Digitale Transformation

Der Begriff "Digitale Transformation" ist falsch

"Digital Transformation" ist in den letzten zwei Jahren zum Schlagwort schlechthin geworden. Heute transformiert jeder irgendwas.

22.04.2015

Das ist erstmal gut so, weil es endlich den Fokus weg vom Insellösungsdenken hin zu einer eher grundsätzlichen, strategisch geprägten Vorgehensweise legt. Auf der anderen Seite ist der Begriff „Digitale Transformation” auf nicht ungefährliche Weise irreführend. Dies in beiden Dimensionen „Digital“ und „Transformation“. Lass mich erklären warum.

Nicht nur "Transformation"

Bei vielen Entscheidungsträgern ist inzwischen angekommen, dass die Wandlung der Gesellschaft hin zum Digitalen starke Auswirkungen auf die Wirtschaft hat und dass daher Handlungsbedarf besteht.

Transformation impliziert einen Prozess der einen Anfang und ein Ende hat.

In Gesprächen mit Entscheidungsträgern stelle ich immer wieder fest, dass das eben auch so wahrgenommen wird. Sprich: Man überbrückt einen Rückstand, transformiert sein Unternehmen, macht sich fit für die Digitale Transformation und geht davon aus, dass danach erst einmal gut ist.

Die Wirklichkeit ist jedoch eine ganz andere: der technologische Fortschritt beschleunigt sich exponentiell und es kommen in immer kürzeren Zeitabständen neue Technologien auf den Markt. Natürlich werden bei weitem nicht alle Technologien von der Gesellschaft sofort und bedingungslos angenommen. Sobald aber eine Technologie dafür eingesetzt wird, das Leben der Menschen zu vereinfachen und/oder von Leid zu befreien, wird sie übernommen. Der Mensch ist unglaublich schnell darin. Dass die Menschheit mit dem technologischen Fortschritt nicht mithalten könnten, er das nicht begreifen könne ist ein kurzsichtiges Märchen. Eine solche Geisteshaltung mag auf einzelne Generationen für eine gewisse Zeit zutreffen. Die Geschichte von Mensch und Technologie hat aber gezeigt, dass der Mensch unglaublich schnell und flexibel ist, wenn es darum geht, neue Dinge (auch radikale) anzunehmen. Diese Dinge müssen ihm nur ganz konkret etwas nutzen.

d!conomy Digitale Transformation - Vernetzte Wirtschaft: Digital oder nichts
Die "Digitale Transformation" ist in aller Munde.

Das glaubst du nicht? Machen wir ein Gedankenexperiment: Stell dir vor, dass du komplett gegen Stammzellenforschung bist. Du lehnst alles, was damit zu tun hat, ab. Dein Kind ist nun aber leider tödlich erkrankt und die einzige Hoffnung wäre eine Therapie welche auf Stammzellenforschung basiert. Wie würdest du entscheiden? Ich weiss du würdest sich für die Therapie entscheiden. Gerade eben weil wir human sind. Wir geraten hier in ein philosophisches und ethisches Spannungsfeld von dem ich denke jeder muss für sich Antworten finden.

Entscheider in Unternehmen tun also gut daran zu verstehen, dass das was sie jetzt als Digitale Transformation kennengelernt haben in Tat und Wahrheit erst der Anfang einer Ära ist, in der die Wirtschaft grundlegend umgebaut wird und deren Akteure nach ganz anderen Gesetzmässigkeiten zu agieren haben.

Das sind grundlegende Umwälzungen, welche die Art wie wir Leben, wie wir unseren Lebensunterhalt bestreiten, wie wir als Gemeinschaft agieren tiefgreifend beeinflussen werden. Dabei wird es gesellschaftliche und wirtschaftliche Verlierer geben. Das kann tragisch für den einzelnen sein, war aber schon immer so. Und es wird für die meisten Menschen doch ein besseres Leben bedeuten. Das war auch schon immer so, wenn wir die technologische Entwicklung ansehen. Wandel ist am Anfang immer schmerzhaft, weil er heisst sich von Vorstellungen, Investitionen, Erwartungen zu verabschieden und sich auf Neues einzulassen. Diese Fähigkeit wird von Unternehmensleitern in Zukunft stark gefordert werden. Jene die das meistern werden die Gewinner dieser Veränderung sein.

Nicht nur "Digital"

Digital impliziert, dass die Veränderungen in der Gesellschaft und damit in der Wirtschaft nur von Informationstechnologien getrieben sind.

Vorallem durch das Aufkommen von Smartphones und Mobilnetzen ist diese IT-Entwicklung für alle offensichtlich. Die Fortschritte in anderen technologischen Bereichen sind aber genau so durchschlagend und weil vermehrt Technologiekombinationen in Produkten zum Einsatz kommen auch viel umfassender. Die Fortschritte die in den vergangenen 5 Jahren in der Medizin gemacht worden sind, sind nicht minder bedeutend. Sie sind aber nicht so omnipräsent im alltäglichen Leben. Zum Glück muss man sagen – wer befasst sich schon gerne freiwillig mit Krankheit.

Unternehmer die nur auf die Digitalisierung setzen, werden daher mit anderen Technologien die in ihre Branche kommen wiederum Erweckungserlebnisse haben. Sie werden wieder überrascht werden wie bereits vor fünf Jahren mit der Digitalen Transformation.

Buzzwords sind lächerlich, haben aber einen Zweck

Natürlich sind Buzzwords lächerlich und die IT- und Web-Industrie ist geradezu meisterlich darin, immer wieder neue Begriffe zu propagieren. Trotzdem sind sie wichtig: In einem schnell wandelnden Umfeld sorgen sie dafür, dass die Marktteilnehmer sich mit Themen auseinandersetzen. Zuerst vielleicht nur oberflächlich, mit der Zeit aber tiefergreifend. So ist es auch mit dem Buzzword „Digital Transformation“. So langsam glaube ich, es ist überall in den Köpfen angekommen, dass es technologische Herausforderungen gibt, die angegangen werden müssen. Damit hat das Buzzword „Digital Transformation“ seinen Dienst getan. Es kann guten Gewissens ausgemuster werden – wie du oben lesen kannst bin ich der Meinung es muss eben auch ausgemustert werden, weil es irreführend ist.

Digitale Transformation: Ein neues Buzzword muss her

Und trotzdem müssen Entscheidungsträger sensibilisiert werden, dass

  • 1. Die technologischen Verbesserungen in einem bislang nie gesehen Tempo weitergehen
  • 2. dass das was als Digitale Transformation in Unternehmen Einzug gehalten hat nur der Anfang ist,
  • 3. dass daraus ein konstanter, intensiver Change-Prozess in jedem Unternehmen etabliert werden muss
  • 4. und dass es die Aufgabe der Unternehmensleitung ist diesen Change-Prozess zu kuratieren und zu fördern

Wie könnte man das in ein oder zwei Worte fassen? So, dass es alle die Kongressgänger grad verstehen? „Industrie 4.0“, „Enterprise 4.0“ und „Technological Revolution“ sind es nicht.

Ein Begriff der die Herausforderung viel besser umschreiben würde ist meiner Meinung nach „Perpetual Disruption“. Er macht auf der einen Seite klar, dass sich der Veränderungsprozess immerwährend fortsetzt und dass auf er auf der anderen Seite eine umbrechende, tiefgreifende, Dimension hat. Denn genau darum geht es bei den zukünftigen unternehmerischen Herausforderungen.

Dieser Artikel wurde verfasst von Alain Veuve.

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