Der Breitband-Ausbau schreitet voran. Aber benötigen wir wirklich UMTS bis in den letzten Winkel? Sicherlich nicht. Dennoch eröffnet die Verfügbarkeit von Telekommunikationsnetzen mit hohen Bandbreiten die Chance für neue Geschäftsmodelle und neue Arbeitsplätze. Ein Interview mit Dr. Mario Tobias vom Branchenverband BITKOM.


Wir haben in Deutschland doch eine gut ausgebaute Internet-Landschaft. Viele Menschen haben einen Internet-Anschluss, Unternehmen sind vernetzt und wickeln einen Teil ihrer Geschäftsprozesse über das Internet ab. Was würde passieren, wenn einer der großen Backbones plötzlich ausfallen würde?
Die Folgen eines Ausfalls des Internets wären nicht abzuschätzen. Viele privaten Anwender würden sicherlich verzweifeln. Zu sehr haben wir uns daran gewöhnt, fast immer aufs Internet zugreifen zu können. Die volkswirtschaftlichen und gesellschaftlichen Folgen des Ausfalls eines Class-A-Netzes in Deutschland wären dramatisch. Jedes Unternehmen wäre betroffen. Am schlimmsten träfe das sicherlich Banken und Behörden, und alles, was Sie heute an Services aus der Cloud gewöhnt sind, stünde plötzlich nicht mehr zur Verfügung.

Wie weit sind wir von dieser Gefahr entfernt?
Zum Glück sehr weit. Als im November 2005 im Münsterland Hochspannungsmasten wegknickten - und das war bezogen auf unsere Versorgungsinfrastruktur schon ein GAU - hat die Kommunikationsinfrastruktur funktioniert.

Was lässt Sie da so sicher sein?
Da gibt es zum Beispiel Konzepte wie das Cloud-Computing. Die Daten werden heute meist nicht mehr nur an einem Ort gespeichert. Die Verteilung auf verschiedene Rechenzentren schafft auch ein gewisses Maß an Hochverfügbarkeit. Und wie stabil die Internet-Infrastruktur ist, haben wir erst jüngst bei dem schweren Erdbeben in Haiti gesehen. Fast alle technischen und organisatorischen Infrastrukturen sind zusammengebrochen, das Internet funktionierte aber in weiten Bereichen. Dennoch wünschen wir uns, dass unsere Netze noch sicherer und schnellerer werden.

Wie stehen wir im internationalen Vergleich da?
Viele Länder beneiden uns um unsere, im internationalen Vergleich hervorragende, Infrastruktur. Das gilt für die Kommunikationsnetze ebenso wie für die Energie- oder Wasserversorgung. Doch es kommen neue Herausforderungen auf uns zu. Ein Beispiel sind die so genannten Smart Grids - die Anforderungen an "intelligente" Netzinfrastrukturen, die auch die unstete Lastverteilung sowie Schwankungen in der Energieversorgung durch die Nutzung von erneuerbaren Energien abfedern können. Hier wird seitens der Bundesregierung noch zu wenig investiert. Für die aktuellen Forschungsprogramme im Bereich E-Energy steht in Deutschland nur ein Bruchteil dessen zur Verfügung, was z.B. in den USA investiert wird. Dort sind es etwa vier Milliarden Dollar. Wir müssen hier aufpassen, nicht den Anschluss zu verlieren.

Welche Unterstützung braucht also die ITK-Branche?
Als BITKOM wollen wir herausfinden, wo Politik, Länder, Kommunen und Industrie zusammenarbeiten müssen - wo der eine in Vorleistung gehen und der andere unterstützen kann. Unsere Branche ist bereit, viel zu investieren - aber alleine funktioniert es nun einmal nicht. Deswegen freuen wir uns sehr über die sehr gute Kooperation mit der Bundesregierung, die sich nachhaltig zum Ausbau der Breitband-Infrastruktur bekannt hat.

Brauchen wir denn wirklich Hochgeschwindigkeits-Internet auf dem letzten Bauernhof und auf der letzten Hallig?
Ja, wenn dadurch Arbeitsplätze entstehen oder erhalten werden. Es kann doch nicht sein, dass Unternehmer in Brandenburg jeden Tag zu einer Autobahnraststätte fahren müssen, weil dort ein Hot-Spot existiert. Und dass wir UMTS, oder demnächst LTE, auch auf dem Land benötigen, steht außer Zweifel. Die Landwirte sind doch technisch auf der Höhe der Zeit und nutzen moderne Kommunikationstechnologien zur Optimierung des Ressourceneinsatzes, der Ernteerträge und ihrer Prozesse. Es geht um eine Vielzahl von neuen Anwendungen, vom GPS-gesteuerten Traktor bis zum satellitengestützten Einsatz von Düngemitteln. LTE wird mit praktischen Anwendungen in der Breite sicherlich erst 2011, 2012 eine Rolle spielen. Die Technologie wird jetzt entwickelt.

Möchte denn jeder Landwirt ins Internet?
Vielleicht nicht jeder, aber immer mehr. Ein Bauernhof ist ein Wirtschaftsbetrieb, mit Einkauf, Produktion und Verkauf. Die Anforderungen an Betriebe haben sich geändert. Wenn wir innovativen Köpfen nicht die Technologie zur Verfügung stellen, um zum Beispiel Produkte im Internet zu vermarkten, beschwören wir letzten Endes eine weitergehende Landflucht herauf. Unternehmen, ganz gleich in welcher Branche, und Familien würden dann die ländlichen Gebiete verlassen.

Haben Sie eine tagesaktuelle Forderung an die Politik?
Unser Verband schreit nicht jeden Tag nach staatlicher Förderung. Im Gegenteil: Unsere Unternehmen haben immer deutlich gemacht, dass sie selbst bereit sind, in den Ausbau der Infrastruktur zu investieren. Wir haben mit der Bundesregierung eine Roadmap für den Breitband-Ausbau entwickelt. Daran können sich die Unternehmen orientieren und wir zeigen, was an Infrastruktur-Maßnahmen notwendig ist. Diese Roadmap zu verfolgen, ist unser Ziel. Das gibt den Unternehmen Planungssicherheit.

Kommen Sie denn entsprechend mit der Roadmap voran?
In allen Bereichen haben wir gute Beispiele, mit Glasfasernetzen und mit drahtlosen Technologien. Auf der CeBIT werden hier zahlreiche Unternehmen und Kommunen ihre Best-Practices im Rahmen unserer Broadband World in der Halle 13 vorstellen.

Was behindert denn den weiteren Breitbandausbau in Deutschland?
Vor allem Wissenslücken zu den Technologien, was an der Komplexität der Thematik und der Technologien liegt. Es gibt auch eine gewisse Unsicherheit bei den Verantwortlichen in den Landkreisen und Kommunen: Wer braucht wie viel Bandbreite? Welche Technologie ist für die jeweilige Topologie am besten geeignet? Welche Services sind erforderlich? Teilweise müssen wir hier die Nutzungskonzepte maßgeschneidert entwickeln.

Welche neuen Geschäftsmodelle würden sich denn ergeben, wenn Breitband-Internet-Anschlüsse in der Fläche verfügbar sind?
Es gibt da sicherlich keine revolutionären Konzepte, sondern kleine, spannende Geschäftsmodelle wie zum Beispiel "Landfrauen ans Netz". Da geht es nicht um das Austauschen von Rezepten, sondern um smarte E-Shops. Mich begeistern solche Ideen. Solche Kreativität kann immer wieder entstehen, wenn die Breitband-Infrastruktur ausgebaut wird. Das Internet hilft hier ja auch Kosten zu sparen, denn dann muss nicht mehr jeder 50 km weit in die nächste Stadt fahren, um einen Antrag abzugeben, einen Arzt zu konsultieren oder ein Produkt auf den Markt zu bringen.




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