Web-Technologien

Darum zahle ich künftig für meine Mails

Unser Autor Stephan Dörner hat googlemail den Rücken gekehrt und zahlt künftig für seine Mails. Hier sagt er, warum.

15.04.2015 Stephan Dörner

Ich nutze zahlreiche Google-Dienste – viel und häufig. Ich lasse mich von Google Maps auf meinem iPhone durch Berlins öffentlichen Nahverkehr und die Welt navigieren, speichere zahlreiche Dokumente bei Google Drive, damit sie überall verfügbar sind, trage Termine in Google Calendar ein und nutze sogar Googles Webbrowser Chrome auf mehreren Geräten. Und wann immer ich irgendetwas im Web finden will, greife ich natürlich so gut wie immer zur Google-Websuche, die allen anderen immer noch weit überlegen ist.

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Gmail – der viel gelobte E-Mail-Dienst von Google. (Foto: Mario Pena / Flickr Lizenz: CC BY-SA 2.0)

Auch meine E-Mails habe ich Google lange anvertraut – Gmail war der mit Abstand beste E-Mail-Dienst, den ich bis dato gekannt hatte. Und das gilt bis heute: Das Webinterface ist großartig und responsive, der Speicher mehr als großzügig bemessen, die Zuverlässigkeit auf Enterprise-Niveau und die Suche – naja, über die perfekte Suche brauche ich bei Google vermutlich nichts zu sagen.

Dennoch habe ich Googles fantastischem E-Mail-Dienst den Rücken gekehrt – und das nicht aufgrund der Aufdeckung des NSA-Spionageprogramms PRISM durch die Snowden-Dokumente, an dem laut Washington Post und Guardian neben Microsoft, Facebook, Yahoo, Apple, AOL, Patalk auch Google beteiligt gewesen sein soll . Möchte ich, dass eine Kommunikation sicher vor Spionage ist, überrede ich meinen Kommunikationspartner dazu, E-Mail-Verschlüsselung mit GnuPG einzusetzen – einen anderen Weg als starke Verschlüsselung gibt es in diesem Fall nicht.

Wer ein Problem mit einem Google-Dienst hat, ist auf sich allein gestellt

Mein Wechsel von Google zum deutschen Anbieter Posteo hatte einen anderen Auslöser. Dass Googles Dienste gratis und die Nutzer damit das Produkt für Werbekunden sind und nicht selbst die Kunden, stört mich in der Regel nicht. Ich bin mir darüber bewusst, mit meinen Daten und als Empfänger von Werbebotschaften zu bezahlen, und ich bin der Meinung, dass Google damit fair und transparent umgeht. Google gibt unter dem Menüpunkt Anzeigeneinstellungen sogar jedem Nutzer die Möglichkeit, auf persönliche Interessen zugeschnittene Werbung durch Google im Web und in der Suchmaschine zu deaktivieren und offenbart sogar teilweise, was es über den Nutzer zu wissen glaubt .

Mein Problem mit dem fehlenden Kundenstatus gegenüber Google sind nicht die Datenschutz-Bedenken, sondern eine Frage, die ich lange nicht gestellt habe: Was ist, wenn ich mal Support brauche? Was, wenn etwas richtig schief geht? In der Regel passiert das bei Google-Diensten nicht. Doch im Falle von E-Mails ist mir das Risiko zu hoch, dass es dann doch mal passieren könnte. Wer ein Problem mit einem Google-Dienst hat, ist auf sich allein gestellt. Es gibt keinen Support, weil die Nutzer keine Kunden sind.

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"Mein YouTube-Account hat mir die Augen geöffnet."

Mein YouTube-Account hat mir in dieser Hinsicht die Augen geöffnet: Vor vielen, vielen Jahren, als YouTube noch lange nicht zu Google gehörte, habe ich mein damals für mich völlig nutzloses YouTube-Konto mit einem Bekannten geteilt. Er wollte sich aus irgendwelchen Gründen nicht bei YouTube anmelden – und mir war der Videodienst damals einfach egal. Meinen Account nutze der besagte Bekannte, um massenweise Mitschnitte aus dem Online-Rollenspiel World of Warcraft hochzuladen, die mit Musik unterlegt waren. Die Videos erreichten zum Teil Hunderttausende Zuschauer.

YouTube verwarnte meinen Account mehrmals wegen fehlender Rechte an der Musik, ohne dass ich das damals mitbekam oder mich darum kümmerte – ich weiß es schlicht nicht mehr. Den besagten Bekannten ärgerte das und er lud die Videos immer wieder hoch, bis der YouTube-Account gesperrt wurde.

Bis heute ist mein ehemaliger YouTube-Account, der inzwischen ein Google-Account geworden ist, bei YouTube gesperrt. Ich kann mich also beispielsweise nicht einloggen, wenn ich ein Video ansehen will, das Google als FSK 18 gekennzeichnet hat. Ich kann keine Videos hochladen, bewerten oder kommentieren. Für all das müsste ich mich in einen anderen Google-Account mit anderer E-Mail-Adresse einloggen – allerdings bin ich alleine wegen meiner Termine und Google Drive immer mit meinem alten Google-Konto, das mit einer Gmail-Adresse verknüpft ist, eingeloggt.

Google: Was es bedeutet, Produkt und nicht Kunde zu sein

Das alles ist kein Drama – aber es ist unbequem. Zurecht, kann man sagen – ich hätte vor vielen Jahren niemals einem anderen Zugriff auf mein Konto gewähren dürfen. Was mich allerdings an der Erfahrung schockiert hat, ist die Tatsache, dass ich auf allen möglichen Wegen – mein Status als Journalist bewusst ausgeklammert – versucht habe, Google wegen dieser Sache zu kontaktieren. Ich habe vor einigen Jahren an die offizielle Support-E-Mail-Adresse von Google, die schwer zu finden war, auf Deutsch und English geschrieben. Ich habe mich im offiziellen englischsprachigen YouTube-Hilfe-Forum an Google gewandt. In beiden Fällen gab es keine Ablehnung meiner Bitte, den Account wieder zu aktivieren – die Anfragen wurden von Google einfach komplett ignoriert.

Da erst wurde mir klar, was es in letzter Konsequenz bedeutet, Produkt und nicht Kunde zu sein: Als Nutzer hat man bei Google nur noch mit Algorithmen zu tun, niemals mit Menschen. Anders ließe sich die gut geschmierte Google-Maschinerie aus Gratis-Massendiensten, die per Werbung finanziert werden, vermutlich auch gar nicht aufrechterhalten – oder zumindest nicht so profitabel.

Ich lasse mich weiter von Google durch die Stadt navigieren, verwalte meine Termine in der Google-Cloud und nutze die Websuche – niemand kann das alles besser. Doch wenn es wirklich wichtig wird, vertraue ich lieber auf ein Unternehmen, das ich bezahle, sodass es sich leisten kann, dass ich mich im Notfall an echte Menschen richten darf, die mich als Kunden sehen, dem geholfen werden sollte.

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