum werden: Bis das monetäre System der Globalisierung und weltweiten Vernetzung nachgezogen hat, wird noch sehr viel Zeit vergehen.

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