Job & Career

Auf der Jagd nach der Arbeitsproduktivität

Ökonomen sind seit Jahrzenten auf der Suche nach dem entscheidenden Effekt in der Arbeitsproduktivität.

25.02.2015 Stephan Dörner

Computer und die Digitalisierung haben unsere Arbeitswelt so grundlegend revolutioniert wie zuvor nur Dampfmaschine und Industrialisierung. Doch wie Stephan Dörner in seiner Neuland-Kolumne feststellt, sind Ökonomen seit Jahrzehnten vergeblich auf der Jagd nach dem Effekt dieser Revolution in der Arbeitsproduktivität. Ein Erklärungsversuch.

Als Arbeitsproduktivität bezeichnet man in der Ökonomie das Verhältnis von eingesetzter menschlicher Arbeitskraft zur Produktivität – also dem Ergebnis dieser Arbeit. Je mehr mit weniger Einsatz erreicht werden kann, desto günstiger fällt die Arbeitsproduktivität aus. Die Arbeitsproduktivität kennt weltweit – mit wenigen historischen Ausnahmen wie in einigen Ländern während der Finanzkrise – immer nur eine Richtung: Sie verbessert sich. Durch technischen und organisatorischen Fortschritt wird mit immer weniger menschlicher Arbeit immer mehr erreicht.

Auf technische Revolutionen der Arbeitswelt wie die Erfindung des Pflugs, der Dampfmaschine oder der industriellen Massenfertigung folgt in der Regel ein Produktivitätssprung. Statt der gewohnten stetigen Verbesserung der Arbeitsproduktivität explodiert sie geradezu, was zu schnellen Wohlstandsgewinnen in den Volkswirtschaften führt.

Wären wir ohne Ablenkungen produktiver?

Produktivität

Ein solcher Produktivitätsschub durch neue IT- und Kommunikationstechnologie ist ausgeblieben, wie zahlreiche empirische Studien zeigen – trotz weit verbreiteter gegenteiliger Erwartungen. Ökonomen sprechen daher vom Produktivitätsparadoxon . Trotz massiven Einsatzes von Computer- und Kommunikationstechnik insbesondere im Dienstleistungssektor wuchs die Produktivität nur weiter in gewohntem Maß, anstatt den von vielen erwarteten Sprung zu machen. Der US-Ökonomen Robert Solow prägte 1987 dazu den Satz

„Das Computerzeitalter ist allgegenwärtig sichtbar, nur in der Produktivitätsstatistik nicht“.

Als mögliche Gründe diskutieren Ökonomen seit Ende der 1980er-Jahre zahlreiche Ideen. Sie reichen vom falschen oder ineffizienten Einsatz der Technik über Managementfehler bis zur Theorie, dass sich mehr Informationen möglicherweise negativ auf die Arbeitsproduktivität auswirken oder IT-Anschaffungen einfach mit einem zu hohen Aufwand verbunden sind. Der durchschnittliche Büromitarbeiter mag sich vielleicht auch mal überlegt haben, ob er an einer Schreibmaschine ohne Ablenkungen durch Facebook, eBay und Co. vielleicht produktiver wäre.

Ähnlich wie während der Computerrevolution der 1980er argumentieren auch heute wieder Ökonomen wie der US-Wirtschaftsforscher Robert J. Gordon, dass die aktuelle Smartphone-Revolution keine erkennbar positiven Effekte auf unsere Produktivität habe. Sie trügen „absolut gar nichts“ zur Produktivität der Arbeitnehmer bei, zitierte ihn das Wall Street Journal .

Ohne Google Maps auf meinem Smartphone wäre ich verloren

Doch heißt das, dass die Computer-, Internet- und Smartphone-Revolution uns insgesamt nicht wesentlich reicher gemacht hat? Das kommt darauf an, wie dieser Reichtum gemessen wird. Produktivität misst die eingesetzte Arbeit im Verhältnis zur Wertschöpfung. Und Wertschöpfung entsteht nach den Modellen der Ökonomen nur dort, wo Geld bezahlt wird.

Dabei ist gerade durch Internet und Smartphones sehr viel Wert entstanden, der sich aber nirgendwo in wirtschaftlich gemessener Wertschöpfung widerspiegelt. Ohne Google Maps auf meinem Smartphone wäre ich verloren. Täglich nutze ich E-Mails, Facebook und Messenger zur Kommunikation – alles kostenlos. Und natürlich schaue ich regelmäßig bei Wikipedia nach, von anderen kostenlosen Quellen im Internet, die ich über die ebenfalls kostenlose Websuche von Google finde, ganz zu schweigen.

Sicher, bei Google und Facebook werden Werbeanzeigen geschaltet – und das Geld für die Anzeigen fließt in die Messung des Bruttoinlandsprodukts, also die Messung der Wertschöpfung einer Volkswirtschaft, ein. Doch das Geld steht in keinem Verhältnis dazu, welchen Wert die zahlreichen kostenlosen Dienste des Internets den Nutzern bringen.

Menschen helfen sich – ohne, dass dafür Geld fließt

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Zwischen einem Computer 1990 für 1.000 D-Mark und einem Computer heute für 500 Euro liegen Welten. (Foto: possan / flickr.com, Lizenz: CC-BY)

Im Internet werden jeden Tag unzählige wertvolle Informationen ausgetauscht. Menschen helfen sich gegenseitig bei technischen und anderen Problemen – alles ohne, dass dafür Geld fließt. Auch hier kein Beitrag zum Wachstum, wie es Ökonomen klassisch messen. Ebenfalls unter den Tisch fällt bei der Messung des Wirtschaftswachstums der technische Fortschritt: Zwischen einem Computer 1990 für 1.000 D-Mark und einem Computer heute für 500 Euro liegen Welten – für das Bruttoinlandsprodukt aber sehen beide Computer gleich aus. Die USA haben zwar einen Fortschrittsfaktor in ihrer BIP-Berechnung, der ist allerdings pauschaliert und pumpt das US-Wachstum unabhängig vom tatsächlichen Fortschritt auf.

Und schließlich misst das Bruttoinlandsprodukt auch nur wirtschaftliche Aktivität, für die Geld bezahlt wird. Ob sie nützlich oder schädlich ist und aus welchen Gründen sie geschieht, bleibt unbeachtet. So fließt das Benzin, das wir im Stau verbrennen ebenso in die wirtschaftliche Gesamtrechnung mit ein, wie das Geld für Krebsmedikamente oder die Kosten für die Beseitigung einer Ölpest.

Es wird Zeit, sich an neuen Indikatoren zu orientieren

So lange unsere Wirtschaft noch von Mangel geprägt war – und damit klar war, dass vier Eier besser sind als zwei – waren Bruttoinlandsprodukt und Wachstum noch Messgrößen, an denen sich eine Wirtschaftspolitik orientieren konnte. Inzwischen gibt es zahlreiche neue Ansätze wie beispielsweise den „Genuine Progress Indicator“ . Er soll messen, ob das Wirtschaftswachstum eines Landes tatsächlich zu steigendem Wohlstand beziehungsweise Wohlbefinden führt.

Auch die starke Veränderung unseres Lebens durch die Computerrevolution, die bislang in den Wirtschaftsstatistiken kaum zu sehen ist, zeigt: Es wird Zeit, sich an neuen Indikatoren zu orientieren, wenn es darum geht, Wohlstand zu messen.

Auch der amerikanische Ökonom Jeremy Rifkin beschäftigt sich mit der Frage der Digitalisierung und den Folgen für die Wirtschaftssysteme. Er sagt in senem neuen Buch nichts weniger als den Niedergang des Kapitalismus voraus und gleichzeitig den Beginn einer sozialen Gemeinschaft. Wer Rifkin live erleben möchte, hat während der CeBIT Global Conferences in Hannover die Chance. Er wird dort am Dienstag, den 17.März am Nachmittag auf der Bühne in der Halle 8 stehen und die Thesen aus seinem jüngsten Buch „Die Null-Grenzkosten-Gesellschaft“ vertreten. Ein sicher sehr spannender Beitrag zur Diskussion rund um die rasante Digitalisierung der Wirtschaft.

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